Gesten mit Symbolcharakter

30.10.19

Die am 6. November 1989 demonstrierenden Menschen in der DDR – es sind wieder Hunderttausende in über 70 Städten – können abermals auf eine Woche mit einer Vielzahl von Ereignissen und Veränderungen zurückblicken. Allerdings beharrte die nach wie vor den Staat beherrschende SED noch immer auf ihrem Führungsanspruch, während ihr die reale Macht immer weiter entglitt.
Schon vor dieser ersten Montagsdemonstration im November war in Leipzig der Oberbürgermeister zurückgetreten. Als der amtierende Vertreter das Wort an die Menge richten wollte, erschallte es im Chor: „Zu spät, zu spät.“
Staatssicherheitsminister Erich Mielke sorgte sich um seine „Dienstobjekte“, für deren Schutz nun sogar „chemische Abwehrmittel“ bereitgestellt wurden. Auch bei der Staatsoper suchte man bislang nicht so recht den Anschluss an die neue Zeit. Hier feierten die DDR-Oberen noch den 72. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“.
Dass die Zeichen auf Wechsel standen, war indessen unverkennbar. Bereits am 30. Oktober 1989 lief im DDR-Fernsehen zum 1519. Mal die Propagandasendung „Der schwarze Kanal“. Es war die kürzeste, letzte und daher wahrscheinlich am meisten gesehene Folge. Nur noch grotesk wirkte es auf die meisten, als Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler ankündigte: „Der Klassenkampf geht weiter.“
Das Verschwinden des bekannten Ideologen vom Bildschirm hatte auch starke symbolische Wirkung. Dies gilt über das konkrete Ereignis hinaus auch für die Wiederzulassung von Schülern, die im Vorjahr von der Berliner Carl-von-Ossietzky-Schule verwiesen worden waren, weil sie sich öffentlich gegen die Parade der Nationalen Volksarmee zum DDR-Gründungstag positioniert hatten. Als weiteres umfassenderes Signal sollte auch die Ankündigung verstanden werden, dass man die amtliche Zulassung des Neuen Forums zumindest prüfen werde. Die Bürgerbewegung war noch wenige Wochen zuvor als „staatsfeindlich“ eingestuft worden.
Dass es mit dem erzwungenen Rückzug von Erich Honecker und zwei besonders engen Weggefährten Mitte Oktober nicht getan war, wurde der SED-Führung bald deutlich. Margot Honecker, Ehefrau des Ex-Staatschefs und Ministerin für Volksbildung, die besonders stark mit dem Regime identifiziert wurde, legte nun ebenso ihr Amt nieder wie Harry Tisch, der Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Margot Honecker hatte das Ministerium 1963 übernommen. Die SED-Bezirkschefs von Suhl und Gera traten ebenfalls zurück. Mit 21 beziehungsweise 27 Jahren hatten sie ähnlich lange Amtszeiten aufzuweisen.
Immer mehr fühlten sich führende Funktionäre bemüßigt, sich zu Fehlern zu bekennen. Der Kulturstaatssekretär sprach davon, dass die SED schwere Schuld auf sich geladen habe. Der Dresdner Volkspolizei-Chef erklärte, man setze jetzt auf Dialog und habe aus den gewaltsamen Zusammenstößen gelernt. Der führende Marxismus-Leninismus-Professor räumte ein, man habe die Philosophie benutzt, um die Politik zu rechtfertigen.
Am 4. November fand in Berlin eine – genehmigte – Großdemonstration mit anschließender Kundgebung statt. Die Redner des Regimes wurden zum großen Teil ausgepfiffen. Auf Transparenten waren Parolen zu lesen wie „Kein Artenschutz für Wendehälse“. Eine Reihe von prominenten Künstlern sprach, so die Schriftsteller Christoph Hein und Christa Wolf. Legendär wurde der Auftritt der 81-jährigen Schauspielerin Steffie Spira. Sie beendete ihre kurze Ansprache mit der lauten, an die Machthaber gerichteten Aufforderung: „Abtreten!“ Erik Lommatzsch


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