Dreimal Kolberg

Was 1807 geschah – der Film – und die bittere Realität

18.01.19
Der preußische Feldmarschall August Neidhardt von Gneisenau gratuliert Joachim Nettelbeck zur erfolgreichen Verteidigung der Stadt Kolberg gegen die Truppen Napoleon Bonapartes. Geschaffen von Georg Meyer-Steglitz 1904, es stand bis 1945 vor dem Kolberger Dom

Dreimal wurde um die pommersche Stadt Kolberg gekämpft: zweimal real mit Waffen – einmal nur auf der Leinwand. Die Ereignisse des Jahres 1807 machten die kleine Hafenstadt bekannt und zum Symbol für Tapferkeit und Standvermögen. Napoleon hatte den preußischen König eingelullt und davon abgehalten, sich einer Allianz von Russen und Österreichern anzuschließen. Am 2. Dezember 1805 - bei der sogenannten Dreikaiserschlacht von Austerlitz - fehlte die preußische Armee auf dem Schlachtfeld. Nachdem Napoleon sich Russen und Österreicher vom Hals geschafft hatte, provozierte er Preußen immer ungenierter. Es kam zum Krieg. Preußen stand allein gegen die Armee des Korsen. Am 14. Oktober 1806 kam es bei Jena und Auerstedt zur Schlacht. Die preußische Armee wurde vernichtend geschlagen. In der Folge kapitulierten fast alle preußischen Festungen kampflos. Nur Danzig, Graudenz und Kolberg hielten stand. Der Bürgerrepräsentant Joachim Nettelbeck – eine Art Bürgermeister – war in Kolberg die Seele des Widerstands. Erstmals wurde die eigentlich zivile Bürgerschaft zu einem militärischen Faktor. 

Auf Nettelbecks Drängen löste der König den unfähigen Stadtkommandanten Ludwig Moritz von Lucadou ab und ersetzte ihn ab dem 29. April 1807 durch den damals noch vollkommen unbekannten Major Neidhardt von Gneisenau. Zuvor hatte das vom Rittmeister Ferdinand von Schill formierte Freikorps durch Lucadous Versagen zwei Niederlagen gegen die französischen Belagerer hinnehmen müssen. Vom 14. März 1807 bis zum 2. Juli 1807 dauerten die Kämpfe um Kolberg. General Louis Henri Loison setzte rund 22.500 Soldaten ein, um Kolberg zu stürmen. Gneisenau konnte nur 6.500 Soldaten einsetzen. Die Zahl der französischen Verluste (Gefallene, Verwundete, Gefangene und Deserteure) beliefen sich auf 8.000 bis 10.000 Soldaten. Gneisenaus Streitmacht verlor rund 2.000 Mann. Durch den rücksichtslosen französischen Artilleriebeschuss hatte auch die Zivilbevölkerung Kolbergs merkliche Verluste. Die hohe Zahl der „französischen“ Deserteure erklärt sich daraus, dass Napoleon vornehmlich „Beutefranzosen“ aus den Niederlanden, Italien, Württemberg und dem Rheinland in den Kampf warf. Insbesondere die deutschen Rheinländer sympathisierten meist mit den Verteidigern Kolbergs. 

Unterstützung erhielten die Verteidiger mehrfach von schwedischen und britischen Kriegsschiffen, die mit ihrer Artillerie in die Kämpfe eingriffen und Waffen und Munition nach Kolberg brachten. Erstmals nach Jena und Auerstedt konnte vom 7. bis 9. Februar 1807 eine russisch-preußische Armee bei Preußisch Eylau in einer Schlacht Napoleon stand halten. Die gehaltenen Festungen Danzig, Graudenz und Kolberg hielten Napoleon davon ab, seine Truppen in Preußisch Eylau zu konzentrieren. Am 2. Juli 1807 schwiegen die Waffen. In Tilsit wurde über einen Frieden verhandelt. Gneisenau hatte Kolberg bis dahin verteidigen können. Zunächst war der Freikorpskommandeur Ferdinand von Schill populärer als Gneisenau, der ihm den Ruhm auch gönnte. Mit den Jahren wurde aber der Verdienst des letzteren mehr gewürdigt. 

1821 und 1823 veröffentlichte Nettelbecks seine Lebenserinnerungen. 1862 wurde das Theaterstück „Colberg 1807 oder: Heldensinn und Bürgertreue“ von Paul Wendt in Stettin uraufgeführt. 1868 erschien Paul Heyses Theaterstück „Colberg“. Es war zunächst von der Obrigkeit wenig geschätzt, weil der Beitrag der Kolberger Bürger bei der Verteidigung ihrer Stadt heraus gestellt wurde. Man sah darin demokratische Tendenzen und ein Bekenntnis zur Wehrpflicht. 

Wenn man so will, begann damit die zweite Schlacht um Kolberg – die auf der Leinwand und im Kinosaal. Der Reichsminister für „Volksaufklärung und Propaganda“ Dr. Josef Goebbels höchstselbst verfügte 1943 (nach den Ereignissen von Stalingrad) die Verfilmung des Stoffes. Dazu wurde Paul Heyses Theaterstück als Vorlage herangezogen. Mit Veit Harlan wurde einer der fähigsten Filmregisseure dieser Zeit mit der Umsetzung beauftragt: „Hiermit beauftrage ich Sie, einen Großfilm ‚Kolberg‘ herzustellen. Aufgabe dieses Films soll es sein, am Beispiel der Stadt, die dem Film den Titel gibt, zu zeigen, dass ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet. Ich ermächtige Sie, alle Dienststellen von Wehrmacht, Staat und Partei, soweit erforderlich, um ihre Hilfe und Unterstützung zu bitten und sich dabei darauf zu berufen, dass der hiermit von mir angeordnete Film im Dienste unserer geistigen Kriegführung steht.“  

Am 22. Oktober 1943 begannen die Dreharbeiten. Mit Heinrich George als Nettelbeck, Kristina Söderbaum als weibliche Hauptrolle, Horst Caspar als Gneisenau, Gustav Diessel als Schill und Paul Wegener als Lucadou waren absolute UFA Stars für die Hauptrollen verpflichtet worden. Selbst für die nur kurz auftretende Königin Luise war mit Irene von Meyendorf ein Star eingesetzt worden. Harlan stellte den Film im August 1944 fertig. Goebbels war aber nicht ganz zufrieden und ließ Änderungen vornehmen. 

Auffällig waren die Versuche, die militärische Lage Preußens 1807 auf die Deutschlands 1944/45 zu übertragen. Alliierte Bombenangriffe sollten den französischen Artilleriebeschuss darstellen. Die Mobilisierung der Bürger Kolbergs sollte für die Erfolgsaussichten des Volkssturms herhalten. Die von Nettelbeck illustrierte Unfähigkeit Lucadous wurde so weit überzeichnet, dass sie schon als Sabotage angesehen werden konnte. Goebbels war anderseits bemüht, zu viel „Blut und Brutalität“ aus dem Film heraus zu schneiden. Der anstehende Kampf der „Volksgenossen“ sollte weniger grausam dafür aber um so mehr als aussichtsreich dargestellt werden. 

Aber Goebbels hatte zu lange an dem Film „herumgedoktert“. Er kam zu spät Als er am 30. Januar 1945 – dem Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten – endlich fertig war, hatten die Deutschen andere Sorgen. Die Westalliierten standen fast am Rhein, die Russen waren auf ihrem Marsch zur Oder. Ein Flugzeug brachte die Filmrolle in die belagerte französische Hafenstadt La Rochelle und am 30. Januar 1945 wurde der Film dort und in Berlin uraufgeführt. Gut drei Monate später war der Krieg aus. Nach 1945 war die Aufführung von „Kolberg“ zunächst verboten und gilt auch heute noch als sogenannter „Vorbehaltsfilm“. 

Die dritte Schlacht um Kolberg dauerte nicht so lange, war aber dennoch auch sehr verlustreich. Adolf Hitler hatte die Stadt schon im November 1944 zur „Festung“ erklärt. Am 12. Januar 1945 begann die Rote Armee ihre Weichsel-Oder-Operation, die mit dem Ausbruch aus dem Baranow-Brückenkopf begann. Die letzten Panzerreserven hatte Hitler zuvor in der Ardennen Offensive „verheizt“. 

Am 4. März 1945 standen vornehmlich polnische Truppen vor Kolberg. Neben den 35.000 „regulären“ Einwohnern beherbergte die Stadt noch rund 50.000 Flüchtlinge – vornehmlich aus Ostpreußen. 

Neben Wehrmacht- und Volkssturm-Angehörigen hatten sich in Kolberg auch versprengte französische SS-Soldaten der 33. Waffen-Grenadier-Division der SS „Charlemagne“ eingefunden. Aber es half nichts. In der Zwischenzeit hatte die Kriegsmarine den Großteil der Zivilisten Richtung Westen abtransportiert. Zuletzt wurde in der Innenstadt, am Bahnhof und am Hafen gekämpft. Die meisten überlebenden Verteidiger konnte die Kriegsmarine evakuieren. 350 bildeten die Nachhut und gerieten in Gefangenschaft. Der polnische Historiker Dr. Hieronim Kroczynski hat über diese Zeit geforscht und kam zu dem Ergebnis, dass etwa 1300 polnische und 268 deutsche Soldaten 1945 im Kampf um Kolberg fielen. Dazu kommen 173 vermisste deutsche Soldaten.

Goebbels verbot die Bekanntgabe des Falls von Kolberg am 18. März 1945. Über die französischen Verteidiger der Stadt wurde auch geschwiegen. 

Frank Bücker


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