Die Winterschläfer von Potsdam

Besuch im Orangerieschloss, wo Palmen und andere exotische Gewächse den Winter verbringen, ehe sie nach draußen dürfen

09.02.14
Neue Orangerie: In den Gebäudeflügeln halten die Pflanzen derzeit ihren "Winterschlaf" Bild: Friedrich

Sanssouci fasziniert zu jeder Jahreszeit. Im Winter lohnt ein Bummel durch die Pflanzenhallen in der Neuen Orangerie.

Soll man es bedauern, dass die Via Triumphalis niemals fertig wurde? Sie war der Jugendtraum König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861), dem eifrigsten Bauherren auf Preußens Thron. Im Park von Sanssouci sollte sie entstehen, nach antikem römischem Vorbild. Schon als Kronprinz zeichnete er Pläne. Seine Italienreisen beeindruckten ihn nachhaltig. Roms Forum Romanum, die kaiserlichen Foren, die sieben Hügel der ewigen Stadt lieferten die Vorlagen. In einer Triumphstraße sollten Prachtbauten für den Soldatenkönig Fried­rich Wilhelm I. und seinen Sohn Friedrich II. entstehen, die diese göttergleich verherrlichten.
Schon 1830 begann Karl Fried­rich Schinkel auftragsmäßig zu planen, nach ihm sein Schüler Ludwig Persius. Als Tor zur Straße entstand im bescheidenen Potsdam 1850/51 ein monumentaler Bogen, dem als Vorbild der Argentarierbogen in Rom diente. Die Prunkstraße sollte sich oberhalb des Berges entlang hangeln, sich per Viadukt zur Terrasse von Sanssouci erheben, durch die Kolonnaden des Schlosshofes winden und – an der monumentalen Orangerie vorbei – am Belvedere auf dem Klausberg enden.
Es wurden eifrig Baugruben ausgehoben, verwirklicht wurde jedoch wenig. Vielleicht wegen der immensen Kosten, vielleicht auch wegen der unruhigen Zeiten. Immerhin lag des Königs Regentschaft genau in der Zeit der 1848er Revolution. Die Deutschen riefen nach Einigung, einer Verfassung, Wahlrecht und besseren Lebensbedingungen. Zuviel für einen Herrscher, der die mittelalterliche Ständeordnung favorisierte. Möglich, dass er sich mithilfe seiner zeichnerischen Begabung in Traumwelten flüchtete. In eine Zeit, als die Untertanen noch nicht aufmuckten, als die von Gott gegebene Ordnung, an die er glaubte, unerschütterlich war. „Ge­gen Demokraten helfen nur Soldaten“, soll er gesagt haben und ließ weiterbauen.
Ein Monument der Höhenstraße wurde fertiggestellt. Und wer davor steht, wähnt sich allein wegen der Ausmaße im alten Rom. Die vorgelagerten Terrassen haben die Größe von Fußballfeldern. Atemlos bestaunt der Besucher ein Schloss, das den nördlichen Hügel des Parks bekrönt. Nach Vorbildern der Villen Medici und Pamphili in Rom errichtet, mit einer Gartenfront von über 300 Me­tern: die Neue Orangerie. Der König selbst hatte skizziert, Ludwig Persius, Fried­rich August Stüler ebenfalls. Ludwig Ferdinand Hesse führte dann aus.
So entstanden 1851 bis 1864 eine vierflügelige Doppelgeschossanlage, Schaufronten mit ausladenden Orangerien, Eckpavillons, Triumphbögen, Loggien und eine durch Kolonnaden verbundene Doppelturmanlage, die als Belvedere diente. Klar, so etwas durfte ja auch bei keiner römischen Villa fehlen. Wer sich über alte Treppen zur Aussichtsplattform hangelt, wird mit einem famosen Blick in die Weiten Brandenburgs belohnt.
Die mit südlichen Pflanzen geschmückte Terrassenanlage lädt zum Verweilen. Den Winter über lagern Hunderte exotischer Kübelpflanzen aus den Parks von Sanssouci und Babelsberg in den über 100 Meter langen Pflanzenhallen. Bis zu drei Tonnen wiegen die edlen Gewächse. Vor dem Krieg fanden Orangenbäumchen, die zur Olympiade 1936 angeschafft wurden, hier ebenfalls ein Heim. 1945 wurden die Räume unter Bewachung der Roten Armee leer geräumt, die Pflanzen gen Osten transportiert. Wenn sie überlebt haben, könnte die eine oder andere vielleicht heute in Sotschi stehen und südliches Flair in den Winter Russlands tragen.
Die bodentiefen, nach Süden ausgerichteten Fenster der Pflanzenhallen garantieren optimale Beleuchtung. Die ideale Temperatur von sechs bis sieben Grad wird durch eine Gasheizung erzeugt. Sollte die Technik ausfallen, ist noch immer die alte Fußbodenheizung funktionstüchtig. Im Heizkeller liegen Holzscheite bereit. Das Ausfahren der Pflanzen im Mai ist seit über 200 Jahren ein großes Ereignis. Man steht und staunt, und dieses Gefühl des Bleiben-Wollens ereilt einen des Öfteren.
Wer das Schloss im Stil italienischer Renaissance besichtigt, wandelt auf den Spuren der Kaiserin Alexandra Fjodorowna, Schwester Friedrich Wilhelms IV. Geboren als Charlotte von Preußen, heiratete sie 1817 Nikolaus I. von Russland. Als Zaren-Witwe wohnte sie später auch mal im Orangerie-Schloss.
Wahrhaft kaiserlich erscheinen auch die mit kostbaren Seidenbespannungen ausgeschmückten Räume und vermitteln höfische Wohnkultur des 19. Jahrhunderts. Hier eröffnet sich dem Gast schließlich das Kernstück des Schlosses: der Raffael-Saal. Weil der Vater Friedrich Wilhelm III. ein begeisterter Sammler vieler Kopien von Raffael-Gemälden war, ließ sein Sohn einen zweigeschossigen Oberlichtsaal als Museumsraum errichten. In vergoldeten Rahmen kann man sich dem Studium 50 berühmter Raffael-Reproduktionen, wie zum Beispiel der „Sixtinischen Madonna“ oder der „Verklärung Christi“ widmen. Atemberaubend ist die Pracht des Saales, wenn  das kunstvolle Licht auf die Meisterwerke fällt.
Nicht ins Schloss, aber in die Pflanzenhallen lud die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) zur Jahrespressekonferenz. Man verwies damit auf das bevorstehende Gartenjahr 2014. Mit der von April bis Oktober laufenden Freilicht-Ausstellung „Paradiesapfel“ werde man die Gäste paradiesisch in 19 Stationen verführen, erklärte Generaldirektor Hartmut Dorgerloh. Der Park liefere das Inventar, wie Pflanzen, Skulpturen, Gehölze und Architekturen. Über das landschaftlich gestaltete Kunstwerk sowie die Früchte praktischer Gartenarbeit sollen die vielen Facetten der Grünanlagen erfahrbar werden.
Ein Grund für die Ausstellung sei der nach der Friederisiko-Ausstellung 2012 erfolgte Besucherrückgang im vergangenen Jahr. Aus Anlass des 60. Geburtstages der Musikfestspiele von Sanssouci können Gäste erstmals am 22. Juni in der „Nacht der Antike“ Konzerte besuchen, die Gemäldegalerie nachts besichtigen und dort auf Matten ruhen, um den Sonnenaufgang zu erwarten. Auch an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren wird erinnert. Die Stiftung zeigt ab Juli im Neuen Palais die Original-Feder, mit der Wilhelm II. den Befehl zur Mobilmachung unterzeichnet hat.
Weitaus freudiger ist die Wiedereröffnung der Kolonnade am Neuen Palais, die vom 11. bis 14. September mit der barocken Pferdeoper „Le Carrousel de Sanssouci“ gefeiert wird. Die Pflanzenhallen kann man im Sommer für festliche Anlässe mieten. Prinz Georg Friedrich von Preußen feierte hier vor drei Jahren seine Hochzeit. Seinen Urahnen hätte es gefreut. Schade, dass die Via Triumphalis nie ganz fertig wurde.   

Silvia Friedrich


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Kommentare

Andreas Müller:
9.02.2014, 10:38 Uhr

Hier werden immer wieder schöne Berichte über unsere Kultur veröffentlicht, die sich wohlwollend von dieser Totalvolksverblödung a la Bohlen/Klum/Dschungelcamp abhebt.

Danke!


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