»Du allein fesselst mich an die Welt«

Der Schriftwechsel Friedrichs II. mit seiner Lieblingsschwester gehört zu den anrührendsten Zeugnissen deutscher Briefliteratur

28.06.12
Friedrich und Wilhelmine als Kinder: Gemälde von Antoine Pesne (1683–1757). Bild: mauritius

„Wir haben verschiedene Körper, aber nur eine Seele“, hatte Fried­rich der Große seinem Bruder Heinrich mitten im Siebenjährigen Krieg geschrieben, als er die Nachricht vom Tod seiner Lieblingsschwester Wilhelmine erhielt. In der Tat hat der König nach eigenen Worten keinen Menschen so geliebt wie seine drei Jahre ältere Schwester, keinem anderen gegenüber hat er sich in seinen Briefen so privat, so menschlich, ja herzlich gezeigt.

Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Wilhelmine vergötterte ihren Bruder geradezu. In Bayreuth, wo sie ab 1731 als Markgräfin lebte, litt sie unter ständiger Sehnsucht nach ihm, und in den schweren Kriegsjahren hat sie den zu Selbstmordgedanken neigenden König immer wieder aufzurichten vermocht. Als Friedrich am 14. Oktober 1758, genau an dem Tag, an dem ihm die Österreicher bei Hochkirch eine empfindliche Niederlage beibrachten, die Todesnachricht erhielt, ging ihm der Tod der Schwester mehr zu Herzen als die Niederlage selbst.
Friederike Sophie Wilhelmine, am 3. Juli 1709 geboren, war knapp drei Jahre älter als Fried­rich. Die Geschwister waren sich von früh an besonders nahe, zum einen wegen ihrer Neigung zu Musik und Kunst, zum anderen, weil sie gleichermaßen unter der despotischen Herrschaft ihres Vaters, des Soldatenkönigs, litten, der ihnen ihre Neigungen mit aller Gewalt auszutreiben versuchte. Wüsteste Beschimpfungen vor allen Hofleuten und oft genug auch Gewalttätigkeiten waren an der Tagesordnung. Als der König erfuhr, dass auch die Schwester in Friedrichs Fluchtversuch im Jahr 1730 eingeweiht war, schlug er sie derart, dass sie blutend und bewusstlos zu Boden fiel.
Beide mussten sich den Heirats­plänen des Königs fügen: Fried­rich mit der ungeliebten Braunschweigischen Prinzessin Christine, mit der er zeitlebens keine eheliche Gemeinschaft hatte, Wilhelmine mit dem Markgraf von Bayreuth, was wider Erwarten doch eine Liebesheirat wurde und sie anspornte, aus dem verschlafenen Bayreuth einen weithin gerühmten Kunst- und Musenhof zu machen. Ab und zu sahen sich die Geschwister noch, Menzel lässt zum Beispiel in seinem berühmten Bild „Das Flötenkonzert“ die Prinzessin hinter dem spielenden König auf dem Sofa sitzen, aber fortan mussten sie sich ihrer Zuneigung meist in Briefen versichern, die erhalten geblieben sind und zu den anrührendsten Zeugnissen deutscher Briefliteratur überhaupt gehören.
So schrieb sie ihm schon bald nach ihrer Ankunft in Bayreuth: „Ich könnte nur dann vollkommen zufrieden sein, wenn ich das Glück hätte, einen Bruder wiederzusehen, der mir tausendmal teurer ist als das eigene Leben.“ Und als Friedrich die ungeliebte Christine heiratet, schreibt er der Schwester: „Sie kommt mir heute hübscher vor als anfangs, das kommt daher, weil sie auf Dein Wohl getrunken hat. Ich habe ihr Bescheid gegeben, nicht ohne ein paar Tränen zu vergießen. Denn ich habe Dich nie so geliebt wie jetzt, und nie wünsche ich mehr, dass Du es glaubst.“
Wilhelmine hatte in Bayreuth das heute als Juwel des Barock gerühmte Markgräfliche Opernhaus errichten lassen und selbst Opern komponiert. Dem Bruder schreibt sie: „Ich lerne vier Tragödien, bestelle Kostüme, komponiere für die Oper. Das sind meine Staatsgeschäfte.“ Friedrich wiederum schreibt ihr aus Rheinsberg: „Liebste Schwester, wir haben hier ziemlich zahlreiche Gesellschaft. Wir kümmern uns nicht um Dinge, die das Leben verleiden und die Freuden verekeln. Wir spielen Tragödie und Komödie, haben Bälle und Musik jeder Art. Dabei geht die Philosophie stets ihren Gang, ist sie doch die sicherste Quelle unseres Glückes.“
Mit dem Regierungsantritt 1740 waren Friedrichs glückliche Jahre in Rheinsberg vorbei. Aber als Wilhelmine, ganz der Etikette entsprechend, den Bruder nun mit „Majestät“ anredet, will er’s nicht leiden: „Ich bitte Dich, liebste Schwester, mich stets nur als Deinen Bruder und als weiter nichts zu betrachten.“ Und die neuen Erkenntnisse als Herrscher fließen in die resignierte Feststellung ein: „Die Fürsten sind auf der Welt da, um Undank zu ernten.“
Im Mai 1748 wechseln sie die berühmt gewordenen „Hundebriefe“. Wilhelmine lässt ihren Zwergspaniel Folichon an Fried­richs Lieblings-Windspiel Biche schreiben: „Allerliebste Hündin. Ich liebe und bete Dich an. Ich schmachte seit unserer Trennung nach Dir. Schwermütig verbringe ich meine Zeit zu Füßen meiner Herrin. Ich höre sie über die grausame Trennung von einem geliebten Bruder klagen.“
Und Biche (alias Friedrich) antwortet: „Ja, Folichon, Du kannst mir sagen, was Du willst; ich habe Deine anbetungswürdige Herrin gesehen und Du wirst mir nicht ausreden, dass sie von weit höherer Art ist als wir. Wie geistvoll war ihre Unterhaltung: Und ihre unbestimmte Grazie, ihre durch Leutseligkeit gemilderte Würde lässt sie mir vollends anbetungswürdig erscheinen.“
Es ist nicht nur Tändelei, die zwischen Potsdam und Bayreuth hin- und hergeht. Wilhelmine zeigt erstaunliche Kenntnisse in Kunst und Philosophie und ist darin dem Bruder und König ebenbürtiger Partner. Als im Oktober 1754 das Markgrafenpaar nach Italien aufbricht, wird sie zahlreiche Kunstwerke aus der Antike und neuerer Zeit erwerben, die sie später dem König schenkt.
Der Beginn des Siebenjährigen Krieges im Jahre 1756 zieht Bayreuth und damit auch die Markgräfin direkt ins politische Geschehen; mehrfach droht das kleine Land von den Österreichern besetzt zu werden. Als schon 1757 nach der Niederlage bei Kolin Friedrichs Lage bedrohlich wird, schreibt er voller Resignation an die Schwester: „Was kann ich noch ausrichten? Der Feinde sind zuviel Das Leben ward uns von der Natur als eine Wohltat gegeben. Sobald es das nicht mehr ist, hört der Vertrag auf, und es steht jedermann frei, seinem Missgeschick ein Ende zu machen. Du allein fesselst mich noch an die Welt.“
Die Antwort kam postwendend: „Um Gottes Willen, beruhige Dich, lieber Bruder! Deine militärische Lage ist verzweifelt, aber es besteht Aussicht auf Frieden. Verbanne doch um Himmel Willen alle finsteren Gedanken. Willst Du so viele Untertanen umkommen lasen, die ihre einzige Hoffnung auf Deine Person setzen?“
Aber der König bleibt dabei: „Ich bin nicht trunken vor Eigenliebe, und nach meiner Überzeugung wird ein Unglücklicher mehr oder weniger auf Erden an der Weltordnung nichts ändern.“
Der glanzvolle Sieg bei Roßbach lässt dann die Stimmung wieder steigen, was für die Markgräfin freilich nicht mehr lange anhält. Friedrichs letzter Brief vom 20. September – „liebste Schwester, bedenke, dass Dein Tod mich zum elendsten Menschen auf Gottes Erdboden machen würde“ – hat sie schon nicht mehr erreicht. Sie starb am 14. Oktober 1758 im Alter von 49 Jahren. Nach dem Krieg hat Friedrich im Park von Sanssouci einen Freundschaftstempel mit der Statue der Schwester errichten lassen. Sie ist als Römerin gekleidet, als sinnende Philosophin, die von der Lektüre aufsieht und auf den Betrachter herabblickt.    Dirk Klose


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