Friedland, ein Ort der Freude und des Leids

17.04.19

Der Historiker Christopher Spatz hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Vertriebenen wissenschaftlich aufzuarbeiten. Für seine Arbeit hat er mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, Archive durchforstet und seine Erkenntnisse veröffentlicht. Er promovierte 2015 an der Berliner Humboldt-Universität zur Identität der Wolfskinder. Seine Doktorarbeit wurde im Ellert & Richter Verlag unter dem Titel „Nur der Himmel blieb derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben“ veröffentlicht.
In seinem neuen Buch „Heimatlos“ beschäftigt Spatz sich mit dem Durchgangslager Friedland bei Göttingen. Die Idee dazu entstand, als der diesjährige Kulturpreisträger der Landsmannschaft Ostpreußen im Stadtarchiv Göttingen auf Friedland-Fotos des Masuren Fritz Paul stieß, die ihn sofort ansprachen (siehe PAZ 15, Seite 2). Zwar lebt Paul selbst nicht mehr, aber Spatz gelang es, Kontakt zu dessen Sohn aufzunehmen und Pauls fotografischen Nachlass zu sichten. Aus insgesamt 6000 Negativen fanden rund 85 Schwarz-Weiß-Fotos Aufnahme im Buch. Die Bilder zeigen Menschen, denen Leid und Entbehrung ins Gesicht geschrieben steht, Kinder mit leeren oder schreckgeweiteten Augen – stets jedoch in Respekt wahrendem Abstand aufgenommen. Ein Kapitel des Buchs ist dem Fotografen gewidmet.
Friedland war nicht nur Auffang- und Verteillager für Aussiedler und Spätheimkehrer, sondern es war auch Symbol für den Aufbruch in eine neue Zukunft. Die Ankunft der Heimkehrer sorgte für Medienrummel. Politiker und Reporter reisten gemeinsam mit der Schar der Angehörigen, die auf eine Rück-kehr ihrer Lieben hofften, und Schaulustigen nach Friedland. Nicht alle Reporter verhielten sich gegenüber den schwer gezeichneten Heimkehrern respektvoll.
In Friedland gab es Freude und Leid: Der ostpreußische Schriftsteller Arno Surminski schildert in der dem Buch vorangestellten Erzählung „Chor der Gefangenen“ die Seelennöte einer kleinen Familie, die auf die Rück-kehr des Vaters aus sowjetischer Gefangenschaft hofft. Die Namen der Entlassenen wurden vor jedem Transport im Radio genannt. Voller Vorfreude macht sich die Familie von Gerhard Schneider auf nach Friedland, um ihren Angehörigen in die Arme zu nehmen. Die Enttäuschung entzieht der Ehefrau die letzte Kraft, als sie feststellen muss, dass der genannte Gerhard Schneider ein anderer ist als ihr Mann.
Solche schlimmen Schicksale wiederholten sich regelmäßig. Die von Spatz befragten Zeitzeugen berichten von Wiedersehensfreude, aber auch von Verleugnungen, Scheidungen, Traumata oder völliger Entfremdung.
Besonders betroffen machen die Bilder und Schilderungen über die Kinder, die, erst am Beginn ihres Lebens stehend, die ganze Härte und Grausamkeit des Krieges erleben und nicht selten hungern mussten. Sie hatten es besonders schwer, am neuen Wohnort zurechtzukommen.
Spatz gebührt großer Respekt für seine Arbeit. Das Buch ist keine trockene wissenschaftliche Dokumentation; es ist flüssig geschrieben und überaus spannend zu lesen.
    Manuela Rosenthal-Kappi

Christopher Spatz: „Heimatlos. Friedland und die langen Schatten von Krieg und Vertreibung“, Ellert & Richter Verlag, Hamburg  2018, gebunden, 224 Seiten, 19,95 Euro


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