Et tu, Leo?

Wer war der zweite Brutus, der Rainer Barzel 1972 in den Rücken fiel? – Enthüllungsfilm über den CSU-Politiker Leo Wagner

18.01.19
Sagte immer, wo es langging: Leo Wagner (rechts) mit Mitarbeitern auf Wahlkampftour für die Partei Bild: Realfiction

Ein Enkel will herausfinden, ob sein Großvater Leo Wagner daran beteiligt war, dass das Misstrauensvotum 1972 gegen Willy Brandt scheiterte, entdeckt aber eine ganz andere Wahrheit.

Wäre das Misstrauensvotum 1972 im deutschen Bundestag nicht auf den 27. April, sondern auf den 15. April gefallen, hätte man von den Iden des Aprils sprechen können. Die Iden entsprachen im römischen Kalender den Tagen der Monatsmitte. In den Iden des März fiel bekanntlich Julius Cäsar einem politischen Attentat zum Opfer. Immerhin kannte er seine Mörder, die ihm den Dolch in den Rücken stießen, auch sein eigener Sohn war darunter. „Et tu, Brute?“, „Auch du, Brutus?“, fragt er sterbend noch in Shakespeares Tragödie „Julius Cäsar“.
Beim Misstrauensantrag von 1972 hätte eigentlich Bundeskanzler Willy Brand wegen seiner umstrittenen Ostpolitik gestürzt werden sollen, doch es traf den Oppositionsführer Rainer Barzel von der CDU. Er wurde – den Sieg vor Augen – hinterrücks selbst zum politischen Opfer, weil ihm zwei Stimmen aus den eigenen Reihen fehlten. Anders als Cäsar wusste er lange nicht, wer ihm in den Rücken gefallen war. Später kam heraus, dass sich der CDU-Abgeordnete Julius Steiner der Stimme enthalten hat, weil er von der Stasi mit 50000 D-Mark bestochen wurde.
Aber wer war der andere? Der Name des CSU-Politikers Leo Wagner kursierte lange Zeit im Raum. Für seinen Enkel, den Dokumentarfilmer Benedikt Schwarzer, steht fest: Ja, der eigene Großvater war es. Beweisen kann auch er es nicht in seinem Dokumentarfilm „Der schöne Leo“, der am 17. Januar bundesweit in die Kinos kommt. Es ist nur so ein verwandtschaftliches Gefühl, das in diesem Fall aber trügerisch ist. Doch davon später.
„Et tu, Leo?“, hätte also Barzel zu Lebzeiten fragen können. Doch auch der Löwe brüllt nicht mehr. Leo Wagner starb 2006 in Günzburg. In der Doku des Enkels ist ein äußerst schweigsamer Wagner zu sehen. Filminterviews scheint er nicht gegeben zu haben, nur ein kurzer Redeausschnitt im Bundestag ist in der Doku zu sehen. Schwarzer behilft sich stattdessen mit einem Griff in die Familienkiste und zeigt private Fotos und Super-8-Filmaufnahmen von einem scheinbaren Familienidyll des Großvaters mit Frau, Tochter und Sohn.
Aber dieses Idyll bekam Risse. Da sich die erwachsenen Kinder von ihrem Vater Leo Wagner entfremdet hatten, kannte Regisseur Schwarzer seinen Großvater kaum. Also macht er sich für den Film auf eine Recherchereise durch die Republik, wobei am Ende die eigene Familien- und ein wichtiges Stück Politikgeschichte miteinander verschmelzen.
Wagner war so etwas wie das Enfant terrible der CSU. Er galt als Weggefährte von Franz Josef Strauß. Beide haben die CSU mit aufgebaut. Während Strauß auch bundespolitisch groß Karriere machte, blieb Wagner in der bayerischen Provinz lange Zeit als Landrat und Schulleiter hocken.
Erst in den 60er Jahren kam er als Abgeordneter nach Bonn, wo er ab 1971 sogar zum parlamentarischen Geschäftsführer der Bun­destagsfraktion der damals oppositionellen CDU/ CSU aufstieg. Un­ter einem Bun­deskanzler Barzel war er sogar als Innenminister im Gespräch.
Das war seine helle Seite, die eines Dr. Jekyll. Doch Wagner besaß auch eine dunkle Seite, die eines Mr. Hyde. Und die ist es, die sein Enkel mit der Kinodokumentation ergründen will. Dazu reist er nach Bonn und Köln, macht sich auf die Spuren des damaligen Nachtlebens, das Wagner fernab der Familie offenbar in vollen Zügen ausgekostet hat.
In Köln entdeckt Schwarzer das Nachtlokal „Chez nous“, in dem Wagner regelmäßig zu Gast war und wo er sich unbehelligt von Journalisten, denen der Eintritt verwehrt wurde, von den leichten Damen verwöhnen ließ. Ein Ex-Zuhälter erinnert sich im Film noch an den Kunden: „Er hat in seinem Leben alles richtig gemacht und nur das getan, worauf er Bock hatte.“
Doch das hatte seinen Preis: Pro Nacht gab Wagner an die 1000 Mark aus – eine enorme Summe für die damalige Zeit. Wie konnte er sich diese nahezu allnächtlichen Besuche leisten? Sein Chauffeur erinnert sich, dass er seinen Chef zu entlegenen Plätzen fahren musste, wo Wagner von dubiosen Gestalten dicke Briefumschläge entgegennahm.
War er käuflich, war es Geld von der Stasi? Schwarzer begibt sich auf Spurensuche in die ehemalige Stasi-Zentrale nach Berlin und wird fündig. Er trifft Horst Kopp, der 2016 in seinen Memoiren behauptet hatte, schon 1972 der Führungsoffizier von Wagner gewesen zu sein. Aktenkundig ist Wagner als Stasi-Zuträger aber erst für den Zeitraum von 1976 bis 1983. Aber war er schon davor bestechlich, zumal er doch im Jahr 1972 Aussichten auf einen Ministerposten hatte?
Als die Stasi-Mitarbeit aufflog, wurde Wagner vor Gericht ge­stellt. Sein Enkel konnte die Prozessakten einsehen und stieß dabei auf eine erstaunliche Aussage von Wagner: Seine Frau sei fremdgegangen, und die Mutter von Schwarzer sei nicht Wagners leibliche Tochter. Um das zu überprüfen, überzeugt Schwarzer seine Mutter, einen DNA-Ge­schwistertest mit ihrem Bruder (also seinem Onkel) zu machen. Und siehe da, es stimmt: Beide sind nur Halbgeschwister. Später kommt sogar heraus, dass alle beide keine Kinder von Wagner sind. War der Frauenheld, den man in Bonn den „schönen Leo“ nannte und der dort mehrere Geliebte hatte, impotent?
Das ist der überraschendste Teil dieser Doku, dass der Zuschauer Zeuge der Enthüllung eines Familiengeheimnisses wird. Der Enkel entpuppt sich nur als Schein-Enkel Wagners, als nicht direkter Nachfahre. Daher muss man seine direkte Aussage im Film, Wagner sei der zweite Brutus beim Miss­trauensvotum 1972 gewesen, mit Vorsicht genießen. Die Gene, welche diese Ahnung einflößen, spielen da nicht mit.
Interessant wäre gewesen, was politische Kampfgenossen von damals dazu gesagt hätten. Doch Schwarzer erhielt von CSU-Größen wie dem inzwischen verstorbenen Wilfried Scharnagl oder Theo Waigel Interview-Absagen. Man hätte zu viele negative Erfahrungen mit Wagner gehabt. Mit dieser erfreulich offenherzigen Doku kann man aber nur positive Er­fahrungen machen. Dazu trägt auch bei, dass Schwarzer durch den Verzicht auf Spielszenen keinen belehrenden Geschichtsun­terricht à la Guido Knopp unternimmt, sondern konsequent eine familiäre Perspektive beibehält, die zwar parteilich, aber nicht herabsetzend ist.     Harald Tews


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