Für den Islamismus, gegen die Kurden

Mit ihrer offenen Unterstützung der Regimegegner in Syrien wird die Türkei zum Akteur im Bürgerkrieg

18.12.12
Müssen sich gegen Angriffe von Islamisten wehren, die von der Türkei unterstützt werden: Kurden im Norden Syriens. Bild: pa

Die Entscheidung der Nato, Einheiten mit dem Raketenflugabwehrsystem „Patriot“ in die Türkei zu entsenden, wirft ein Schlaglicht auf das Nato-Mitgliedsland und seine Rolle als  Akteur im syrischen Bürgerkrieg. Angesichts der zunehmenden Stärke der kurdischen Milizen in Nordsyrien fühlt sich Ankara berechtigt, wie im Nordirak so auch im Norden des Nachbarlands Syrien militärisch zu intervenieren.

Anfang November wurde die syrische Kreisstadt Ras Al Ain an der türkisch-syrischen Grenze als erste Stadt der Provinz Hassake von syrischen Rebellen erobert. Die Rebellen unter Führung der islamistischen Al-Nusra-Front waren von der Türkei aus in die Grenzstadt eingedrungen und hatten im Handstreich die syrischen Regierungssoldaten vertrieben. Ähnliches berichteten christliche Augenzeugen aus der Grenzstadt Derbasieh, wo die Bewohner bereits von oppositionellen Gruppen, die sich auf der türkischen Seite der Grenze befanden, aufgefordert worden waren, die Stadt zu verlassen. In Derbasieh konnten kurdische Milizen jedoch, anders als in Ras Al Ain, die Eroberung der Stadt durch die Islamisten verhindern.
Nach der Eroberung von Ras Al Ain war es erstmals zu blutigen Gefechten zwischen kurdischen Milizen und den Milizen der islamistischen Al-NusraFront gekommen, die sich bislang weigern, dem in Doha geschmiedeten syrischen Oppositionsbündnis beizutreten. Sie fordern offen einen islamischen Staat selbst in den Regionen Syriens, in denen weder die Araber eine Mehrheit bilden noch die Sunniten. Die Kämpfer der Al-Nusra-Front werden nach wie vor aus der Türkei mit Nachschub an Personal und Munition versorgt, damit sie weiter gewaltsam gegen Kurden und Christen vorgehen können. In dieser Situation haben die Bischöfe des syrischen Teils Mesopotamiens einen dramatischen Appell an die Weltgemeinschaft gerichtet, um die Städte Hassaké und Kamishly, die beiden größten der Provinz, von Gewalt und Terror zu verschonen. Dort halten sich bereits mehr als eine halbe Million Binnenflüchtlinge auf, die nicht mehr wissen, wohin sie im Falle eines Angriffs der Islamisten flüchten sollen.
Alle Verbindungswege der Region Mesopotamien mit Damas­kus, Homs und Aleppo sind bereits in der Hand der Rebellen. Angesichts der ungewissen Situation bildeten die Einheimischen Volkskomitees, die die Sicherheit und die Versorgung in den Stadtvierteln und für die Flüchtlinge gewährleisten sollen.
Die Provinz Al-Hasaka im Nordosten Syriens hat mit 15 Prozent den höchsten Anteil an Christen in ganz Syrien. Die größte Bevölkerungsgruppe in der Provinz stellen mit 50 Prozent die Kurden. Sunnitische Araber, die die Rebellion gegen das Assad Regime in Syrien anführen, bilden dagegen nur ein Drittel der Bevölkerung. Ein Machtvakuum, das in vielen anderen Regionen Syriens die Bevölkerung willkürlich agierenden Verbrecherbanden ausgesetzt hat, gab es hier bislang noch nicht. Die islamistische Al-Nusra-Front, die in der syrischen Provinz Aleppo zu den militärisch stärksten Rebellengruppen zählt, lehnt übrigens auch den auf Druck des Westens in Katar geschaffenen neuen Dachverband der syrischen Opposition ab, sie wollen ganz offen einen islamischen Staat in Syrien errichten.
Ohne die Unterstützung durch die Türkei hätten die Rebellen der sogenannten Freien Syrischen Armee die Stadt Ras Al Ain nie erobern können. Die Türkei kämpft im eigenen Land selbst einen Bürgerkrieg gegen die kurdische PKK, dem seit 1980 bereits 40000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Jetzt ist man in Ankara in großer Sorge, dass an der türkischen Südgrenze nach dem Fall des Assad-Regimes, wie im Irak, ein neuer Kurdenstaat entstehen könnte, der sich mit dem bereits existierenden Kurdenstaat im Nordirak vereinen könnte und der für die Türkei weitaus gefährlicher wäre als das Assad-Regime, mit dem sich die Türkei lange die Bekämpfung der PKK geteilt hatte. Bodo Bost


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Kommentare

Gernot Schmidt:
18.12.2012, 11:34 Uhr

Die Stationierung von Patriotraketen ist zunächst als reine Symbolpolitik gedacht, die einem Verbündeten und der Welt die Solidarität des Bündnisses anzeigen soll. Ähnlich verhielt es sich beim sogenannten "Panthersprung nach Agadir" im Jahre 1911. Ein zögernder Kaiser Wilhelm II vertrat widerstrebend die Position des "symbolhaften Mitspielens". Letztlich schadete die Aktion dem deutschen Reich mehr, als es nutzte. Hieraus hätte man lernen sollen, zumal es wesentliche verschärfende Unterschiede gibt: Es ist erstens wahrscheinlich, dass die Rebellen türkisches Gebiet beschossen haben und eine Bedrohung der Türkei durch syrische Regierungstruppen gar nicht besteht. Zweitens wird Deutschland durch die türkische Unterstützung der sogenannten "Rebellen", die sich u.a. durch Greuel und Kirchenschändungen hervortun, faktisch auf die Seite der Islamisten gezogen. Hat man der Außenpolitik des Kaiserreiches Blauäugigkeit vorgeworfen, so wird die Geschichte bezüglich der aktuellen Politik wohl von Blindheit reden müssen.


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