Die Reformlüge

Linkes Schulprojekt »Inklusion« in der Defensive: Aufbegehren selbst in den eigenen Reihen

28.10.14
Behinderte Kinder benötigen eine besondere Förderung: Das Geld dafür fehlt allerdings in Berlin. Bild: imago

Behinderte mit nichtbehinderten Kindern zusammen zu unterrichten ist der umstrittene Plan linker Schulreformer. In der Praxis bringt der Versuch selbst seine einstigen Unterstützer gegen die Politik auf. Für Berlins SPD-Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sind schwere Zeiten angebrochen.

Die Unterrichtung von behinderten Kindern auf normalen Schulen gilt als das Reformprojekt moderner Pädagogik schlechthin. In der Realität entpuppt sich die Reform allerdings als Sparprogramm zulasten der Schwächsten. Vor allem seit Beginn des neuen Schuljahrs kommt Berlins Bildungssenatorin Scheeres ausgerechnet bei dem Thema, das sie als Schwerpunkt ihrer Amtszeit bezeichnet hatte, zusehends  unter Druck.
Nachdem vor einigen Wochen schon von Eltern und Gewerkschaftern heftige Kritik an der Umsetzung der Inklusion gekommen war, sorgte nun ein Brandbrief von Grundschulleitern aus dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg für neues Aufsehen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen seien sie nicht mehr in der Lage, förderbedürftige Kinder angemessen zu betreuen, so die Warnung der Schulleiter vor einem Scheitern der Inklusion.

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Noch drastischer haben inzwischen Eltern der Kreuzberger Charlotte-Salomon-Grundschule ihrem Unmut Luft gemacht. Auf Veranstaltungen, an denen auch die Bildungssenatorin teilnahm, schlugen sie in den letzten Wochen mit Deckeln auf Kochtöpfe. Eine Anspielung auf die Etat-Deckelung, die sich in Berlin als ein Grundproblem der Inklusion herausgestellt hat. Während die Zahl der Kinder mit Förderbedarf an den Regelschulen massiv angestiegen ist, wurde der entsprechende Etat einfach nicht dem Bedarf angepasst. Im Alltag kommt dies für die Betroffenen einer teilweise drakonischen Rotstift-Politik gleich. Im Jahr 1999 gab es nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin 5120 Integrationsschüler. Bis zum Schuljahr 2013/14 ist die Zahl auf 12330 gestiegen. Mit dieser von der Politik erwünschten Entwick-lung nicht mitgehalten hat allerdings Bereitstellung der nötigen finanziellen Mittel durch die Politik. So ist die Zahl der Lehrerstellen im genannten Zeitraum nur um gut 200 auf 1415 gestiegen.
Völlig am Bedarf vorbei gehen auch die Budgets für die notwendigen Förderstunden: Sprach- und lernbehinderte sowie verhaltensauffällige Kinder an Regelschulen haben zuletzt nicht mehr die von der Verwaltung  zugesicherten wöchentlichen zweieinhalb bis drei Förderstunden pro Woche erhalten, sondern im Schnitt nur noch eineinhalb. Dadurch habe der rot-schwarze Senat 195 Lehrerstellen eingespart, so der Vorwurf der GEW.
Wie durch eine Anfrage der Abgeordneten Stefanie Remlinger (Grüne) bekannt wurde, haben rund 5000 Schüler in Berlin im vergangenen Schuljahr weniger Förderstunden bekommen, als ihnen zugestanden haben. Auch die bewilligten Mittel für die Schulhelfer, die behinderten Kindern einen Besuch regulärer Schulen überhaupt erst möglich machen sollen, sind völlig unzureichend. Wie sich das ganz konkret auswirkt, wird an einem Fall deutlich, auf den Regina Kittler, die Bildungsexpertin der Linkspartei, aufmerksam gemacht hat. Eltern eines behinderten achtjährigen Mädchens hatten die Politikerin angesprochen, weil ihr Kind  im Rollstuhl sitze und nur über Augensteuerung den Computer bedienen könne. Für die Betreuung stehen dem Kind pro Woche eigentlich 20 Schulhelferstunden zu – tatsächlich bekommt das schwerbehinderte Mädchen derzeit aber nur vier Stunden.

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Bleibt es bei der mangelhaften Finanzausstattung, drohen allerdings nicht nur den Kindern mit Förderbedarf durch das Reformprojekt Inklusion massive Nachteile. Fehlen Pädagogen und Schulhelfer, werde dies, so die allgemeine Befürchtung, unvermeidlich negative Rückwirkungen auf den gesamten Unterricht und den Lernerfolg auch der nichtbehinderten Schüler entfalten. „Wenn ein auffälliges Kind austickt, ist keiner mehr da, der es beruhigen kann. Darunter leidet eine Klasse“, so ein Schulleiter. Mit den Problemen im Schulalltag alleingelassen, kommen inzwischen selbst Befürwortern des Reformprojekts Zweifel. „Gerade diejenigen Lehrer, die wirklich die inklusive Schule wollen, sind nun frustriert“, lautet das ernüchternde Fazit von Lothar Semmler von der GEW-Schulleitervereinigung. Wie tief das Projekt Inklusion mittlerweile in der Sackgasse steckt, wurde vor Kurzem bei einer aktuellen Stunde im Berliner Abgeordnetenhaus deutlich. Bei der von der Linkspartei auf die Tagesordnung gesetzten Debatte unter dem Titel „Blockade im Senat – für Inklusion keinen Plan, für Integration keine Mittel“ musste Scheeres sogar Kritik aus den Reihen der eigenen rot-schwarzen Koalition einstecken. Die CDU-Bildungsexpertin Hildegard Bentele bemängelte etwa, im Senat sei schon lange nicht mehr über Inklusion gesprochen worden. Sie wolle allerdings „lieber ein Prozent gut gemachte als fünf Prozent schlecht gemachte Inklusion“. Entweder Berlin bekenne sich zur Deckelung der Mittel und begrenze den Schulbesuch behinderter Kinder in Regelschulen oder es müsse mehr Geld investiert werden. Deutliche Skepsis angesichts der Entwicklung war sogar bei Scheeres’ Parteigenossin Ilkin Özisi zu spüren: Inklusion sei „eben kein Knopf, den man drückt, und dann ist sie da“. Der Prozess brauche Zeit und Geld, das momentan nicht zur Verfügung stehe, so die SPD-Abgeordnete. Norman Hanert


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Kommentare

Günther Adens:
19.11.2014, 15:43 Uhr

Natürlich gehen fehlende Finanzen und Betreungskapazitäten als scheinheilige Argumente an der Sache vorbei. Genauso, wie es für die ideologischen Weltverbesserer keine Geschlechter gibt, existieren für sie auch keine Behinderungen, schon gar keine geistigen. Die im Artikel erwähnte Kritik ist nichts weiter als der Ausdruck der Wut darüber, daß die im vorgehenden Kommentar erwähnten nichtsnutzigen Gesellschaftsingenieure zu wenig öffentliche Alimentation für ihre Scheintätigkeit erhalten.


Andreas Müller:
28.10.2014, 20:23 Uhr

Das ist wie bei allen rot-grünen Mistzeug.
Exessive Sparmassnahmen werden dem Michel als Scheinheilige sameritische Heldentaten verkauft.

Erst werden teuere päd. Sonderschullehrer quasi durch billigste "Schulhelfer" ersetzt, um dann diese dann auch noch einzusparen.

Und man sollte sehr genau hinsehen was alles unter dem Label "Schulhelfer" so verkauft wird!!!
Schuhverkäuferinnen, die aus der Erziehungsphase kommen, Sonderschüler, die mit ach und krach eine "Qualifizierung" zum "Sozialhelfer" "bestanden" haben, die selbst für eine Friseursausbildung sonst zu blöd sind.
Und das ganze bei profitorientierten Sklavenhändlern bei 6-8 Euro/Std. auf Honorarbasis und als besseres H4-Aufstocker mit NULL Renteneinzahlungen und Fortzahlung im Krankheitsfall und NO Urlaubsgeld.

Und das bei multiplexen Behinderungen der Kinder, die selbst gestandene Pädagogen fordern.

Und Hurra!!! in Klassen, die in Mengen die Lebensfreude der kulturverbessernden Talente frönen.
Ein deutsches behindertes Kind künftig PLANMÄßIG dort sich slebst zu überlassen kommt vorsätzlicher Körperverletzung gleich!!!
Erbärmlicher kann Politik nicht gestaltet werden.


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