»Einflussloser Verein«

Gernot Facius kritisiert im PAZ-Interview die Entpolitisierung der Vertriebenenverbände

10.03.16
Kritisiert die Satzungsänderung der Sudetendeutschen Landsmannschaft: Gernot Facius Bild: Christliches Medienmagazin pro

Der 1942 in Karlsbad geborene deutsche Zeitungsjournalist Gernot Facius schreibt seit Ende 2010 regelmäßig Artikel zu Themen aus der Vertriebenenpolitik. Der Christdemokrat ist seit 1988 Mitglied der Gesellschaft katholischer Journalisten (GKP). Die Fragen stellte Bernd Kallina.


PAZ: Herr Facius, Sie gehörten zu den Erstunterzeichnern der sudetendeutsch-tschechischen „Initiative Versöhnung ’95“ und beklagen sich 20 Jahre später in Ihrer soeben erschienen Streitschrift „Getäuscht und allein gelassen – Die deutschen Vertriebenen – Von Opferverbänden zu Trachtenvereinen?“ (Gerhard Hess-Verlag), dass sich Prag nicht ohne Wenn und Aber von der völkerrechtswidrigen Vertreibung der Sudetendeutschen distanziert habe. Was hatten Sie denn eigentlich erwartet und warum trat es nicht ein?
Gernot Facius: Fünf Jahre nach der „samtenen Revolution“ herrschte ja eine gewisse Euphorie. Von Vaclav Havel, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, erhoffte man sich ein Zeichen der klaren Distanzierung von der Vertreibung. Es gab auch hoffnungsvolle Ansätze, aber bald zeigte es sich, dass selbst eine intellektuelle „Lichtgestalt“ wie Havel auf Dauer nicht in der Lage war, den nationalistischen Betonköpfen in seinem Land, die die rassistischen Benesch-Dekrete als Teil der tschechischen Staatsräson verteidigten, Einhalt zu gebieten. Am Schluss knickte er vor ihnen ein.
PAZ: Nun hat die Sudetendeutsche Bundesversammlung unter Sprecher Bernd Posselt das jahrzehntelange Satzungsziel der Landsmannschaft dahingehend verändert, dass eine „Wiedergewinnung der Heimat“ als „völlig veraltete Formulierung“ gestrichen wurde. Die Befürworter sehen darin ein hoffnungsvolles Signal – und Sie?
Facius: Dass die Formel „Wiedergewinnung der Heimat“ missverständlich sein kann, leuchtet selbst vielen Kritikern der „Reformpolitik“ ein. Man hätte natürlich mit einer geschickten Zusatzformulierung zu Paragraf 3 der Satzung klarstellen können, dass damit keine territorialen Ansprüche gemeint sind. Das ist leider unterblieben. Der Wertbegriff Heimat wurde nicht richtig gedeutet. Zudem ist auf die Abkehr von der über Jahrzehnte durchgehaltenen konkreten Forderung nach Restitution des konfiszierten Vermögens der Sudetendeutschen beziehungsweise nach Entschädigung kein Signal aus dem offiziellen Prag gefolgt, das als Beginn eines konstruktiven Dialogs mit den ehemaligen Mitbewohnern Böhmens, Mährens und Schlesiens angesehen werden könnte. Im Gegenteil, man betrachtet das alles als selbstverständlich, Staatspräsident Milos Zeman nennt die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) einen „einflusslosen Verein“, über den die Zeit hinweggegangen sei. Alles abgehakt!
PAZ: Was bedeutet das?
Facius: Man muss sich frei machen von der Hoffnung, dass die Satzungsreform Positives bewirken werde. Gegen den Hauptstrom der politischen Meinung in Prag vermag selbst der christdemokratische Parteichef Pavel Belobradek, der an den Sudetendeutschen Tag 2015 in Augsburg eine Videobotschaft gerichtet hatte und später das Sudetendeutsche Haus in München besuchte, nicht zu schwimmen. Aus der tschechischen „nationalen Front“ gegen die Sudetendeutschen bricht so leicht keiner aus. Er sei froh, sagte der von Posselt hofierte Belobradek nach dem ersten Versuch der Satzungsänderung, dass auf der Bundesversammlung „kein einziges Wort über die Benesch-Dekrete oder die Rückgabe von Eigentum“ gefallen sei.
PAZ: Als Motiv für diese Satzungsänderung, die kürzlich von der Bundesversammlung der SL mit 72 Prozent bestätigt wurde, äußern Sie in Ihrem Buch eine zu weitgehende Anpassung an Erwartungen der CSU. Was meinen Sie damit genau?
Facius: Nun, es ist doch nicht zu übersehen, dass die bayerische Staatsregierung und die CSU unter Horst Seehofer in der Tschechischen Republik eigene, auch ökonomische Absichten verfolgt. Es existiert bereits eine bayerische Repräsentanz an der Moldau, eine Art weiß-blaue Botschaft. Seehofer und seine Minister werden nicht müde, das Hohe Lied auf die guten bayerisch-tschechischen Beziehungen zu singen. Da müssen die Vertriebenen eben auf als störend empfundene Forderungen verzichten – trotz der „Schirmherrschaft“ des Freistaates über die sudetendeutsche Volksgruppe.
PAZ: Ihre Bilanz ist ja nicht gerade ermutigend, wenn man einmal die traditionellen Forderungen der im BdV organisierten Vertriebenen sich vor Augen hält. Sind sie tatsächlich auf dem Weg „von Opferverbänden zu Trachtenvereinen“, wie der Untertitel Ihres Buches nahelegt?
Facius: Man mag es ja als polemisch empfinden, dass in dem Buch von einer Mutation von Opferverbänden zu Trachtenvereinen die Rede ist. Aber ist meine Formulierung wirklich von so weit hergeholt? Seit Jahr und Tag wurden, vom „Blechtrommler“ Günter Grass bis zur ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, die Vertriebenenorganisationen aufgefordert, sich auf böhmischen Barock, schlesische Mundarten und folkloristische Begegnungen zu konzentrieren, aber politisch „endlich das Maul zu halten“ (Grass). Wenn man die Arbeit der Landsmannschaft von konkreten politischen Forderungen entkernt, diese vielleicht gerade noch in wohlklingende, aber schwammige Formulierungen unter Verweis auf die EU-Grundrechtscharta verpackt, begibt man sich auf einen Weg hin zu „Trachtenvereinen“. Und dieser Weg ist nicht ohne Risiko: Er birgt die Gefahr eines verbandsinternen „Krieges der Generationen“: Erlebnisgeneration gegen Bekenntnisgeneration. Das alles könnte letztlich die Sudetendeutsche Landsmannschaft wie alle anderen Organisationen der Vertriebenen weiter marginalisieren.


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Kommentare

sitra achra:
14.03.2016, 21:34 Uhr

Die Zeit mag zwar über die Gebeine der Opfer der tschechischen Vertreibungs- und Mordtaten hinweggegangen sein.
Jedoch hat jedes Volk ein langes Gedächtnis.
Wenn man nicht will, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft Türen zur Vergeltung auftun, was sich aus historischer Sicht immer wieder von neuem zeigt, muss das tschechische Volk seiner historischen Verantwortung gerecht werden und sich zu seiner historischen Verantwortung bekennen. Die Abschaffung der Benesch-Dekrete und die Ächtung der verantwortlichen Mörder sowie die Herstellung einer wahrhaft freundschaftlichen Beziehung zwischen den Deutschen und Tschechen wäre ein weiterer heilsamer Schritt.
Aber vielleicht sind die Völker auf beiden Seiten schon viel weiter als die politischen Vertreter, abwarten, ob nicht doch noch der Graben überbrückt werden kann!


Winfried Mueller:
14.03.2016, 09:56 Uhr

Mich hat es schon gewundert,das die Tschechei ohne die Abschaffung der Benesch-Dekrete in die EU aufgenommen wurde.Zumal die Bayern das ja doch jahrelang als Vorbedingung gestellt hatten.
Nun lernte ich im vorigen Jahr h einen Ausländer kennen, welcher bei den Verhandlungen dabei war.Auf meine Frage nach der Abschaffung der Dekrete, welche ja völkerrechtswidrig seien, meinte er bedauernd : Wir haben alles versucht ( die Ausländer in der Delegation!) aber die Deutschen in der Delegation haben keinen Finger gerührt.Ihnen war es völlig egal ! Hauptsache die EU wurde erweitert !


jan Kerzel:
11.03.2016, 11:14 Uhr

Wenn eine Organisation stetig schrumpft, dann ist es durchaus sinnvoll, sich von illusionären Zielsetzungen zu lösen. Die Benesch-Dekrete sind ein verfassungsrechtlicher Eckpfeiler des tschechischen Staates. Die Bundesrepublik Deutschland kommt ohne Verfassung aus. Der 2.WK hat viele Bruchstellen hinterlassen, die Zeit ist darüber hinweggegangen, ein Reset gibt es nicht. Wichtig ist die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Bayern ist da auf dem richtigen Weg. München und Prag, ein gutes Gespann für eine weitreichende Zusammenarbeit.


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