Elegische Malerei vor ostpreußischer Kulisse

27.11.19

Um ein Haar wäre es in der Literaturhistorie um Eduard Graf von Keyserling geschehen gewesen. Würde sich der Manesse Verlag nicht so vorbildlich um das literarische Vermächtnis des deutsch-baltischen Autors kümmern, dann blieben uns einige der schönsten Romane des frühen 20. Jahrhunderts vorenthalten. Nachdem vor einem Jahr mit „Landpartie“ die gesammelten Erzählungen erschienen waren, legt der Verlag jetzt mit „Feiertagskinder“ die vier letzten Romane des Autors vor.
Dieses Spätwerk gehört zum Besten, was Keyserling geschaffen hat. Hatte der aus altem baltischen Landadel stammende Autor ab 1887 mit düsteren naturalistischen Romanen begonnen, so schloss er sein Lebenswerk mit sinnlicher Prosa über die untergehende Adelswelt ab. Bemerkenswert dabei ist, dass er diese wie elegische Freilichtmalerei wirkenden Geschichten geschrieben hat, als er – vermutlich wegen einer Syphiliserkrankung – siech und erblindet im Bett seiner Münchener Wohnung lag, in der er seinen Schwestern die Romane bis zu seinem Tod 1918 diktierte.
Der Band enthält neben „Wellen“ noch „Abendliche Häuser“, „Fürstinnen“ und den posthum erschienenen Roman „Feiertagskinder“. Vor allem diesem Werk dürfte Keyserling die Titulierung als „baltischer Fontane“ zu verdanken haben, handelt es sich doch um eine an „Effi Briest“ erinnernde Ehebrechergeschichte. Doch anders als bei Fontane endet hier alles friedlich.
Überhaupt steht das Versöhnliche und Aussöhnende im Vordergrund. Ähnlich wie der Autor selbst, der als junger Rebell seine kurländische Heimat verließ, um hinterher die Güter seiner Mutter zu verwalten, schildert er vor ostpreußischer Kulisse, der Heimat seines Großvaters, zumeist junge Adelssprösslinge, die ein wenig ihren engen Standeskonventionen entfliehen wollen. Am radikalsten tut das die gräfliche Heldin in dem offenbar vor der kurischen Nehrung spielenden Roman „Wellen“, die einen Maler geheiratet hat.
Im mit Anmerkungen, Zeittafel und Keyserling-Porträts vorzüglich ausgestatteten Anhang heißt es, dass der Autor „das luzide Epochenbild des preußischen Herrenstandes in seiner lebenssattesten Stunde zeichnet, wenn die Schatten lang und länger werden“. Um diese Epoche ist es geschehen, um Keyserling noch lange nicht.    Harald Tews

Eduard von Keyserling: „Feiertagskinder. Späte Romane“, Manesse Verlag, München 2019, gebunden, 720 Seiten, 28 Euro


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