Energiewende contra Naturschutz

Durch einen großangelegten Windkraftbau in Wäldern droht den Grünen ein Glaubwürdigkeitsproblem

14.12.18
Ökologisch in vielerlei Hinsicht problematisch: Windkraftanlagen im Wald Bild: Colourbox

Tausende Umweltaktivisten machen unter dem Motto „Hambi bleibt“ gegen die Pläne des Energieversorgers RWE mobil, der in Nordrhein-Westfalen rund 100 Hektar Wald für die Erweiterung eines Braunkohletagebaus roden will. Für den Bau von Wind­rädern droht in den deutschen Wäldern ein Kahlschlag in ganz anderen Dimensionen.

Im Schatten der Proteste, die mittlerweile seit Jahren um den Hambacher Forst stattfinden, haben sich in Deutschland Hunderte Bürgerinitiativen gebildet, die den Bau von Windkraftanlagen in Wäldern verhindern wollen. In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und SPD vereinbart, den Anteil Erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von derzeit rund 36 auf 65 Prozent bis zum Jahr 2030 zu erhöhen. Dazu soll neben der Photovoltaik vor allem die Windkraft noch stärker genutzt werden. Derzeit stehen in Deutschland rund 28700 Windräder an Land. Proteste betroffener Anwohner haben in einigen Bundesländern mittlerweile zu einem höheren Mindestabstand von Windrädern zu Wohnsiedlungen geführt.
Bei der Suche nach Standorten für neue Windräder rücken nun immer stärker auch Wälder ins Visier. Länder wie Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Thüringen erlauben mittlerweile den Bau von Windkraftanlagen mitten in Wäldern. Bereits absehbar ist, dass bald auch in großen zusammenhängenden Waldgebieten ein massiver Ausbau von Windkraftanlagen erfolgt. So hat die schwarz-grüne Koalition in Wiesbaden für Hessen die Zielgröße von 2300 bis 2800 Windkraftanlagen ausgegeben.
Bei etwa 80 Prozent der hessischen Windvorrangflächen handelt es sich um Wälder. Ganz konkret wurde in einem Faktenpapier von einer verfügbaren Waldfläche von 550000 bis 600000 Hektar gesprochen. Von den Ausbauplänen sind unter anderem der Geonaturpark Frau Holle Land (Naturpark Meißner-Kaufunger Wald) und die Forste um Niedernhausen betroffen. Der Windkraftplan des Regierungspräsidiums Darmstadt sieht sogar mehr als 3000 Hektar Windkraftflächen in den Wäldern des UNESCO-Parks Odenwald vor.
Hessens Bürger nehmen das jedoch nicht ohne Widerstand hin. Im ganzen Bundesland machen mittlerweile 200 Bürgerinitiativen gegen die Windkraftpläne in den Wäldern mobil. Deutschlandweit wird die Zahl der Anti-Windkraft-Initativen inzwischen auf bis zu 900 geschätzt.
Windkraft-Lobbyisten argumentieren zwar, dass der Bau in den Wäldern, vor allem in ökologisch weniger wertvollen Wirtschaftswäldern aus Fichten oder Kiefern erfolgen solle, doch sind die Auswirkungen auf die Natur durch solche Projekte in jedem Fall erheblich. Das Bundesamt für Naturschutz geht davon aus, dass pro Windkraftmast eine Fläche von 0,2 bis einem Hektar Wald verloren geht. Dabei geht es nicht nur um Flächenversiegelung durch Fundamente, sondern auch um Zufahrtswege und Servicegebäude. Rechnet man dies anhand der bekannten Ausbaupläne hoch, dann droht Deutschland in den kommenden Jahren ein erheblicher Verlust an Waldflächen durch den Ausbau der Windkraft.
Allerdings ist nicht nur die Abholzung und Flächenversiegelung in den Wäldern ein Problem. Die Anlagen in den Wäldern entwickeln sich zunehmend auch zu einem ernsten Problem für den Artenschutz. Wo Windräder aufgebaut werden, suchen Rotmilan, Schwarzstorch und andere Vogelarten meist das Weite. Gerade für Fledermäuse haben sich die vielerorts aufgestellten Windräder zu einer tödlichen Gefahr entwickelt. Die Rotorblätter der Windräder verursachen Luftwirbel und Druckunterschiede, die Fleder­mauslungen platzen lassen. Ein Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo und Wildtierforschung schätzt, dass in Deutschland jährlich mehr als 250000 Fledermäuse an Windrädern sterben. Ornithologen in Bayern haben inzwischen zudem von Fällen berichtet, bei denen Großvogelhorste in der Nähe von bestehenden oder geplanten Windkraftanlagen illegal zerstört wurden. Dahinter steht vermutlich das Kalkül, notfalls mit kriminellen Handlungen genehmigungskonforme Bedingungen rund um die Anlagen zu schaffen.
Welche politische Brisanz insgesamt in dem Thema Windkraftanlagen in Wäldern speziell für die Grünen steckt, macht eine Demonstration deutlich, die im November im Landkreis Potsdam-Mittelmark in Brandenburg stattfand. Dem Ruf des Vereins „Waldkleeblatt“ waren rund 300 Demonstranten gefolgt, die gegen den Bau von Windrädern in einem Waldstück der Reesdorfer Heide protestierten. Von den eingeladenen Vertretern der Fraktionen des Brandenburger Landtages war nur Sven Schröder, der energiepolitische Sprecher der AfD-Fraktion, anwesend. Ebenso bemerkenswert ist, dass sich auch Axel Kruschat, der Geschäftsführer des Brandenburger BUND, an dem Protest beteiligte. Der Naturschützer nannte es eine „dumme Idee“, Windräder in den Wald zu stellen. Der Vorgang macht deutlich, dass den Grünen mit den massiven Ausbauplänen für die Windkraftbau ein Glaubwürdigkeitsproblem in einem ihrer zentralen Politikfelder droht, ähnlich der Entwicklung bei der SPD nach Einführung der Agenda 2010.    
    Norman Hanert


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