Gemalte Lebensfreude

Vor 100 Jahren starb der Impressionist Pierre-Auguste Renoir

06.12.19
Impressionistisches Meisterwerk: „Tanz im Moulin de la Galette“ Bild: Musée d'Orsay

Für mich muss ein Bild etwas Liebenswertes, Erfreuliches und Hübsches, ja, etwas Hübsches sein. Es gibt genug unerfreuliche Dinge auf der Welt, als dass wir noch weitere fabrizieren müssten.“ Diese Aussage bekräftigte Pierre-Auguste Renoir mit jedem seiner Bilder. Der am 3. Dezember 1919 verstorbene Franzose hinterließ uns an die 6000 Ölgemälde.
Der 1841 als sechstes Kind einer Schneiderfamilie geborene Franzose beschloss 1861, Künstler zu werden. Mit seinen Freunden Claude Monet und Alfred Sisley widmete er sich der als „Impressionismus“ berühmt gewordenen Freilichtmalerei. Renoir malte die ersten Bilder in dieser von den Zeitgenossen zunächst als skizzenhaft und unfertig angefeindeten Manier 1869 im an der Seine gelegenen Bade- und Vergnügungsort La Grenouillère.
Doch bald stellte Renoir fest: „Malt ein Künstler direkt nach der Natur, sucht er im Grunde nach nichts anderem als nach Augenblickseffekten. Er bemüht sich nicht zu gestalten.“ Und so ging er daran, zumindest seine Hauptwerke mit Studien gründlich vorzubereiten. Dazu holte er sich Modelle ins Atelier. Etwa die Näherinnen Jeanne und Estelle, die im Gemälde „Moulin de la Galette“ (1876) elegant gekleidet unsere Blicke auf sich ziehen. Maler, Kunstmäzene und zahlreiche weitere Gäste bevölkern auf dem Gemälde das am Montmartre gelegene Tanzlokal.
Im selben Jahr schuf Renoir ein weiteres Meisterwerk: das „Frühstück der Ruderer“. Freunde und Bekannte saßen ihm Modell. Links am Tisch der Terrasse des Restaurants Fournaise sitzt Aline, Renoirs künftige Ehefrau. Rechts sitzt der Maler Gustave Caille­botte, neben ihm die Schauspielerin Ellen Andrée. Ebenso gehören ein Baron, ein Bankier und das Blumenmädchen Angèle zur gut gelaunten Gemeinschaft. Renoir äußerte: „Das war ein immerwährendes Fest, und wir versammelten uns aus den unterschiedlichsten Klassen.“
Ende der 1880er Jahren entwickelte Renoir seinen Spätstil. Eine üppige, flirrende Farbigkeit um­hüllt die Figuren. Der Maler erfreute sich allgemeiner Anerkennung und erzielte gute Preise. Zwar war er der äußeren Sorgen entledigt, doch ihn befiel eine schwere Krankheit. Das fortschreitende Rheuma-Leiden führte zur Deformierung der Hände wie Arme und zwang ihn schließlich in den Rollstuhl.
Da ihm das warme Klima des Südens Linderung verschaffte, bezog Renoir mit Ehefrau Aline und den drei Söhnen – einer von ihnen war der bekannte Filmregisseur Jean Renoir – ein Landhaus in Cagnes bei Nizza.
Unverdrossen setzte er sein künstlerisches Schaffen fort – und erweiterte sogar sein Repertoire, indem er sich auf die Bildhauerei verlegte. Renoir wählte einige seiner Gemälde und Zeichnungen aus, die dem Bildhauer Richard Guino als Vorlagen für Modellierungen in Ton und Gips dienten. Nachdem Renoir sie abgesegnet hatte, wurden Bronzegüsse angefertigt. Sein Hauptschaffensgebiet aber blieb die Malerei. Da er den Pinsel nicht mehr halten konnte, ließ er ihn sich an die Hand binden. Sein Lieblingsthema war nun die Aktmalerei.
Treffend urteilte der Kunsthistoriker Peter H. Feist: „Dies ist ja das Unfassliche, das Einzigartige und Großartige dieser Spätwerke: dass der sieche Greis nie auch nur einen Schatten von Verzweiflung oder Lebensüberdruss, Ärger oder Neid auf die Gesunden in seine Kunst eindringen ließ, dass alle die Hunderte von Werken der letzten Jahre ein einziger Hymnus auf glückliches Dasein, ein einziges arkadisches Lächeln sind.“
Renoir malte bis an sein Le­bensende. Wenige Tage vor seinem Tod bescheinigte er sich: „Ich mache noch Fortschritte.“
    Veit-Mario Thiede


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