Einer geht noch

Zum 70. Geburtstag wird Jürgen von der Lippe mit einer großen Show geehrt

15.06.18
Meist Blödsinn im Kopf: Jürgen v. d. Lippe, hier mit Annette Frier und Jörg Pilawa Bild: WDR/Ben Knabe

Feingeister haben es nicht leicht mit diesem Mann: Dieses Hawaii-Hemd! Dieser Bart! Dann das Niveau seiner Scherze, irgendwo zwischen Stammtisch und Kindergeburtstag!

Stimmt, ist allerdings Programm: Jürgen von der Lippe versteht sich als freundlicher Anarchist, der bürgerliche Erwartungen gerne mal unterläuft. „Der Applaus kam mir sehr gelegen,“ begrüßt er sein Publikum mit maliziösem Lächeln. „Ich hatte gerade unheimlich Bläh­ungen.“ Ein bisschen Provokation muss sein, schließlich zählt er zur Generation der Alt-68er und will polarisieren. „Wenn alle sagen, das war ganz nett, das ist der Tod.“ Und davon ist er hoffentlich noch weit entfernt: „Als Gast bei Carmen Nebel habe ich viermal ficken gesagt.“ Kunstpause. „War toll“. Das Publikum johlt. Auch gerne unter Niveau.
70 Jahre alt wird er am 9. Juni, die ARD liefert eine Überraschungsshow, von der nur bekannt ist, dass sie drei Stunden dauert, von Jörg Pilawa moderiert wird und Gäste von Ina Müller bis Marijke Amado aufbietet. („Mensch Jürgen! Von der Lippe wird 70“, 9. Juni, 20.15 Uhr, ARD). „Ich fühle mich sehr geehrt,“ bekundet von der Lippe mit Pokerface und verzichtet ausnahmsweise auf jeden übelriechenden Nachsatz.
Von der Lippe, bürgerlich Hans-Jürgen Dohrenkamp, zählt zu den letzten Dinos des Showbetriebs, auch wenn er seit Längerem im Reservat der Bühnen­shows gelandet ist. Die allerdings haut er raus, als gäbe es kein Morgen: Zwölf Auftritte allein diesen September, von Aurich bis Zwickau, von Betzdorf bis Berlin tourt der Mann mit zwei Begleitmusikern, das Termingewitter reicht bislang bis Mai 2020. „Das ist das, wofür ich geboren bin. Ich habe keine Lust, damit aufzuhören.“ Vergangen, aber nicht vergessen, sind seine Fernsehsendungen „So isses“, „Donnerlippchen“, „Geld oder Liebe“ oder der „WWF“-Club. Ein fernes Fernsehzeitalter, genauso ausgelaufen wie „Wetten, dass?“, wobei er beiläufig vermerkt, diese Show sei ihm auch mal angeboten worden.
Anders als bei anderen Possenreißern verbirgt sich unter dem bunten Hemd ein Herr von profunder Bildung. Kants kategorischen Imperativ zitiert er mal eben flott, während sich das Publikum noch die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischt. Gerne ergötzt er sich an der Unfähigkeit seiner Zuschauer, Zungenbrecher nachzusprechen: „Wir sind die Saunafreunde Aufguss 09, der erste Sauna-Aufguss-Verein.“ Folgen höchst vertrackte Satzknoten, die er so lässig aufsagt, als wär‘s ein Kalenderspruch. Sprache ist sein Metier, seit er als Vierjähriger den Struwwelpeter auswendig vortragen konnte. Linguistik, Philosophie und Germanistik hat er auf Lehramt studiert, das Studium allerdings nicht abgeschlossen. Stattdessen dann 1976 die Gründung der Musikgruppe „Gebrüder Blattschuss“, deren Hit „Kreuzberger Nächte sind lang“ 1978 das Blödelgenre mitbegründete.
Auf der Bühne gibt er den Oberlehrer mit doppeltem Boden, der seine Schlüpfrigkeiten und Stammtischwitze mit einem Timing abliefert, wie es nur wahre Profis können. Beim Schwenk ins Publikum sieht man immer wieder, wie Kopfschütteln oder mühsam gewahrte Contenance in wieherndes Gelächter umschlägt: Allein, wenn von der Lippe den Ehemann gibt, der die Schnarchgeräusche der Gattin zu ertragen hat. Wie er der nächtlichen Ruhestörung Töne verleiht, rasselnd, röchelnd, schnappatmend – das ist schon hohe Kunst. Oder wenn er den wehleidigen Mann spielt, der an einer Erkältung zu verenden droht.
Feinheiten müssen leider draußen bleiben. Vegetarier, Nichtraucher, Softies, Ökos und Fundis aller Art kriegen in seiner Show ihr Fett weg - erleichternd für all jene, welche die strengen Regeln der politischen Korrektheit gelegentlich als Bürde empfinden. Lachen befreit, also mokiert sich der vermeintliche Proll auf der Bühne über vorgetäuschte Orgasmen und immer wieder gern über alle Varianten der Verdauung. Verlässlich seine Paradenummer, eine Parodie auf den nölenden Udo Lindenberg, den bellenden Herbert Grönemeyer und Peter Maffay, dessen Timbre er dehnt, bis auch der letzte Zuhörer sich auf die Schenkel klatscht.
Wie viele Künstler, die mit schnöder Unterhaltung ihr Geld verdienen, hatte auch von der Lippe sein kulturell wertvolles Gegenprogramm gestartet: Vor Jahren präsentierte er launige Bücher im dritten Programm des WDR („Was liest du?“). Seine damalige Partnerin, die Komikerin Carolin Kebekus, gibt ihm zum Geburtstag ebenfalls die Ehre. Weil das Fernsehen beim Thema Literatur nicht weiter mitziehen wollte, produziert er „Lippes Leselust“ nun auf eigene Rechnung auf youtube.
Wer lustig sein will, muss die Synapsen auf Trab halten: Wer wüsste das besser als ein Entertainer, der seit Jahrzehnten textlastige Shows bestreitet? Also sieht er in seiner Freizeit Zauber-Tutorials auf youtube und liest zehn bis zwölf Bücher pro Tour. Wenn andere beim Soundcheck „Zwo, zwo“ murmeln, sagt von der Lippe Gedichte auf. Vor fünf Jahren hat er das Saxophon für sich entdeckt, auf dem Keyboard intoniert er „Freude schöner Götterfunken“. Nur auf der Bühne singt er wie eh und je: „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch noch alle da.“
Sprache treibt ihn eben um, das weiß auch seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten – nach kurzem Ehe-Intermezzo mit Show-Kollegin Margarethe Schreinemakers – in getrennten Wohnungen zusammenlebt. In der Sommerpause hat man sich das Ehepaar Dohrenkamp im Schwimmbecken vorzustellen, Wasser tretend, gemeinsam Zahlenkombis memorierend.
Anders als anderen Show-Veteranen fiele es von der Lippe niemals ein, seinen Rücktritt anzukündigen, nur um wenig später das große Comeback einzuläuten. Er macht weiter, warum auch nicht? Ab Frühjahr 2019 heißt sein Programm dann „Nudel im Wind“ statt „Voll fett“, und die parodistische One-Man-Band statt „Wüf“ (weit über fünfzig), womöglich „Wüs“ (weit über sechzig).  Solange die Menschen sich wegschmeißen, ist da noch Luft nach oben.    Anne Martin


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