Druck auf Braunkohle nimmt zu

Drei Blöcke in den Kraftwerken Jänschwalde und Niederaußem vom Netz genommen

16.10.18
Der Protest hatte zumindest teilweise Erfolg: Kühlturm des Grundlastkraftwerks in Bergheim-Niederaußem Bild: Imago

Trotz immensen Aufwandes wird Deutschland seine eingegangenen Verpflichtungen zur Reduktion der Kohlendioxid-Emission kaum einhalten können. Das drohende Scheitern könnte weitreichende Folgen haben.

Noch bevor die sogenannte Kohlekommission sich auf ein Datum zum Ausstieg aus der Kohleverstromung verständigt hat, gehen immer mehr Kapazitäten in Kohlekraftwerken vom Netz. Bereits Ende September ist in dem südbrandenburgischen, überwiegend mit Braunkohle aus der Niederlausitz befeuerten Wärmekraftwerk Jänschwalde einer der sechs Blöcke vom Netz gegangen.
Der stillgelegte Block war 1989 in Betrieb gegangen und war zwischen 1994 und 2014 mit neuester Turbinen- und Umwelttechnik ausgerüstet worden. Die Investitionen haben den Wirkungsgrad des Kraftwerks deutlich gesteigert und die Kohlendioxid-Emissionen gesenkt – trotzdem soll in Jänschwalde im kommenden Jahr ein weiterer Block vom Netz genommen werden. Bei dem Kraftwerksbetreiber, der Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG), werden mit dieser Entwicklung etwa 600 Arbeitsplätze in den nächsten Jahren wegfallen.
In Nordrhein-Westfalen hat der Energieversorger RWE Ende September zwei Blöcke im Braunkohlekraftwerk Niederaußem im Rheinischen Revier abgeschaltet. Wie in der Lausitz bleiben die Blöcke bis zu ihrer endgültigen Stilllegung in vier Jahren in Sicherheitsbereitschaft. Die Betreiber solcher Reservekraftwerke werden laut Auskunft der Bun­desregierung allein für die Jahre 2017 und 2018 voraussichtlich 234 Millionen Euro erhalten. Die Vergütung für die Bereithaltung als Reservekraftwerke ist in die Netzentgelte eingepreist, die von den Stromkunden bezahlt werden müssen.
Wie wichtig die herkömmlichen Kraftwerke noch immer sind, wurde erst wieder im vergangenen Sommer deutlich. Das monatelange Hochsommerwetter war häufig mit einer Flaute in den Windkraftanlagen verbunden. Um in solchen Lagen auch ohne Kraftwerke auskommen zu können, soll Energie aus Windparks und Solaranlagen künftig auf der Basis von Methan oder Wasserstoff gespeichert werden. Noch sind die herkömmlichen Reservekraftwerke wie etwa Jänschwalde für die Versorgungssicherheit aber unverzichtbar.
Den Abschaltungen in der Lausitz und im Rheinland sollen in den nächsten Jahren noch weitere folgen. Grundlage für diese Entwicklung ist eine Regelung im Energiewirtschaftsgesetz. Dieses sieht vor, bis 2020 durch die Trennung mehrerer Kohlekraftwerksblöcke vom Netz bis zu 12,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid einzusparen. Trotz solcher Schritte zeichnet sich ab, dass die Bundesregierung ihre selbstgesteckten Ziele bei der Energie- und Klimapolitik nicht erreicht.
Erst vor Kurzem hat der Bun­desrechnungshof vor einem Scheitern der sogenannten Energiewende gewarnt. Kay Scheller, der Präsident des Bundesrechnungshofes, sagte: „Der enorme Aufwand und die starke Belastung der Bürger und Wirtschaft stehen in krassem Missverhältnis zum bisher dürftigen Ertrag der Energiewende. Wenn die Energiewende gelingen soll, muss die Bundesregierung umsteuern.“ Scharfe Kritik übten die Rechnungsprüfer insbesondere am Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Die Energiewende ist aus Sicht des Rechnungshofs unzureichend koordiniert und mangelhaft gesteuert.
Zudem sind die finanziellen Belastungen der Wirtschaft sowie der öffentlichen und privaten Haushalte enorm. Nach den Berechnungen des Bundesrechnungshofs betragen die Belastungen allein im Jahr 2017 mindestens 34 Milliarden Euro. Diese hohen finanziellen Lasten stehen im Kontrast dazu, dass, so der Bundesrechnungshof, Deutschland fast alle Ziele der Energiewende bis zum Jahr 2020 verfehlen wird.
Mit dem Pariser Klimaabkommen und einem 2016 verabschiedeten „Klimaschutzplan 2050“ hat sich die Bundesregierung verpflichtet, die Emissionen sogenannter Treibhausgase im Vergleich zu 1990 drastisch zu reduzieren. Zusätzlich ist Deutschland im Rahmen der EU noch europarechtlich rechtlich bindende Verpflichtungen zur Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen eingegangen, die nicht dem EU-Emissionshandelssystem unterliegen. Dies betrifft etwa den Verkehrssektor, den Gebäudebereich, die Landwirtschaft und die Abfallwirtschaft. Nach Berechnungen, die das Institut „Agora Energiewende“ vorgelegt hat, wird Deutschland allein in diesen Bereichen im Jahr 2020 das Ziel um voraussichtlich 93 Millionen Tonnen Kohlendioxid verfehlen.
Die bindenden Verpflichtungen im Rahmen der EU drohen für Deutschland in den kommenden Jahren eine teure Angelegenheit zu werden, da die Nichteinhaltung der sogenannten Klimaziele durch den Zukauf von Emissions-Zertifikaten ausgeglichen werden muss. Bislang waren diese Zertifikate in der EU reichlich vorhanden. Sollte sich das Angebot ab 2020 infolge schärferer Auflagen aber verknappen, könnten laut „Agora“ im nächsten Jahrzehnt auf Deutschland insgesamt Kosten von 30 bis 60 Milliarden Euro zukommen. In der Diskussion um den Ausstieg aus der Kohleverstromung könnten diese drohenden Milliardenkosten schon bald als Argument für eine beschleunigte Stilllegung aller Kraftwerke in der Lausitz oder im Rheinischen Revier dienen.    Norman Hanert


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Dr. Dr. Hnas-Joachim Kucharski:
22.10.2018, 10:15 Uhr

So grundsätzlich begrüßenswert ein mittelfristiger Ausstieg aus der fossilen Energie, und insbesondere der Braunkohle, ist: Man schafft es nicht einmal, die die Hafenstädte verpestenden Kreuzfahrtschiffe und Großfrachter mit Windkraftstrom zu versorgen, wenn sie in den Häfen, und damit erzeugungsnah, festmachen – von weiteren diesbezüglichen Dummheiten der Politik ganz zu schweigen. Und auch die ‚Unterstützungsmaßnahmen’ zugunsten des Braunkohleausstiegs im Hambacher Forst entbehren nicht der Groteske.
Schottlands Highlands sind deswegen so kahl, weil England das Holz für die Royal Navy brauchte, Jetzt bemüht man sich, das wieder aufzuforsten und macht das vorwiegend mit Nadelbäumen, weil sie schneller wachsen. Diese haben aber den Nachteil flacher Wurzeln, weshalb sie beim nächsten größeren Sturm wieder umgepustet werden können. Mischwald wäre hier angesagt.
Und bei uns gibt es eine Lüneburger Heide, weil man auch hier den Wald abholzte und eine Rekultivierung unterließ. Inzwischen wird die Abholzung und Vernachlässigung sogar inbrünstig besungen:
„In der Lüneburger Heide, in dem wunderschönen Land, [ ...]“
Und im Brandenburger Lied heißt es:
„Märkische Heide, märkischer Sand,
Sind des Märkers Freude, sind sein Heimatland.“
Ursprünglich bestand Germanien (fast ausschließlich) aus Wäldern (schon 98 n Chr. beschrieb es Tacitus als ein ‚ein Land von ‚silvis horrida’ (5,1 – das Adjektiv bezieht sich auf ‚terra’), also sinngemäß schrecklichen Wäldern), und alles Acker-, Weide- und Siedlungsland kann nur nach Rodungen entstanden sein. Man muß eben im Hambacher Forst nur den Mutterboden umgehend wieder aufbringen und aufforsten, wenn man den ursprünglichen Zustand, wenn auch verzögert, näherungsweise wieder herstellen will.
Wenn man konsequent wäre, müßte man eines Tages den Hambacher Forst genau so heiter besingen wie die Lüneburger Heide. Die vorgeführte Hysterie läßt das aber kaum erwarten. Etwas mehr Besonnenheit wäre bei aller Einsicht in die Notwendigkeiten schon angebracht.


Dietmar Fürste:
16.10.2018, 16:29 Uhr

Statt marktwirtschaftlicher Freiheit für modernisierte und saubere Kernkraft vernichtet sozialistische Planwirtschaft nun also auch noch moderne Kohle-Kraftwerk-Technik, weil man in der Kohle den neuen Feind erkannt haben will.

Energiewende als Projekt von Demagogen und Laien ohne praktische Vernunft, aber mit fanatischer Besserwisserei.

De-Industrialisierung als neuer Hype Grüner Weltretter und ihrer naiven Phantasie, das Klima "retten" zu müssen. Dabei können sie nicht mal für einen Tag das Wetter selber machen, oder?

Hauptsache, diese hauptberuflichen Schwätzer haben Macht, Einfluss und Wählerstimmen von Leuten, die nicht durchschauen, wie sie von solchen Leuten für eine Utopie belogen, abgezockt und dumm gehalten werden.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.