Eure Wut, eure Angst

Warum die Leute falsch gewählt haben, wie tief die seelischen Verheerungen gehen, und womit wir es den Pommern heimzahlen / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

10.09.16

Warum machen die das bloß? Als wär’s das erste Mal gewesen, rätseln ratlose Experten darüber herum, warum so viele Leute die falsche Partei gewählt haben. Eines, da sind sich die Fachleute schnell einig, hat die Wähler auf keinen Fall zum Falschwählen bewogen: nämlich echte, rationale Gründe. Oder doch? Nein, nein, darauf lassen wir uns gar nicht erst ein. Gäben wir zu, dass solche „echten“ Gründe existieren, dann müssten wir am Ende mit dem blöden Volk noch über Politik diskutieren! Die aber geht den Pöbel, das Pack, die Mischpoke – da sind wir uns doch einig – nichts an.
Statt über Politik zu sprechen legen die Experten das Gesindel lieber auf die Couch und untersuchen seine seelischen oder sozialen Gebrechen und Ängste, welche zum Falschwählen geführt haben. Da findet die Fachwelt für Volksdiagnose so einiges: Wut, Abstiegsangst, das Gefühl, vergessen und abgehängt zu sein, und vieles mehr. Die „Zeit“ hat im Verkehrtwählen gar einen „Schrei nach Aufmerksamkeit“ entdeckt.
Ist es nicht bezaubernd, wie einfühlsam diese redlichen Analytiker mit dem großen Trottel namens Wahlvolk umgehen? Ganz wie fortschrittliche Erzieher – die bestrafen den Flegel nicht mit einer Ohrfeige wie in böser Vorzeit, sondern streichen ihm sanft durchs Haar und laden ihn zu einem pädagogisch wertvollen Gespräch ein: Lass sie einfach raus, deine Wut, deine Ängste. Dann sei aber bitte wieder artig ... nein, so sagt man das nicht mehr, klingt zu autoritär ... also dann sei aber wieder „kooperativ“ und füge dich ein in die Gruppe der Einsichtigen!
Immer wieder taucht in den Kommentaren die Erkenntnis auf, dass die Falschwähler eine quälende „Angst vor Veränderung“ in die Arme der populistischen Rattenfänger gejagt habe. Merkwürdig nur, dass jene Kommentare selbst von einer panischen Angst vor der Veränderung der politischen Landschaft durch das Auftauchen einer neuen Partei gezeichnet sind. Kann es sein, dass hier Journalisten, die von Wahl zu Wahl schmerzvoller erleben müssen, dass immer weniger Leute auf sie hören, nach „Aufmerksamkeit schreien“?
Es soll in den Psychatrien ja Patienten geben, die sich einbilden, selber der Doktor zu sein und daher mit hochwichtiger Miene im weißen Kittel durch die Flure der „Geschlossenen“ schreiten.
Vielleicht sollten wir also nicht mehr so schimpfen mit der „Lückenpresse“, vielleicht sollten wir den Bekloppten in ihren Kitteln stattdessen unsere Hilfe anbieten, sie zu einem pädagogisch wertvollen Gespräch einladen: Lasst sie raus, eure Wut, eure Ängste! Dann seid aber bitte wieder artig und hört auf, Menschen pauschal zu „Flüchtlingen“ umzulügen, von denen ein Großteil in Wahrheit aus rein wirtschaftlichen Gründen illegal eingereist ist.
Quasselt nicht von „Toleranz und Vielfalt“, solange ihr jeden, der eine Meinung äußert, die der euren zuwiderläuft, als moralisch verwerflich abqualifiziert. Unterstellt Überbringern von Wahrheiten, die sich nicht in eure enge Ideologie fügen, nicht länger postwendend finsterste Absichten. Einverstanden? Geht doch.
Geht doch? Nein, geht eben nicht. Zu tief haben sich die seelischen Verheerungen in die Köpfe hineingefressen, als dass man sie mit ein paar Gesprächen wieder herausholen könnte.
An der wirren Nachlese zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern konnten wir ablesen, wie tief die Wahrheit unter der Ideologie verschüttet liegt. Sehr häufig konnte man den Einwand hören, dass es doch gar keinen Anlass gegeben habe, AfD zu wählen, weil in dem stillen Land am Meer bloß drei Prozent Ausländer lebten.
Diesem seltsamen Einwand muss man sich von verschiedenen Seiten nähern, um herauszubekommen, was damit gemeint sein könnte. Als erstes haben wir in den Reden von AfD-Politikern und dem, was an Schriften von dieser Partei vorliegt, nach den Stellen gesucht, an denen die Anwesenheit von Ausländern per se zum Problem erklärt wird. Wir haben nichts gefunden.
Es muss demnach etwas anderes sein. Vielleicht geht es darum, dass in dem Küstenstaat noch keine von „Clans“ und Parallelgesellschaften zerfressenen No-go-Ghettos um sich greifen, die von Rechtspopulisten dazu missbraucht werden, um „unbegründete, diffuse Überfremdungs­ängste zu schüren“.
Ja, das dürfte es sein, was den Erfolg der Blauen an der Ostsee so unbegreiflich macht. Die sind doch noch gar nicht im Eimer, also worüber beklagen die sich! Sollen die doch erst mal abwarten, bis ihre Städte ebenfalls „gekippt“ sind! In Deutschland muss ein Problem nämlich immer erst bis zur annähernden Unlösbarkeit herangereift sein, bis es jemand wagen darf, davon zu sprechen, dass das Problem überhaupt existieren könnte.
Und selbst dann sollte sich dieser Jemand nur sehr vorsichtig äußern. Der alteingesessene Bewohner eines Stadtteils, in dem alles Deutsche aus dem Straßenbild verschwunden ist, muss sich hüten, gefährliches Zeug zu faseln wie: Er fühle sich „nicht mehr zu Hause“ in seinem Kiez oder gar – völlig unmöglich! – es gebe seiner Meinung nach schon „zu viele Ausländer“ in der Gegend. Wer so redet, hat sich als Rassist entlarvt.
Die Amadeu-Antonio-Stiftung erklärt bereits die pure Unterscheidung in „wir“ und „die“ zum Rassismus. Wer demnach von „uns Deutschen“ redet, ist überführt. Bei Leuten, die von „uns Türken“, „uns Afrikanern“ oder „uns Muslimen“ sprechen, verhält es sich natürlich anders. Die nehmen nur ihr Recht in Anspruch, die Identität und Kultur ihrer Herkunftsländer auch in Deutschland zu bewahren und zu pflegen, was die öffentliche Hand und allerlei Vereine und Stiftungen finanz- und tatkräftig unterstützen.
Demnach gilt: Selbst wenn der Ausländeranteil nicht drei, sondern 93 Prozent beträgt, wird jede öffentliche Bekundung eines Restdeutschen, dass er sich damit nicht wirklich wohlfühlt, mit härtester moralischer Verwünschung bestraft. Merken Sie sich das! Das Argument, es seien „doch bloß drei Prozent“, war nichts weiter als ein schmutziger kleiner Trick für schlichte Hirne.
Die Leute in Mecklenburg-Vorpommern werden es zu spüren bekommen, dass man ihnen den Sündenfall der Falschwahl nicht durchgehen lässt. „Kaum ein ausländisches Unternehmen wird hier investieren wollen“, menetekelt die „Welt“. Wenn die deutschen Medien sich Mühe geben, könnten sie damit sogar Recht bekommen und ein Unternehmen vorstellen, das seine Absicht, in dem Land etwas aufzubauen, zurücknimmt wegen der politischen Entwicklung.
Für so ein Manöver gibt es ein historisches Vorbild. Vor vielen Jahren wollte eine Firma aus Übersee in Demmin eine Filiale einrichten. Dann jedoch lasen die Manager in einem deutschen Magazin, dass es in dem Ort von gewalttätigen Nazis nur so wimmele. Das war zwar, um es vorsichtig auszudrücken, ein klein wenig übertrieben. Dennoch tat der Horrorbericht seine Wirkung.
Ohne sich mit der Wirklichkeit in Demmin auch nur einem Moment weiter zu beschäftigen oder je einen Fuß in den Ort zu setzen, sagten die Ausländer – ausschließlich aufgrund der deutschen Berichterstattung – ihre Investition ab. Hierzulande konnte nun nachgewiesen werden, wie sehr die Existenz von Rechtsextremen die Wirtschaft schädige.
Eine pommersche Tourismus-Managerin sorgt sich, dass Besucher fernbleiben könnten, weil gerade in Vorpommern die AfD so gut abgeschnitten habe. Da hat sie allerdings recht, es gibt in Deutschland schließlich allerhand interessante Alternativen zu Usedom. Wer ginge nicht viel lieber an Berlins multikulturellem Kottbusser Tor oder durch den Görlitzer Park zwischen weltoffen-internationalen Schlägern, Grapschern, Dealern und Taschendieben spazieren, als sich im pommerschen Strandlokal von einem möglicherweise AfD-freundlichen Kellner bedienen zu lassen.


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Kommentare

Richard Kimble:
12.09.2016, 20:23 Uhr

Die letzte Woche in den Staatsmedien

Ich habe es mir in der letzten Woche geleistet, die nach der Sommerpause wieder beginnende Sendesaison von „heute-show“, „Die Anstalt“ und „Nuhr im Ersten“. anzusehen.
Zusammenfassung:

heute - show: Ah eF Dähähähäh (kotz, brech, fluch)
Die Anstalt: Ah eF Dähähähäh (kotz, brech, fluch)
Nuhr im Ersten: Ah eF Dähähähäh (kotz, brech, fluch) als Zugabe ein Ingo Appelt mit Schaum vor dem Mund

Was hatte ich eigentlich erwartet? Qualitativ Gutes, Tiefsinniges und Streitbares? Humor, Kabarett, ja gar Kunst? Nein, so weit möchte ich nicht gehen, aber es hat mich doch getroffen wie nach dieser Sommerpause die Gleichschaltung der Sendeinhalte so erschreckend sichtbar wurde.
In der Sommerpause fand ja die Wahl in MV statt. Und klar haben uns diese drei Sendungen doch vorher belehrt nicht die AfD zu wählen. Wir haben es getan, jetzt bekommen wir die Rechnung dafür!
Ich sehe wirklich selten Staatssender. Vor und nach den Wahlen tue ich es jedoch immer wieder. Ja und nun überlege ich, welches Wort ich denn nach den MV Wahlen öfter in den LL Medien höre. Gerne möchte ich ein Zählprogramm benutzen, ist es nun das Wort Flüchtlinge, oder doch AfD. An dritter Stelle, sieh da Merkel?
Toll auch Helmut Holter, Chef der Linken (den eigentlichen Wahlverlierern) in MV ,am Wahlabend im Staatssender nach seinen Schlussfolgerungen befragt: „ Wir müssen der AfD die Maske herunterreissen“
Tja, wenn man selbst bereits das Gesicht (oder die Maske) verloren hat, mit der Macht kungelt und ähnlich den Grünen sein Programm auf „MACHT“ umgeschalten hat, da glaubt eben der Bürger nicht mehr an die Rolle: Opposition der kommunistischen Altvorderen.
Und nun habe ich auch heute noch die Ergebnisse der Kommunalwahlen Niedersachsen in der Staatspresse nachgesehen. Und da habe ich es erfahren: „Die AfD ist der grosse Verlierer. Sie hatte mit einem zweistelligen Ergebnis gerechnet und im Durchschnitt nur 7% erreicht“
Einfach klasse diese Berichterstattung, informativ, parteilos, objektiv.
Leider habe ich keine Zeit (und Lust) mir mal einen ganzen Tag die Staatssendungen anzusehen um festzustellen, in welcher Sendung nicht Ah eF Dähähähäh (kotz, brech, fluch) geschrien wird, in welcher Sendung nicht über Flüchtlinge berichtet wird und in welcher Sendung nicht der Name Merkel aufgerufen wird, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht im Wetterbericht?
Auf was für einem Niveau sind wir gelandet?
Und damit ich nicht als totaler Meckerer mit diesen Zeilen in Erinnerung bleibe, möchte ich einen Vorschlag einbringen:
Ich schlage vor, die für die Flüchtlinge aufgebaute Infrastruktur, welche ja nun teilweise leer steht, da nicht mehr so viele kommen (kotz, brech, fluch der Fluchtmafia) für ein Programm zu nutzen, in dem die Obdachlosen in unserer Republik ein Chance bekommen sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Mit dem gleichen Bonus und der selben Förderung, die den Flüchtlingen gewährt wird.


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