Ein 68er des 19. Jahrhunderts

Konservativer Rebell und »sanfter Riese« – Der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew wurde vor 200 Jahren geboren

02.11.18
Passionierter Jäger: Turgenjew als Flintenmann Bild: Wikimedia

Von dem großen Dreigestirn der russischen Literatur, Dostojewski, Tolstoi, Turgenjew, ist Letzterer der Älteste. Vor 200 Jahren wurde der Autor des Romanklassikers „Väter und Söhne“ geboren.

Davor haben die großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur dann doch zurückge­schreckt. Weder Böll noch Grass, Walser oder Lenz haben einen Aufwiegler aus der 68er Generation als sympathischen Helden für einen ihrer Romane gewählt. Einen echten Revoluzzer also, einen Weltveränderer, der vielleicht ein angehender Arzt mit nihilistischen Apo-Gedanken ist.
Diese Figur gibt es tatsächlich, nur stammt sie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. In Iwan Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ ist es ein Medizinstudent, der die be­stehende Ordnung nicht anerkennen will, der sich aufmüpfig ge­gen­über der herrschenden Adelsschicht verhält und so etwas wie eine außerparlamentarische Op­position gegenüber dem Zarentum verkörpert.
Ein Nihilist sei er, sagt Basarow von sich, einer, der jegliche Autoritäten ablehnt. Und obgleich der Begriff Nihilismus schon lange vor der Entstehung des Romans im Um­lauf war, wurde er erst durch Turgenjews „Väter und Söhne“ populär. Bis heute identifiziert man Turgenjew mit diesem Be­griff, ob­gleich er selbst als Angehöriger des Adels alles andere als ein Nihilist war.
Als er am 9. November 1818 geboren wurde, besaßen seine Eltern südöstlich von Moskau im Gouvernement Orjol eine ganze Armee an Leibeigenen. Als er später das elterliche Gut übernahm, war Turgenjew der revolutionäre Freigeist und gab die bäuerlichen Seelen frei, lange bevor in Russland 1861 die Leibeigenschaft offiziell aufgehoben wurde.
Seine Anteilnahme am einfachen Volk brachte ihm den Durchbruch als Schriftsteller von Weltrang. Nachdem er sich in seiner Frühphase an schwülstigen Poemen und Dramen versucht hatte, veröffentlichte er in einer Zeitschrift eine kurze skizzenhafte Erzählung über das bäuerliche Leben. Die Resonanz der Leser war so überwältigend, dass er darin weitere 20 Erzählungen folgen ließ, die der passionierte Jäger 1852 unter dem Titel „Aufzeichnungen eines Jägers“ in Buchform erscheinen ließ. Dieser später auf 25 Erzählungen er­weiterte Zyklus begründete seinen Ruf als namhaftester Vertreter der realistischen Literatur in Russland.
Zusammen mit Dostojewski und Tolstoi bildete Turgenjew das Dreigestirn der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Untereinander war man sich aber nicht immer grün. Mit Tolstoi hätte sich Turgenjew fast duelliert, und mit Dostojewski, dem er in Baden-Baden noch Geld für dessen Spielleidenschaft geliehen hatte, geriet Turgenjew wegen seiner Vorliebe für Deutschland in einen heftigen Streit.
In Russland zog man, ähnlich wie heute, schon damals eine ideologische Grenze zwischen Westlern und Slawophilen. Und Turgenjew, der in Berlin studiert hat, der perfekt Deutsch sprach und zu dessen Freundeskreis Literaten wie Theodor Storm, Friedrich Spielhagen, Paul Heyse sowie Gustav Freytag zählten, galt als germanophil. Gegen­über Dostojewski soll er geäußert haben, „er fühle sich als Deutscher und nicht als Russe“.
In seinem Roman „Die Dämonen“ rächte sich Dostojewski auf seine Weise. In der Figur des eitlen Schriftstellers Karmasinow karikiert er den drei Jahre älteren Turgenjew als einen aus der Mode geratenen Autor: „Trotz seiner genauen Kenntnis und vollkommenen Beherrschung der guten Manieren sei er, dem Vernehmen nach, dermaßen eitel, sei es bis zu einer solchen Hysterie, dass er seine Empfindlichkeit als Autor nicht einmal in jenen Gesellschaftskreisen, wo man sich für Literatur wenig interessiert, zu verbergen verstehe. Wenn ihn aber zufällig jemand durch seine Gleichgültigkeit verblüffe, so nehme er sich das mit krankhafter Empfindlichkeit zu Herzen und suche sich zu rächen.“
Diese Charakterisierung widerspricht so ziemlich allen anderen Zeitzeugenberichten, die Turgenjew als sympathischen, weltgewandten Plauderer beschreiben. In Paris, wo er sich gegen Ende seines Lebens niederließ, wurde er von Salon zu Salon gereicht. Die Brüder Goncourt schrieben in ihrem „Journal“ über ihn: „Ein charmanter Koloss, ein sanfter Riese mit weißem Haar; er sieht aus wie ein guter alter Mönch aus ,Romeo und Julia‘.“
In Paris lebte er in einer Ménage à trois mit der Opernsängerin Pauline Viardot und ihrem Mann. Geheiratet hat er nie. Er teilte da­mit das Schicksal vieler seiner Erzählfiguren. In seinem zweiten von sechs Romanen, „Das Adelsnest“ – neu übersetzt heißt es „Das Adelsgut“ (siehe Kasten) –, dem Buch, das in Russland ein Bestseller wurde, scheitert die Liebe des älteren Helden zu einer halb so jungen Frau, nachdem seine totgeglaubte Ehefrau plötzlich wieder auftaucht; in der bezaubernden Erzählung „Erste Liebe“ tritt der treulose Vater un­erwartet zwischen die aufkeimende Leidenschaft seines Sohnes zu einer hübschen Nachbarin; und der Basarow in „Väter und Söhne“ verschmäht eine gleichgesinnte Adelige, weil er als Nihilist naturgemäß auch die romantische Liebe ablehnt. Was heiter beginnt, endet meist sehr pessimistisch.
So starb auch Turgenjew unverheiratet am 3. September 1883 in Bougival bei Paris an Krebs.
    Harald Tews


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