Endzeitstimmung im habsburgischen Wien – Oberinspektor Nechyba ermittelt

12.12.18

Fünf Romane und einen Kurzgeschichtenband lang hat der Autor Gerhard Loibelsberger den grantigen Polizeiagenten Joseph Maria Nechyba bereits durch das kaiserzeitliche Wien geschickt. Nun erlebt dieser das Ende der Monarchie im Herbst 1918, zuletzt sogar hautnah. Mit „Schönbrunner Finale“ legt Loibelsberger den bislang „dicksten Nechyba“ vor. Dabei bezieht sich die Umfangsangabe hier eher auf die Seitenzahl des Buches als auf den stets als sichtlich genussfreudig geschilderten Helden. Denn der mit den Jahren zum Oberinspektor aufgestiegene Nechyba leidet entsetzlich unter der kriegsbedingten schlechten Nahrungsmittelversorgung der letzten Wochen der Habsburgermonarchie. Zur Beschaffung von Würsten und anderem nutzt er ab und an seine Stellung aus. Das ist ihm wohl ebenso wenig zu verübeln wie das Bier, das er sich auch im Dienst genehmigt. Seine Frau, die als Köchin des Hofrats Schmerda arbeitet, kann ihren Dienstherrn gerade noch davon abbringen, in seiner Wohnung ein Schwein zu halten, um der Lebensmittelknappheit  zu begegnen.
Wie in allen Nechyba-Romanen – die zwar über ein wiederkehrendes Personaltableau verfügen, aber auch sehr gut einzeln lesbar sind – wird der Atmosphäre des alten Wien große Aufmerksamkeit gewidmet. Historische Gestalten treten als Nebenfiguren auf – vom Maler Egon Schiele über den Journalisten Egon Erwin Kisch bis hin zu Kaiser Karl I. Eingeflochten sind zeitgenössische Presseberichte. Neben dem zu Ende gehenden Krieg an sich ist das Auseinanderbrechen des habsburgischen Vielvölkerstaates das beherrschende Hintergrundthema, der Untergang einer Epoche.
Da es sprachlich arg „wienert“, haben der Autor beziehungsweise der Verlag dem Buch rück-sichtsvollerweise ein Glossar beigegeben und mitunter auch gleich auf den jeweiligen Seiten worterklärende Anmerkungen eingefügt. So weiß man etwa, dass das Wort „Gfrastsackl“ nur gegenüber besonders unangenehmen Mitmenschen verwendet werden sollte.
Zu einem Roman um einen „Oberinspector“ gehört natürlich ein Verbrechen. In „Schönbrunner Finale“ gibt es gleich mehrere. Allerdings sind Täter und Opfer zumindest für den Leser von Anfang an immer klar. Man verfolgt das Ganze daher sowohl aus der Perspektive der Kriminellen als auch derjenigen der Polizei, die versucht, den Tätern nach und nach auf die Spur zu kommen.
Mag sein, dass es vom Autor nicht beabsichtigt ist, aber bei der gegenwärtigen penetrant linkslastigen Politisierung nahezu aller Bereiche – die Unterhaltungslektüre bildet da leider keine Ausnahme –, fällt es angenehm auf, dass die Romanfigur des Deserteurs und ehemaligen „Vorwärts“-Mitarbeiters äußerst negativ dargestellt wird. Dieser sieht in Radikalisierung und Revolution nicht zuletzt eine Möglichkeit, um der Verfolgung für seine aus Jähzorn und reiner Habgier begangenen Morde zu entgehen. Dagegen sympathisiert man mit denjenigen, die den Untergang der Monarchie mehr als bedauern. Zu ihnen zählt der Redakteur Leo Goldblatt, langjähriger Freund des „Oberinspectors“ Nechyba, mit dem dieser unzählige Stunden im Kaffeehaus verbrachte und nach dem in den Romanen sogar eine Kaffeekreation benannt ist.
Obwohl der Kaiser am Ende des Buches zwar nicht „abdankt“, wie eigens betont wird, jedoch „aufs Regieren“ verzichtet, obwohl einige der über die Romanfolge liebgewonnen Gestalten für immer verschwinden – steht dennoch zu hoffen, dass Loibelsberger seinen Nechyba auch in der Republik weiter schimpfen und ermitteln lässt. Immerhin hat der neue Staat ihn sogleich zum Ministerialrat befördert.     Erik Lommatzsch

Gerhard Loibelsberger: „Schönbrunner Finale. Ein Roman aus Wien im Jahr 1918“, Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2018, broschiert, 365 Seiten, 15 Euro


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