Faustischer Franzose

Frauenheld, Noten-Virtuose und Goethe-Verehrer – Zum 150. Todestag des Komponisten Hector Berlioz

15.03.19
Berlioz, wie ihn ein zeitgenössischer Karikaturist sah Bild: Imago

Jeder Besucher klassischer Konzerte kennt die „Symphonie fantastique“. Das Werk des französischen Komponisten Hector Berlioz gehört zum Standardrepertoire vieler Orchester und hat durch die „Programmatik“ – eine Art sinfonische Handlung – und seine Leitmotivik Maßstäbe ge­setzt. Vor 150 Jahren starb Berlioz, der ähnlich wie Wagner die Musikwelt revolutionierte.

Von allen französischen Komponisten gilt Berlioz als der Deutscheste. Er wurde wie Richard Wagner durch Franz Liszt gefördert, hielt sich mehrfach in Weimar auf und feierte hier Triumphe. Mehr noch. Berlioz leistete in diesem Zusammenhang mit Liszt einen maßgeblichen Beitrag zum zeitweiligen Aufschwung Weimars im „Silbernen Zeitalter“ zu einer bedeutenden Musikstadt Deutschlands, gehörte neben an­deren bekannten Künstlern zum engsten Freundeskreis des Musikgenies auf der Altenburg und war auch Mitglied im bekannten „Neu-Weimar-Verein“.
Doch die Weimarer strömten nicht nur wegen der Musik von Berlioz massenhaft in den Konzertsaal, sondern auch wegen der durch die Zeitungen verbreiteten Frauengeschichten des Franzosen. Schon damals wurde der Promikult durch Be­richte über vermeintliche Skandale angeheizt. Doch letztlich er­langte Berlioz durch seine unkonventionellen und zum Teil monumentalen Wer­ke über seinen Tod vor 150 Jahren hinaus eine bis heute anhaltende Nachwirkung.
Berlioz wurde am 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André im Südosten des Landes geboren. Sein Vater war ein angesehener Arzt, der seinem Sohn eine Ausbildung in Latein, Literatur, Geschichte, Anatomie und Musik gewährte. Für die Anfangsgründe in der Musik sorgten ein Onkel, ein Geiger des Lyoner Theaters und der örtliche Musiklehrer Fran­çois-Xavier Dorant. Den Rest erschloss sich Berlioz als Autodidakt unter Berücksichtigung der Lehrbücher des Barockkomponisten und Musiktheoretikers Jean-Philippe Rameau.
Mit Folgen. Schon 1819 ließ Berlioz in Paris seine erste Komposition drucken. Doch seine Eltern schickten ihn erst einmal zum Medizinstudium nach Paris, wo er sich allerdings die Bibliothek des Konservatoriums, die Aufführungen der Oper erschloss und Partituren studierte.
Daraus entwickelte er eigene Kompositionen mit einem unkonventionellen Verhältnis zum musikalischen Satz. Das beeindruckte den Rektor des Konservatoriums, der ihn zur musikalischen Laufbahn ermutigte und auch die Eltern in diesem Sinne von der „musikalischen Genialität“ des Sohnes überzeugte.
Berlioz komponierte, hing die Medizin an den Nagel und nahm 1827 erstmals am renommierten Rompreis-Wettbewerb teil. Sein eigenständiger Weg zur Musik, sein viel freieres musikalisches Denken, seine unkonventionelle Satzauffassung und seine Or-
chestrierungskunst spalteten zu­nächst die Pariser Musikwelt.
Als Berlioz nach der „Faust“-Lektüre eine erste Vertonung seines Kolossalwerkes „Fausts Verdammnis“ nach Weimar schickte, reagierten auch Johann Wolfgang von Goethe und sein musikalischer Berater Carl Friedrich Zelter mit Verständnislosigkeit. Fast parallel erlebte Berlioz in Paris seine ersten Frauengeschichten und die Aufführungen Beethovenscher Sinfonien, die ihm in der Folge als Orientierung dienten.
1830 wurde zur kleinen Zäsur. Er gewann den Rompreis, hatte mit seiner „Symphonie fantastique“ einen größeren Konzerterfolg und verlobte sich mit Camille Moke, einer Konzertpianistin. Doch als er nach einer Beinahe- Katastrophe auf See endlich in Italien ankam, erfuhr er von der Auflösung seiner Verlobung durch die Pianistin, die sich inzwischen mit Camille Pleyel verbunden hatte. Der eifersüchtige Rompreisträger wollte den Ne­benbuhler im Duell töten, kam nur bis Nizza, erkrankte schwer und geriet in eine Lebenskrise mit Selbstmordgedanken.
Nach seiner Heimkehr 1832 und der erneuten erfolgreichen Aufführung seiner ersten „Symphonie“ mit einer italienischen Ergänzung heiratete er noch 1833 die englische Schauspielerin Harriet Smithson. Das war zunächst sein Trost. Er wurde Vater, verdiente sein Geld hauptsächlich als angesehener Musikkritiker und erhielt nach der enttäuschenden Pariser Premiere seiner ersten Oper „Benvenuto Cellini“ auf
Fürsprache seines Gönners Luigi Cherubini eine Stelle als Konservator am Konservatorium, was ihm bis ans Lebensende ein regelmäßiges Einkommen sicherte. Dazu kam ein Geschenk von Niccolò Paganini, der ebenfalls an ihn glaubte und ihm 20000 Francs überließ.
Berlioz hatte nun Zeit für Kompositionen und begann ab 1842 ausgedehnte Konzertreisen, die ihn nach Wien, Prag, London, Berlin und Russland führten und seinen Ruhm als Dirigent begründeten. Parallel warb Liszt von Weimar aus für Berlioz.
Nachdem schon in Johann Nepomuk Hummels letztem Weimarer Konzert ein Werk des Franzosen gespielt worden war, er­möglichte ihm Liszt am 25. Januar 1843 in der Klassikerstadt ein Konzert mit eigenen Werken. Das begründete eine Berlioz-Begeisterung in Weimar. Liszt führte in Weimar „Benvenuto Cellini“ auf, ermöglichte dann sogar eine Berlioz-Woche, in der der Franzose seine Werke dirigierte.
Der mit der Fürstin Caroline zu Sayn-Wittgenstein befreundete Künstler, der inzwischen nach seiner Scheidung und weiteren Affären mit der Sängerin Maria Recio verheiratet war, komponierte und dirigierte nun europaweit. Er hatte während der Pariser Weltausstellung drei spektakuläre Massenkonzerte mit bis zu 1000 Musikern und Sängern, was ihn endgültig auch im eigenen Land auf die Erfolgswelle hob, und wurde 1856 ins „Institut de France“ gewählt. Das war wohl der Höhepunkt seiner Karriere.
Aber es mehrten sich Schick­salsschläge. Nach dem frühen Tod seiner letzten Ehefrau und dem Verlust seines Sohnes während ei­ner französischen Mexiko-Expedition suchte er den Kontakt zu seiner Jugendliebe Estelle Du­mont. Dann mehrten sich Krankheiten bis hin zu zwei Schlaganfällen in Nizza. Das war das Ende. Er starb am 8. März 1869 in Paris und fand auf dem Friedhof Montmartre seine letzte Ruhe.
    Martin Stolzenau/tws


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.