Geistig Singen in Preußen

Vor 350 Jahren starb Simon Dach − Er schuf mehr als 1000 Gelegenheitsgedichte

15.04.09

„Ännchen von Tharau“, dieses unvergleichlich schöne Liebeslied, hat die Jahrhunderte überdauert  und gehört noch heute zum Repertoire vieler Chöre. Nur wenige aber werden wissen, daß diese eingehenden Worte dem Dichter Simon Dach zugeschrieben werden.

Die moderne Forschung ist sich allerdings nicht einig, ob es tatsächlich Simon Dach war, der 1636 das Lied für die Pfarrerstochter Anna Neander schrieb. Es gibt auch Vermutungen, daß Heinrich Albert, der die Melodie ersann, ebenfalls die Worte (ursprünglich in samländischer Mundart) zu diesem Lied fand. 1778 wurde das Gedicht von Johann Gottfried Herder ins Hochdeutsche übertragen und 1827 von Friedrich Silcher mit einer neuen Melodie unterlegt. In dieser Vertonung ist das Lied heute allgemein bekannt.
Hamann, Herder und selbst der kritische Gottsched schätzten Simon Dach. So lobte der „Literaturpapst“ aus Juditten: „An Opitzen, Flemmingen und Dachen entschuldige ich viele Fehler wider die Reinigkeit, die ich einem heutigen Stümper hoch anrechne. Das macht, ihre Schriften sind so voller Geist und Feuer, als die heutigen voller Schnee und Wasser.“ Der Komponist Otto Nicolai schrieb 1847 einen Aufsatz über „Ännchen von Tharau“. Richard Strauss vertonte unter anderem Dachs „Lied der Freundschaft“, und Oskar Gottlieb Blarr, um auch einen zeitgenössischen Komponisten zu nennen, schrieb 1982 eine Serenade für Klarinette und Streichquartett mit dem Titel „Die Kürbishütte“.
Auch in der Bildenden Kunst sind Zeugnisse zu entdecken, die vom Ruhm des Dichters Simon Dach künden: Der Bildhauer Rudolf Siemering schuf ein Relief mit dem Porträt des Dichters für die Königsberger Universität; Ludwig Dettmann, Maler und Direktor der Königsberger Kunstakademie, hielt den Besuch von Martin Opitz bei dem Königsberger Dichterkreis, dem auch Dach angehörte, in Öl fest; Franz Andreas Threyne schuf ein Relief des Dichters mit seiner Familie, das an der Stelle seines einstigen Wohnhauses in Königsberg zu sehen war. In Memel stand bis zur Vertreibung der Deutschen ein Brunnen mit dem Standbild des Ännchen von Tharau; den Sockel zierte eine Porträtplakette des Dichters. Privaten Initiativen ist es zu verdanken, daß dieser Brunnen im November 1989 wieder errichtet werden konnte.
Auch Dichter des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich mit dem Phänomen Simon Dach. Der Rastenburger Arno Holz schrieb an seinen Verleger Reinhard Piper: „Dann mache ich Reißner nach Weihnachten folgenden Vorschlag: zum 300jährigen Simon-Dach-Geburtstag, der auf den 29. Juli 1905 fällt, zum nächsten Weihnachten ... eine populäre Simon-Dach-Ausgabe zu veranstalten, die ich ihm zusammenstelle und mit einem betreffenden ,Fürvermerk‘ versehen würde ... Mir selber würde ein solches Dach-Buch Freude machen, schon als ,Landsmann‘ von ihm ... Simon Dach war wirklich einer und verdiente eine solche Propaganda reichlich!“ Johannes Bobrowski, der Dichter aus Tilsit, der in Königsberg dieselbe Schule besuchte, an der Dach einstmals lehrte, hat in seinem Werk immer wieder an den Memeler erinnert. Oskar Loerke, der Westpreuße, huldigte in zwei Gedichten dem Meister, und Agnes Miegel zog mit ihrer 1921 geschriebenen Erzählung „Nachtspaziergang“, eine Episode aus dem Leben Dachs und seiner Gefährten Heinrich Albert und Robert Roberthin schildernd, die Leser in ihren Bann.
Wer war dieser Mann, dessen 350. Todestages am 15. April gedacht wurde? Das Licht der Welt erblickte Simon Dach als Sohn eines Gerichtsdolmetschers für die litauische, polnische und kurische Sprache am 29. Juli 1605 in Memel (sein Urgroßvater mütterlicherseits war Bürgermeister der Stadt gewesen). Er besuchte zunächst die Schule in seiner Vaterstadt, dann ab 1619 die Domschule in Königsberg. Aus Angst vor der Pest zog es ihn 1620 nach Wittenberg, später nach Magdeburg. Über Lüneburg und Hamburg sowie per Schiff über die Ostsee gelangte er schließlich wieder nach Ostpreußen, das er nun nicht mehr verlassen sollte.
1626 wurde Dach an der Albertina immatrikuliert und nahm zunächst ein Theologiestudium auf. Alte Sprachen, rhetorische und poetische Studien interessierten den jungen Mann, der sich schon als Kind mit dem Dichten versuchte, jedoch weitaus mehr. Seine frühesten erhaltenen Verse in deutscher und lateinischer Sprache stammen aus dem Jahr 1630. 1633 erhielt Dach eine Anstellung als vierter Lehrer an der Kathedralschule; drei Jahre später wurde er dort Konrektor. Der Schuldienst jedoch nahm den kränklichen Mann mit: „So hat der Schulen Staub mir meiner Jugend Blüte nicht wenig auffgezehrt“, dichtete er. Es mag somit als glück-liche Fügung gelten, daß ihm 1639 eine Professur an der Albertina angeboten wurde – obwohl er noch keinen akademischen Grad besaß. Erst im April 1640 wurde er zum Magister promoviert.
Nahezu zwei Jahrzehnte unterrichtete Simon Dach an der Königsberger Universität als Professor für Poesie. Fünfmal war er Dekan, 1656 wurde er sogar zum Rektor ernannt. Als Poesieprofessor oblag es ihm, zu großen Festen Gedichte zu verfassen. So zählte zu den besonderen Glanzpunkten ein von Freund Heinrich Albert komponiertes Festspiel zum 100jährigen Bestehen der Universität. Gemeinsam mit Albert, Robert Roberthin und anderen gehörte Simon Dach dem Königsberger Dichterkreis an, dessen Mitglieder sich in Alberts Garten am Pregel trafen. Dort stand auch die „Kürbislaube“, die Albert zu seiner Kantate „Musicalische Kürbs-Hütte“ inspirierte und die zum Symbol des Dichterkreises wurde.
Simon Dach, der mit Regina Pohl verheiratet war, wurde Vater von fünf Söhnen (zwei starben früh) und zwei Töchtern. Er führte ein bescheidenes Leben und verbesserte seinen Unterhalt durch Gelegenheitsgedichte, die damals sehr beliebt waren und die uns Heutigen ein lebendiges Bild dieser Zeit zeichnen. Etwa 1250 Gedichte sind heute noch bekannt – Hochzeits- und Begräbnislieder, Gedichte auf verschiedene Jahreszeiten, Tänze und Gratulationen, Episteln sowie eine Unzahl lateinischer Gedichte, die etwa ein Fünftel des Gesamtwerkes umfassen. Auch verfaßte Simon  Dach zwei dramatische Arbeiten – „Cleomedes“ und „Sorbuisa“. Walther Ziesemer, Germanist an der Königsberger Albertina und „Vater des Preußischen Wörterbuchs“, ist es zu verdanken, daß wir heute noch so viel über Simon Dach und sein Werk wissen. Von 1936 bis 1938 hat er die deutschen Gedichte des Memelers in vier Bänden herausgegeben und sie so vor der Vernichtung im Krieg bewahrt.
Einen „unermüdlichen Kleinmeister“, nannte Alfred Kelletat einmal den Dichter Simon Dach, „ehrlich die Gelegenheit nutzend und sagend, mit gelehrtem Bildungsgut zierlich befrachtet und geschmückt“, während Helmut Motekat hervorhob, daß aus „seinen Gelegenheitsgedichten lyrische Kunstwerke wurden“.  Vielleicht sprechen die Gedichte des Mannes aus Memel, ganz abseits jeglicher literaturhistorischer Deutung, auch den heutigen Leser einfach nur deshalb noch an, weil sie aus einem inneren Erlebnis heraus gewachsen sind, das man, der barocken Sprache zum Trotz, nachempfinden kann. Vielleicht auch wird derjenige, der sich wieder einmal mit diesen Versen befaßt, in den Ausruf Simon Dachs einstimmen, der dichtete: „... Und jedermann gesteh, daß in dem kalten Preußen, mehr geistig Singen sei, denn sonst überall.“   

Silke Osman


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