Gedenkgeneräle

Wie wir die »Männerhorden« deutsch machen, wie aus Judenhassern Nazi-Opfer werden, und warum Sahra sich wieder hinsetzt / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

17.11.18

Es wird immer anstrengender, die Wirklichkeit so hinzubiegen, dass sie sich schrammenfrei ins Bild unserer Bunten Republik fügt. Winfried Kretschmann ist gestolpert und hat tatsächlich von Problemen mit „Männerhorden“ junger Asylsucher gesprochen, die er am liebsten aufs platte Land verbannen möchte. So etwas sagt ein grüner Ministerpräsident?
Zunächst hörten wir nur blankes Entsetzen. Das sei „nicht unsere Sprache“, befahl Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner und erklärte, dass er solch eine „radikale Sprache“ von Kretschmann nicht kenne.
Schön gesagt, aber was machen wir jetzt? Man kann sich doch an einer Hand abzählen, wann der erste AfD-Politiker Kretschmanns Männerhorden-Zitat genüsslich aufgreift. Vielleicht ist das zwischen dem Verfassen und dem Druck dieser Zeilen sogar schon geschehen.
In Notlagen wie diesen müssen alle bunten Demokraten zusammenstehen. Zum Glück tun sie das auch. CDU-Innenexperte Armin Schuster hat den Dreh raus und weiß, wie man solche Ausrutscher wieder einfängt. Ein großes Boulevardblatt zitiert den 57-Jährigen: „Kretschmann hat recht: Junge Männer sind in vielen Bereichen ein Problem, etwa in der Hooligan-Fan-Szene oder im Rechtsextremismus.“
Bravo! Die besten Jahrmarkts- Zauberer erkennt man daran, dass sie ihr Publikum mit den einfachsten Tricks hinters Licht führen. Schuster windet sich nicht herum mit Hinweisen auf „traumatische Kriegs- oder Fluchterfahrungen“, die andere immer anbringen, wenn sie die erschreckenden Zahlen zur Kriminalität von Asylsuchern zukleistern wollen. Nein, er wechselt einfach das Thema und aus. Genial!
Kretschmann hatte von jungen Asylsuchern ohne oder mit geringer Bleibeperspektive gesprochen. Darüber will Schuster aber gerade nicht reden, also lenkt er die Debatte auf ganz etwas anderes um. In der nächsten Eskalationsstufe des wohlinszenierten Ablenkens wird er den Kreis der bedenklichen „Männerhorden“ gewiss noch auf Kegelbrüder und Handballmannschaften ausdehnen, um vom eigentlichen Problem wegzukommen.
Der CDU-Innenexperte hat ein Muster perfektioniert, das wir schon kennen: Wo immer ein Asylsucher (oder eine „Horde“ solcher) eine Frau vergewaltigt oder ermordet hat, ist der erste Reflex eine Demo gegen „Rechts“.
Es ist im Grunde ein alter Hut: Wenn vor 170 Jahren Bürger gegen ihre Unterdrückung protestierten, hielt man ihnen von oben vor, das Volk „aufzuwiegeln“, heute hieße das: die Bevölkerung zu „spalten“. Und wenn Arbeitervereine oder Sozis gegen Ausbeutung auf die Straße gingen, klagte man sie an, die Nöte von Menschen für ihre politischen Ziele zu „instrumentalisieren“. So wird auch heute jeder, der politische Konsequenzen aus Mordtaten oder Vergewaltigungen fordert, zum „Instrumentalisierer“ und „Spalter“ erklärt. Wäre unsere Geschichte nicht voll gewesen von diesen abscheulichen „Instrumentalisierern“ und „Spaltern“, hätten wir heute noch nicht mal  das Wahlrecht, geschweige denn den Acht-Stunden-Tag oder das freie Wochenende.
Aber vielleicht waren diese „Reformen“ ja auch alle falsch, weshalb beispielsweise die politische Macht nach „Europa“ verfrachtet werden muss, wo das Wahlrecht kaum eine Wirkung hat, weil das EU-Parlament nun mal eine Lachnummer ist, da in Brüssel mächtige Lobbyisten das Sagen haben.
Aber bleiben wir kurz noch bei der Sache mit der Kriminalität. Bei Plasbergs „Hart aber fair“ hatte ein Grünen-Politiker eine noch bessere Idee, wie wir das Thema politisch-korrekt unter den bunten Teppich kehren können. Ahmad Omeirat, Ratsmitglied in Essen, fordert, dass das Thema der kriminellen arabischen Clans endlich ignoriert wird. Zu diesem Zwecke solle der Begriff „Clan“ nicht mehr verwendet werden. Ebenso habe man die ethnische Herkunft der Herrschaften zu verschweigen. Alles andere sei         rassistisch.
Das wäre fürwahr die Ideallösung: Wenn es erst allen verboten ist, das Problem überhaupt anzusprechen, müsste man weder etwas zurechtbiegen noch das Thema wechseln. Still ruht der See.
Die Kriminalstatistiker haben es ja schon ganz gut raus, wie man eine peinliche Angelegenheit per Knopfdruck aus der Welt schafft. Wenn beispielsweise ein Hisbollah-Aktivist auf einer Anti-Israel-Demo judenfeindliche Parolen grölt, wird das in der Kriminalitätsstatistik bekanntlich als „Politisch motivierte Kriminalität rechts“, kurz „PMK rechts“, verbucht.
Die mit diesem Kniff fabrizierten Zahlenreihen sind politisch Gold wert. Bei der jährlichen Gedenkfeier zum 9. November können hochrangige Politiker mit bebender Stimme vor dem Anwachsen des Antisemitismus warnen, dabei keck in Richtung AfD blinzeln und „als Lehre aus der Geschichte“ mehr Toleranz für religiöse Minderheiten einfordern, vor allen anderen für die Minderheit, welcher der Hisbollah-Demonstrant zuzurechnen ist.
Verblüffend, wie leicht sich alles auf den Kopf stellen lässt, ohne dass jemandem schwindelig wird. Die schlimmsten Antisemiten islamischer Herkunft räkeln sich in der Pose, die „neuen Juden“ zu sein, sobald es jemand wagt, ihnen kritische Fragen zu stellen. Und − sie kommen damit durch!
Mehr noch, da ihre judenfeindlichen Parolen wie deutscher Rechtsextremismus verbucht werden, können sie aus ihrem eigenen Antisemitismus sogar Kapital schlagen: Seht her, wie gefährlich die deutschen Rassisten schon wieder geworden sind. Die Zahlen verraten es! Also tut mehr für uns Muslime, die wir, als „neue Juden“, doch am meisten davon bedroht sind.
Das NS-Gedenken und die daraus abgeleiteten „Lehren aus der Geschichte“ sind zur freistehenden Kanone umgebaut worden, die in jede Richtung schießen kann. Wohin sie zielt, kann derjenige frei entscheiden, der sich den Befehlsstand gekrallt hat.
Daher kann das Geschoss auch Menschen treffen, die damit niemals gerechnet haben. So erging es AfD-Vizechef Georg Pazderski, dessen polnischer Vater als Zwangsarbeiter nur knapp dem Tod im KZ entgangen ist. Als er, wie Vertreter aller anderen Parteien, am 9. November am Holocaust-Mahnmal in Berlin feierlich einige Namen von Opfern verlesen wollte, hat ihm das die „Arierin“ Lea Rosh mit den Worten „Sie lesen hier nicht!“ verboten. Da war der Mann platt. Er sei davon „zutiefst betroffen“, sagte Pazderski anschließend. Haha! Was der sich einbildet. Wer hier „betroffen“ sein (oder tun) darf, entscheiden Leute wie Lea Rosh und ihre Freunde; sie sind die Gedenk­generäle im Befehlsstand der Erinnerungspolitik.
Wie weit das Schussfeld der Kanone reicht, musste sogar die rote Ikone Sahra Wagenknecht erfahren. Mit ihrer Bewegung „Aufstehen“ wollte sie Unerhörtes wagen und beispielsweise darauf hinweisen, dass der massenhafte Import billiger Arbeitskräfte nicht unbedingt den Interessen hiesiger Arbeitnehmer diene, sondern der Ausbeutung Vorschub leiste.
Umgehend hatte sie die Kanone im Visier. Der linke Philosoph Thomas Seibert bezeichnete Wagenkenecht als „rassistisch“ und fügte mit freudiger Infamie hinzu, sie wolle Menschen „selektieren“. Bei diesem Wort denkt ja jeder unweigerlich an die Todesrampen der KZs. So malt man Bilder.
Als sich die Genossen von „Aufstehen“ endlich mal auf die Straße wagten zu einer mickrigen Kundgebung, konnten wir sehen, wie gut das Geschütz getroffen hat. Da ging es in bewährter Manier gegen „Rechts“ und gegen Rassismus und so weiter. Nichts mehr von Grenzen und anderem Zeug, das Ärger bereitet. Sie haben schnell gelernt, die „Aufgestandenen“ um Wagenknecht. Was allerdings sollte dann die ganze Mühe? Für solch maue Phrasen, die alle anderen schon vor ihnen droschen, hätten sie gleich sitzen bleiben können.


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