Ein allzu märchenhaftes Jobwunder

Was ist dran am Spruch, deutsche Unternehmen benötigten nichts dringender als arbeitsfähige Zuwanderer?

12.01.16
Arbeitsministerin Andrea Nahles will eine Million freie Stellen ausgemacht haben Bild: Imago

Wie ein Schwamm soll der deutsche Arbeitsmarkt hunderttausende Zuwanderer aufsaugen und mit Jobs versorgen. Dabei sind die  Beschäftigungsdaten längst nicht so vielversprechend, wie es vor allem Arbeitsministerin Andrea Nahles immer wieder verkündet.


Eine Ministerin im Glück: Jede Menge offener Stellen hat Andrea Nahles den Arbeitswilligen von Flensburg bis Freiburg anzubieten. Die Rede ist von einem geradezu märchenhaften Jobwunder, denn es wächst je nach Bedarf mit.
Als im letzten Jahr – frühen Schätzungen zufolge – rund 600000 Asylsuchende erwartet wurden, konnte die 45-jährige SPD-Politikerin aus Weiler bei Mayen den Zuwanderern umgehend die gleiche Zahl an Jobs offerieren. Die Zahl der Asylsuchenden stieg und stieg, Andrea Nahles zog in Interviews und Reden umgehend nach: „Bei der Bundesagentur sind bundesweit 600000 freie Stellen gemeldet. Tatsächlich liegt die Zahl wohl eher bei einer Million“, verkündete sie jüngst.
Nun gibt es berechtigte Zweifel daran, dass die Masse der Asylsuchenden überhaupt tauglich ist fürs deutsche Berufsleben. Wirtschaftsexperte Hans Werner Sinn, Präsident des Institutes für Wirtschaftsforschung, warnte gerade im Berliner „Tagesspiegel“ vor der hohen Analphabetenquote in Afghanistan, dem Land, aus dem im November die zweitmeisten Asylsuchenden kamen. Die allermeisten kamen wie in den vorherigen Monaten aus Syrien. Ein hoher Bildungsgrad ist auch bei ihnen nicht zu erwarten. Im selben Interview wies Sinn darauf hin, dass 65 Prozent der Menschen in Syrien nicht einmal in der Lage sind, das niedrigste Niveau der Pisatests zu bestehen.
Aber selbst wenn die Zuwanderer im Turbotempo rechnen, schreiben und lesen lernen, bleibt trotzdem fraglich, ob der Arbeitsmarkt so aufnahmefähig ist, wie es die Zahlen nahelegen. Warten wirklich eine Million freie Jobs auf tatkräftige Syrer, Afghanen und andere Zuwanderer?
Diese Summe ergibt sich einerseits aus der Zahl der freien Arbeitsplätzen, die der Agentur für Arbeit gemeldet werden. Gleichzeitig wird dort auch das Angebot privater Jobbörsen ausgewertet. Eine Praxis mit enormer Fehlerquote. Schnell werden Anzeigen doppelt gezählt, oder es fließen solche in die Wertung ein, die bereits besetzt sind, aber noch nicht gelöscht wurden.
Außerdem entspricht längst nicht jede Stellenanzeige tatsächlich einem freien Arbeitsplatz. Firmen nutzen solche Annoncen oft schlicht und einfach zur Eigenwerbung. Formulierungen wie „… für den Ausbau des Bereiches Auslieferung und Logistik“ oder „um dem Wachstum unserer Unternehmens gerecht zu werden, suchen wir …“ suggerieren Investoren, Konkurrenten und den möglichen Kunden ein florierendes Unternehmen. Manche Firmen schalten auch einfach in regelmäßigen Abständen Anzeigen, um ständig ein paar Bewerbungen für den Notfall in der Schublade zu haben.
Wie hoch der Prozentsatz von solchen Scheinangeboten ist, kann niemand sagen. Aber selbst wenn er eher gering ausfallen sollte, bleibt dennoch die Frage, welche Schlüsse sich eigentlich aus der Zahl der freien Stellen ziehen lassen. In einem offenen Arbeitsmarkt werden ständig Arbeitsplätze frei und müssen neu besetzt werden. Es herrscht eine natürliche Fluktuation. Über die zusätzlichen Aufnahmekapazitäten einer Volkswirtschaft sagen solche Momentaufnahmen wenig aus.
Andere Indikatoren zeigen eher, wie groß der Bedarf an neuen Arbeitskräften ist. Dazu gehört die Arbeitslosenquote. Sie lag im Dezember bei 6,1 Prozent. 2,681 Millionen Menschen wurden in Deutschland als arbeitslos geführt. „So wenige wie seit 1991 nicht mehr“, jubelt Frank Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Tatsächlich sind es mindestens 3,5 Millionen Arbeitslose, wenn man die Zahlen-tricks der Verantwortlichen herausrechnet. Auch diese Zahl ist zwar erfreulich niedrig, aber eine Vollbeschäftigung oder gar eine Überbeschäftigung, wenn die Zahl der offenen Stellen also größer ist als die der Erwerbslosen, sieht anders aus.
Trotz der allgegenwärtigen Klagen über den Fachkräftemangel scheint zudem die Wirtschaft merkwürdig gelassen mit dem angeblichen Engpass an „Humankapital“ umzugehen. Der 74-jährige Wirtschaftsingenieur und Buchautor Heiko Mell („Erfolgreiche Karriereplanung“) hat diesen Widerspruch plastisch beschrieben: „Fest steht, dass sich die Industrie nicht so benimmt, als würden ihr 50000 Ingenieure fehlen. Ich weiß, wie es aussieht, wenn die Industrie verzweifelt Arbeitskräfte sucht: Umfassende Werbekampagnen, Geld spielt kaum eine Rolle, es wird in den einschlägigen Medien inseriert, dass es nur so raucht. Zusätzlich werden alle Berufseinsteiger aufgesaugt, derer man habhaft werden kann. Arbeitslose sind ebenso gern gesehen wie Ältere. Davon kann im Augenblick keine Rede sein.“
Aber was wird später sein, wenn sich der demografische Wandel mit voller Wucht auswirkt? Wenn es viele Rentner und wenig Berufseinsteiger gibt? Dann werden die Azubis und Trainees der Zukunft höchstwahrscheinlich dennoch froh sein, dass sie überhaupt eine Stelle gefunden haben. Unter Technikexperten ist es eine ausgemachte Sache, dass der Einsatz von Robotern und anderen Technologien in den kommenden Jahren Millionen Arbeitsplätze kosten wird (Siehe PAZ 46, Seite 4). Für Zuwanderer wird das beschworene Jobwunder der Andrea Nahles auch dann nicht mehr als ein Märchen bleiben.     Frank Horns


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Kommentare

Ulrich Bohl:
18.01.2016, 18:47 Uhr

Ein sehr guter Beitrag der auch meinen Beobachtungen entspricht.
Fr. Nahles hat mit Einschränkungen
trotzdem Recht. In der Industrie
wachsen die Arbeitsplätze nicht,
aber durch die Flüchtlinge wachsen
sie in der Sozialindustrie. Diese
erbringen keinen Mehrwert sondern
kosten Geld, wenn sie nicht von Freiwilligen besetzt werden. Frau
Nahles lügt nicht. Sie sagt
wie bei Politikern häufig üblich nicht die ganze Wahrheit. Frau
Nahles gab in der Abiturzeitung
einen Berufswunsch an für den sie
besser geeignet zu sein scheint
"Hausfrau".


Rudolf Lippert:
15.01.2016, 00:55 Uhr

Danke, ein guter Artikel.
Ein weiterer Grund für mehrfache Stellenzählungen sind z.B. Zeitarbeitsfirmen (inkl. den etwas feiner klingenden Ingenieurdienstleistern) sowie Arbeitsvermittler, die aus einer angebotene Stelle bei einem realen Arbeitgeber rasch mehrere Angebote bei diesen Pseudo-Arbeitgebern machen.


sitra achra:
13.01.2016, 00:30 Uhr

Nun ja, wenn jemand aus einem Weiler (joke) bei Mayen stammt, was kann man von der Person schon groß erwarten.
Da war doch das umgekehrt proportionale Verhältnis zur Kartoffel?
Jedenfalls reicht der geistige Horizont dort lediglich bis zum Ende der Dorfstraße!
Den Artikel finde ich gut recherchiert und als Grundlage für eine sachliche Diskussion geeignet. Bravo!
Nach einer durchwachten Nacht, in der mir mächtig der Kopf geraucht hat, bin ich für einen sympathischen und hochqualifizierten Teil des hiesigen Flüchtlingselends auf eine interessante Lösung gekommen, zumindest für die fröhlichen jungen Afrikaner. Ich denke, die wären doch bestens geeignet, unsere Jungs in Mali als Askaritruppe beiseite zu stehen. Dort hätten sie ein ideales Betätigungsfeld, das durch weitere Konfliktherde auf diesem Kontinent erweitert werden könnte. Und alle Zeit der Welt, um ihre Potenz und ihr Besitzstreben langfristig auszuleben.
Wär' das was?


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