Frau aus der Mitte

16.07.19

Als Landesgeschäftsführerin der „Freien Wähler Sachsen“ ist Antje Hermenau optimistisch. Die auf kommunaler Ebene sehr erfolgreiche Gruppierung strebt bei der Wahl am 1. September den Einzug in den Landtag an. Die aktuellen Umfragewerte – gerade einmal drei Prozent – sind zwar nicht gerade dazu angetan, hoffnungsfroh in Richtung des entscheidenden Tages zu blicken, aber Hermenau strebt laut „Leipziger Volkszeitung“ sogar 15 Prozent an. Ursprünglich wollte sie nicht kandidieren, sondern nur beratend tätig bleiben. Nun steht sie auf Listenplatz 20. Um hier zum Zuge zu kommen, müsste das von ihr genannte Stimmenziel erreicht werden.
In Wahlkämpfen erfolgreich geschlagen hat sich Hermenau, die auf ein Vierteljahrhundert parlamentarische Erfahrung zurück­blicken kann, durchaus, und zwar bei den Grünen. Die gebürtige Leipzigerin war als Lehrerin für Deutsch und Englisch tätig, bevor sie im Zuge der friedlichen Revolution zur Politik kam. 1990 zog sie in den sächsischen Landtag ein. Von 1994 an saß sie im Bundestag. In dieser Zeit absolvierte sie ein zusätzliches Studium der Verwaltungswissenschaften. Hier handelt es sich um einen der wohl äußerst seltenen Fälle, in denen bereits etablierte Politiker sich nicht zu schade sind, zusätzliche Fachkompetenzen zu erwerben. 2004 kehrte sie als Spitzenkandidatin in den Landtag zurück, sie war Fraktionsvorsitzende und verteidigte ihr Mandat auch bei den beiden folgenden Wahlen. 2014 zog sie sich zurück. Als Grund gab sie an, dass sie die Blockade der Grünen gegen eine eventuelle Koalition mit der CDU nicht mittragen wollte. 2015 verließ sie die Partei schließlich ganz. In deren sich immer straffer ausformende linke Linie hatte sie ohnehin immer weniger gepasst.
Gesprächsverweigerer ihrer inzwischen ehemaligen Partei haben kritisiert, dass sie im Rahmen einer AfD-Veranstaltung aus einer von ihr verfassten Streitschrift las. Hermenau äußerte auch, dass eine Reihe von Fragen, die durch „Pegida“-Demonstrationen in den Fokus gerückt wurden, durchaus „berechtigt“ sei.
Nunmehr hat Hermenau ihre politische Heimat bei den „Freien Wählern“ gefunden, die von ihrer Bekanntheit profitieren. Heimat ist übrigens eines ihrer Stichworte. Gegenüber der „Zeit“ erklärte sie: „Ich habe kein überhöhtes Verhältnis zu Europa. Aber ich habe eine Heimat.“ Auf Sachorientierung legt sie Wert und ist der Meinung, dass Demokratie offensichtlich in kleinen Einheiten besser funktioniere. Sie empfiehlt den „Mittelweg“: Es stehe ja nicht im Grundgesetz, „dass sich eine Partei links oder rechts verorten muss“.
Über ihre Heimat hat sie nun ein kleines Büchlein verfasst: „Ansichten aus der Mitte Europas. Wie Sachsen die Welt sehen“ (Evangelische Verlagsanstalt Leipzig). In einem angenehm augen­zwinkernden Stil geht Hermenau den vielfach auch historisch erklärbaren Grundprägungen ihrer Landsleute nach. Etwa: „Die Sachsen möchten von jemandem regiert werden, der sich als Geschäftsführer der Sachsen GmbH versteht. Der soll den Leuten nicht mit erhobenem Zeigefinger in die Feierabendgestaltung reinquatschen und darf ihnen nicht zu viel vom sauer verdienten Geld per Steuer abknöpfen, sondern möchte bitte einfach dafür sorgen, dass alles ruhig und ordentlich läuft.“ Es geht unter anderem um die Leistungsbereitschaft der Sachsen und deren Unverständnis darüber, warum das zuvor wichtige staatliche Sparen bei der „Griechenlandrettung“ 2011 und ab 2015 „mit dem Einlass sehr vieler Menschen in die sozialen Sicherungssysteme“ offenbar keine Rolle mehr spielte. Es geht um die unerwünschte „europäische Republik“. Um „Druck im Kessel“, wenn Probleme von oben negiert werden. Um den Blick zu den Visegrád-Staaten, die den Sachsen in vielerlei Hinsicht näher sind als der „Westen“. Und: „Dialekt ist Seele.“
Vor allem für Nicht-Sachsen gibt es in dem Büchlein viel zu lernen. Natürlich ist es auch ein Stück Wahlkampf. Man mag hinzufügen: Ein gelungenes. Ziehen die „Freien Wähler“ im Herbst tatsächlich in den sächsischen Landtag ein, mit oder ohne Antje Hermenau, dürften sie ein gefragter Koalitionspartner sein.
    Erik Lommatzsch


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