Griechenland offen für Putins Avancen

Premier Tsipras will Beziehungen normalisieren, Moskau in Hellas investieren

10.10.16
Weckt Begehrlichkeiten russischer Investoren: Hafen von Thessaloniki Bild: Hombre

Alexis Tsipras, Griechenlands eigenwilliger Ministerpräsident, hatte eine prominente Gelegenheit gewählt, um ein wenig frische Luft in das Gefüge der Nato zu lenken. Beim jüngsten Gipfel des Bündnisses Mitte Juli in Warschau nahm er die Gelegenheit wahr und empfahl seinen zum Abendessen versammelten Kollegen, sie alle sollten ihre Beziehungen zu Moskau normalisieren. Als aktuellen Aufhänger benutzt der Grieche den Krieg in Syrien, der, so seine Überzeugung, ohne eine Zusammenarbeit mit Russland kein Ende finden würde. Damit aber hatte sich Tsipras in die Nesseln gesetzt.
Bei solchen Fragen nämlich, welche die Grundlinien strategischer US-Politik berühren, geht es bei Nato und EU nicht um richtig oder falsch, sondern ausschließlich darum, was Washington dazu sagt. Und das bekam Tsipras umgehend aus dem Munde des US-Präsidenten Barack Obama zu hören. Dieser fiel dem Griechen ins Wort und blaffte ihn an: „Das sollten Sie Ihrem Freund Putin erzählen.“ So spielte sich diese Szene nach der Zeugenschaft des griechischen Verteidigungsministers Panos Kammenos ab, der gleichzeitig die ausgezeichneten Beziehungen zwischen den USA und Griechenland beschwor. Der Warschauer Ausrutscher wog aber umso schwerer, als Tsipras sich bereits im Mai in ähnlicher Weise geäußert hatte. Die Gewährleistung der europäischen Sicherheit sei ohne die Zusammenarbeit  mit Russland nicht denkbar, so Tsipras in einem Pressegespräch in Athen. „Ohne Dialog mit Russland geht es nicht“, so der Premier wörtlich.
Auf Beifall für solche Reden, wie Tsipras sie in Warschau und Athen und anderswo gehalten hat, hätte keiner der Nato-Staatsführer rechnen dürfen, dem Griechen allerdings wird in diesem Fall neben allgemeiner Unzuverläs­sigkeit auch noch eine gewisse kulturelle und historische Affinität dem orthodoxen Bruder Russland gegenüber unterstellt – jedenfalls bei solchen Weltenlenkern, denen derartige Kategorien vertraut sind. Das Reizvolle an diesem Verdacht ist, dass er absolut zutrifft. Das äußert sich freilich nicht nur in überraschenden Äußerungen, sondern auch in der konkreten Politik. So geschah jene Athener Betrachtung im Zusammenhang mit einem wichtigen Vertrag, den der russische Energieriese Rosneft mit dem griechischen Energiekonzern Hellenic Petroleum“ (ELPE) ausgehandelt hatte, und den Russlands Premier Wladimir Putin bei seinem jüngsten Besuch in Athen unterschrieb. Russland wolle seine Beziehungen zu Griechenland ausbauen, erklärte dazu ein Kreml-Sprecher. Tsipras fügte hinzu, dass der ELPE-Vertrag ein anderes Abkommen ergänzen werde, das zwischen der russischen Gazprom und dem Mailänder Energieversorger Edison sowie dem Pumpen-Hersteller DEPA  besteht.
Dieser Handel scheint zur beiderseitigen Zufriedenheit zu verlaufen, denn schon Anfang September unterbreitete die griechische Regierung in Moskau den Vorschlag, die beiden Länder sollten ein gemeinsames Unternehmen gründen, das der Förderung von Bodenschätzen dienen könnte. Das gab der russische Vizepremier Arkadi Dworkowitsch bei einem Besuch der Internationalen Messe in Thessaloniki bekannt. Dort wurde auch eine Zusammenarbeit bei der Eisenbahn besprochen. Es geht dabei um die Modernisierung und Verwaltung der griechischen Bahnen durch die  russische Staatsbahn RZD. Deren stellvertretender Chef Alexander Mischarin sagte in Thessaloniki: „Wir sind bereit, in Projekte zur Modernisierung griechischer Bahnen einzusteigen und deren Infrastruktur dann auch zu verwalten.“ Die Pläne reichen aber noch weiter. Russland zeigt Interesse am Hafen von Thessaloniki. Dieser nämlich soll versteigert werden. Mischarin sagt: „Die russische Bahn möchte die griechischen Eisenbahnen und den Hafen von Thessaloniki in einem Paket kaufen.“
Die Russen sehen ihre Zusammenarbeit mit Griechenland als Zeichen der Normalität, die weder durch die Politik noch die griechischen Finanzschwierigkeiten beeinträchtig ist. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte dazu, Russland unternehme alle Anstrengungen, um die Zusammenarbeit mit dem griechischen Partner weiter­zuentwickeln. Dabei bestehe keinerlei Notwendigkeit, Athen irgendeine Hilfestellung zu geben. „In diesem Fall“, so Peskow, „kann man natürlich nicht über einen, sagen wir einmal, schlanken Plan bei der Griechenlandhilfe sprechen, das ist nicht notwendig. Darüber hinaus hat, wie Präsidenten Putin mehrmals erwähnte, Griechenland von der Russischen Föderation keinerlei Hilfe beantragt.“ Putin selbst hatte sich dazu ebenfalls geäußert: „Im Hinblick auf die guten Beziehungen zwischen Russland und Griechenland und bei der Absicht der beiden Länder, alles zu tun, um diese Beziehungen vor allem in Handel und Wirtschaft zu erweitern, ist Russland tatsächlich bereit und bemüht, die Zusammenarbeit mit den griechischen Partnern auch weiterhin zu entwickeln. Außerdem zeigt Griechenland Interesse daran.“
Das bestätigt Tsipras und beteuert: „Griechenland betreibt gegenwärtig eine unabhängige, breit gefächerte Außenpolitik, die sich auf die Diplomatie stützt. Ich betrachte sie als Hauptinstrument zur Beilegung von Streitigkeiten. Andererseits fördert sie den politischen Dialog und die ökonomische Zusammenarbeit mit Ländern der Region.“ Die verderbliche Sanktionspolitik, die Militarisierung und die Rhetorik aus der Zeit des Kalten Krieges würden Europa den Weg in die Zukunft versperren, fügte Tsipras hinzu. Diese Kritik richtet sich unmissverständlich sowohl an die EU als auch an die Nato, wobei Griechenland beiden Organi­sationen angehört. Es erscheint so, als habe Obamas Ohrfeige wenig gefruchtet.    Florian Stumfall


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Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
10.10.2016, 18:31 Uhr

Russland ist doch ein wichtiger Trumpf in Tsipras weit gefächerter Politik. Wenn die EU und Deutschland nicht nach seinen Wünschen zahlen wollen, wird Putin hofiert und die NATO geärgert. Wenn es um Militärbasen auf Kreta geht, verstehen die USA keinen Spass mehr und treten Merkel und Schäuble in den Hintern. Der Linke Tsipras weiß sein Blatt sehr wohl auszureizen und deutsche Politiker schauen blöd aus der Wäsche.


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