Generation Pfefferspray

Ein Land im Ausnahmezustand: Die Furcht wird zum Alltagsbegleiter – die Sicherheit zum knappen Gut

13.01.17
Die Handtasche wird zur Waffenkammer: Frau mit Pfefferspray zur Selbstverteidigung Bild: Imago

Angst ist zum beherrschenden Grundgefühl vieler Deutscher geworden. Sie zeigt sich in Berliner Badeanstalten ebenso wie auf Düsseldorfer Modeschauen oder in Freiburger Clubs.

Sittsam bedeckte Dekolletés, weit geschnittene Hosen, brave Blusen statt bauchfreier Tops: „Bieder ist das neue sexy“, überschreibt die „Passauer Neue Presse“ einen Artikel über aktuelle Modetrends in 2017. Nach Jahren der Freizügigkeit und der gewagten Experimente habe die Branche eine radikale Kehrtwende vollzogen, verkünden auch die Trendscouts vom Deutschen Mode-Institut in Köln und verkünden gar eine Neuausrichtung der Geschmacksnerven.
Das alles mag vielleicht nur eine nichtige Modekapriole sein, aber wer die Models bei den Schauen in Berlin oder Düsseldorf in der hochgeschlossenen Kleidung ihrer Urgroßmütter über die Laufstege traben sieht, ahnt, dass es nicht so ist. Die Designer haben ihren Job gemacht und erspürt, wonach es Frau verlangt. Sexy ist an dieser Mode nichts. Dafür bietet sie etwas anderes: Unauffälligkeit. Gierige Blicke gleiten ab. Schmutzige Gedanken kommen gar nicht erst ins Rotieren. Das Pfefferspray in der Handtasche muss nicht zum Einsatz kommen – so wohl die Hoffnung.
Es ist eine Kleidung der Ängstlichen. Die Furcht vor Terror, Kriminalität und sexuellen Attacken, das zunehmende Gefühl des Fremdseins im eigenen Land machen das Leben hässlich. Das gilt nicht nur für Tops und Beinkleider. Grau ist das neue bunt, Vorsicht das neue sexy. Ins Märchenland der hyperhumanen Willkommenskultur haben sich Horden von düsteren Schreckgestalten gedrängt. Der weibliche Teil der Generation Pfefferspray hat seine Handtaschen in Waffenkammern verwandelt. Abendliche Dates und Partygänge werden wie Kommandounternehmen auf feindlichem Gebiet geplant. Häuslebauer haben sich zu Experten im Bereich Einbruchsschutz fortgebildet, und Eltern gehen davon aus, dass Schulwege nur in der eigenen Familienkutsche sicher zurückgelegt werden können. Aufgeregte Artikel in der lokalen Presse über das plötzliche Autochaos vor den örtlichen Schulen bestätigen den Trend.
Aber was erlaubt sich die Preußische Allgemeine Zeitung hier wieder einmal! Das alles ist doch pure populistische Panikmache: Die Deutschen bleiben gelassen, meldet die Mainstreampresse mit wenigen Ausnahmen beharrlich und in den unterschiedlichsten Variationen. Sogar dem Terror treten sie angstbefreit gegenüber. Eine Umfrage im Auftrag der ARD soll es belegt haben. 1005 Leute wurden vom Berliner Meinungsforschungsinstitut infratest dimap am 2. und 3. Januar telefonisch befragt. Nur 27 Prozent der Angerufenen gestanden Furcht vor Anschlägen ein. 73 Prozent bekundeten, sich in Deutschland sicher zu fühlen. „Die Deutschen haben keine Angst vor Terroristen“, tönte es via TV und Radio aus allen regionalen und landesweiten Sendern der ARD.
Glaubwürdiger wird die Aussage auch durch ihre häufige Wiederholung nicht. Man kann sich vorstellen, wie die infratest-dimap-Leute zu ihren Ergebnissen gekommen sind. Standhaft und furchtlos werden sich die Befragten gegenüber den Anrufern im Auftrage der ARD geäußert haben. Sich nicht von den IS-Mördern verschrecken zu lassen, ist Bürgerpflicht. „Bange machen lassen, gilt nicht, denn dann haben die Terroristen schon gewonnen“, lautet die Parole der Meinungsmacher. Schön tapfer klingen diese Worte, wenn man sie nachspricht. Wie es tatsächlich in der Bürgerseele aussieht, geht dagegen niemanden so schnell etwas an.
Vielleicht hätte auch die Dortmunder Lehrerin Wiebke Glöbke einem Interviewer ähnliches gesagt, – und es sogar selbst geglaubt. Dem WDR hat sie andererseits in einer Rundfunksendung beschrieben, mit welchen Bedenken sie ihre Schulklasse auf einen Weihnachtsmarkt in Essen geführt hat. Sie habe sich vorher eingehend mit den Kollegen beraten und dann die Örtlichkeiten inspiziert, ob eventuell Lastwagen auf den Platz fahren könnten. – Sorglos klingt anders.
Die Füße verraten derzeit oft mehr über die deutschen Befindlichkeiten als die Köpfe. Sie tragen ihre Besitzer einfach nicht mehr dorthin, wo ihnen „Einzelfälle“ mit „Schutzsuchenden“ widerfahren könnten. In Berlin bleiben den  Schwimmbädern plötzlich die Besucher weg. 500000 Badegäste weniger waren es in den ersten acht Monaten von 2016 im Vergleich zum Vorjahr, meldet die Berliner Morgenpost. Frauen, Mädchen und  Jungen möchten sich anscheinend nicht mehr für den orientalischen Badespaß der speziellen Art hergeben. Auch andere Orte leeren sich: Polizisten beobachten, dass sich immer weniger Frauen auf Großveranstaltungen blicken lassen.
In der Studentenstadt Freiburg, wo „Partymachen“ einst von vielen als zumindest halboffizieller Bachelor-Studiengang angesehen wurde, sterben unterdessen die Clubs. Seit Monaten würde das nun schon so gehen, jammert das örtliche Szenemagazin „Fudder“. Zur Erinnerung: Freiburg ist die Stadt in der ein Asylsucher im Oktober die 19-jährige Maria Ladenburger vergewaltigte und ertränkte. Im linksgrünen Meinungsklima war die Willkommenskultur vorher besonders heftig zelebriert worden. Die Stadt hat die höchste Kriminalitätsrate Baden-Württembergs.
Zwei Betreiber eines Clubs nennen den wohl wichtigsten Grund für die Pleitewelle unter den Kollegen: Das Publikum sei immer aggressiver geworden. Um Schlägereien und Taschendiebstähle zu verhindern, müsse man viel mehr für die Sicherheit ausgeben als früher. Vor allem die Frauen würden trotzdem wegbleiben, ist von anderer Stelle zu hören.
Man kann sich vorstellen, dass es keineswegs Altphilologen und Zahnmediziner sind, die den aggressiven Teil im Publikum im Freiburger Nachtlebens stellen. Die Angst und ihre Verursacher zu benennen, ist in der Öffentlichkeit allerdings noch weitgehend tabu. Witze helfen das Unbehagen einen ehrlichen Augenblick lang wegzulachen. Es gibt immer mehr davon. Diesen zum Beispiel: Kommt ein Araber zum Arzt und sagt: „Herr Doktor, immer wenn ich Sex mit einer Frau habe, brennen meine Augen. Was kann ich tun?“ Die Antwort des Arztes: „Das ist ganz normal. Das ist Pfefferspray.“
Völlig spaßfrei wird die Sache, sobald der Ernstfall droht – in der nächtlichen U-Bahn, im falschen Stadtviertel, auf der falschen Straßenseite, im Gedränge einer Großveranstaltung oder in den eigenen vier Wänden, wenn der Einbruchschutz doch nicht den neuesten Techniken der rumänischen Fachkräfte von der Gegenseite entspricht. Dann ist das beklemmende Gefühl in der Magengrube sogar ein höchst nützlicher Zustand. Angst steigert die Aufmerksamkeit und die Reaktionsfähigkeit. Die Sinne werden geschärft, die Muskelspannung gesteigert. Das alles sind ziemlich nützliche Eigenschaften heutzutage.     Frank Horns


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Kommentare

H. Schinkel:
13.01.2017, 18:22 Uhr

Pfefferspray ist heutzutage eine schwierige Sache. Streng genommen darf das nur zur Tierabwehr genutzt werden. Und ob das betreffende Ziel in diese Kategorie fällt ist in einigen Kreisen strittig. Zumal man heute für Zivilcourage angezeigt wird.

Besser ist es meinem Meinung nach einen Waffenschein zu machen. Wo kein Kläger das gibt es auch keinen Richter.


Christian R.:
13.01.2017, 12:03 Uhr

"Orientalischer Badespaß der speziellen Art" -- köstlich bissig formuliert !

Frauen verschwinden aus dem öffentlichen Spassleben. Mehr und mehr driften wir in Richtung Saudi-Arabien, wo Männer das Strassenbild dominieren. Wobei sexuelle Übergriffe auf Frauen auf offener Strasse dort vielleicht sogar ungleich strenger geahndet werden als bei uns. Doch zugleich verfährt man nach dem Motto: "Unsere Männer können sich nicht beherrschen, also liebe Frauen - weg von der Strasse !". Welch kreative Umkehr des Verursacherprinzips !

Wir in Deutschland wiederum kriegen das schlechteste von beidem: Orientalische Macho-kultur aber ohne die woanders waltende harte Hand des Staates. Kein Wunder also dass viele gerne zu uns kommen wo man sich hier so schön grapschend ausleben kann - ohne ausgepeitscht zu werden.

Zur Bewahrung unserer Offenheit und Ungezwungenheit nach Innen brauchen wir Geschlossenheit und Stärke nach aussen. Doch zu viele in unserem Lande sehen darin einen unlösbaren Widerspruch. Wer liberal ist, der meint es allzu oft in allen Bereichen sein zu müssen. Aber so sind die Menschen: Wie ich eine Sache mache, mache ich alles.


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