Hedgefonds drängt auf Zerschlagung

Die Vorsitzenden von Vorstand und Aufsichtsrat haben bei ThyssenKrupp bereits das Feld geräumt

31.07.18
Bei der diesjährigen Hauptversammlung von ThyssenKrupp in Bochum: Ulrich Lehner und Heinrich Hiesinger (von links) Bild: Imago

Nachdem bei ThyssenKrupp der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger und der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner ihren Rücktritt erklärt haben, steckt der Konzern in einer Führungskrise. Der Kurs des Unternehmens könnte künftig von einem umstrittenen Investor bestimmt werden.

Unmittelbar nachdem der Aufsichtsratschef Ulrich Lehner seinen Rücktritt angekündigt hatte, machte die Aktie von ThyssenKrupp einen Kurssprung von gut zehn Prozent. Beflügelt wurde der Kurs offenbar von Anlegern, die auf eine Zerschlagung des Essener Konzerns spekulieren. Sowohl der bisherige Vorstandsvorsitzende Hiesinger als auch der zurückgetretene Aufsichtsratschef Lehner standen für die Linie, den Gesamtkonzern zu erhalten.
Insbesondere der Hedgefonds Elliott, der an ThyssenKrupp seit Mai eine relativ kleine Beteiligung hält, drängt auf einen Kurswechsel. Auch der schwedische Investor Cevian hat den bisherigen Konzernchef Hiesinger schon länger stark kritisiert. Der Konzern ist nicht nur in der Stahlerzeugung aktiv, sondern auch im Rohstoffhandel, im Maschinen- und Anlagenbau sowie als Hersteller von Autoteilen, U-Booten und Aufzügen. Speziell die Aufzugsparte gilt als eine Ertragsperle und könnte bei einem Verkauf Geld in die Kassen der Investoren spülen.
Hinter dem Hedgefonds Elliot steht der US-Milliardär Paul Singer, der als sogenannter aktivistischer Investor gilt. Diese nutzen ihre Minderheitsanteile, um dem jeweiligen Unternehmen einen anderen Kurs aufzuzwingen. Häufig geht es dabei um den Verkauf von Unternehmensanteilen oder die Ausschüttung von Geldreserven an die Aktionäre. Typisch für diese Investoren ist es, dass sie auf einen informellen Einfluss setzen. In den letzten Jahren muss­ten sich unter anderem Nestlé und Eon mit aktivistischen Investoren auseinandersetzten.
Die Gefahr einer Zerschlagung von ThyssenKrupp hat inzwischen auch die Politik alarmiert. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) kündigte an, er wolle eine aktivere Rolle in der Krise um den Industriekonzern übernehmen. Laschet sitzt im Kuratorium der Krupp-Stiftung, die am Konzern einen Anteil von 21 Prozent hält. Auch Sigmar Gabriel (SPD) hat vor einer Zerschlagung des Konzerns gewarnt. Gabriel sagte, bei ThyssenKrupp laufe ein „böses Spiel“. „Finanzinvestoren wie Elliott sind Gegner unserer Wirtschafts- und Sozialordnung“, so Gabriel gegen­über der „Westfälischen Rundschau“. Bereits im Jahr 2005 hatte der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering mit Blick auf das Agieren von Hedgefonds das Wort „Heuschreckenschwärme“ gebraucht.
Die Äußerungen der beiden prominenten Sozialdemokraten sind nicht nur wegen der zugespitzten Wortwahl bemerkenswert. Es war eine SPD-geführte Bundesregierung, welche die Grundlagen dafür legte, dass Privat-Equity-Firmen und Hedgefonds auch in der deutschen Wirtschaft mittlerweile eine wichtige Rolle spielen können. Im Jahr 2001 führte die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder (SPD) die Steuerfreiheit von Gewinnen aus Anteilsveräußerungen an Kapitalgesellschaften ein. Der Schritt war ein wichtiger Faktor beim Ende der alten „Deutschland AG“, jenem Geflecht zwischen Banken und Versicherungen sowie deutschen Industrieunternehmen.
Mit dem Investmentmodernisierungsgesetz von 2003 machte Rot-Grün zudem den Weg für Hedgefonds frei. Gerade das Verschwinden der „Deutschland AG“ wurde als Modernisierungsschub angepriesen, allerdings sind auch die negativen Seiten der Entwicklung, etwa die auf schnellen Gewinn angelegte Zerschlagung von Firmen, nicht zu übersehen.
Die Unternehmen in Deutschland gehen sehr unterschiedlich mit aktivistische Investoren um. Oftmals wird das Gefahrenpotenzial durch die Aktivisten unterschätzt. Die betroffenen Unternehmen agieren dann wie Getriebene und müssen sich dem Druck der Investoren beugen. Andere Unternehmen haben versucht, Unternehmensteile selbst frühzeitig abzuspalten. Siemens macht bereits seit 20 Jahren regelmäßig Tochterfirmen selbstständig. Der Münchener Konzern erzielt dabei einige Erfolge, musste, wie bei der abgespaltenen Mobiltelefonsparte, aber auch Verluste einstecken.
Einen völlig anderen Weg zur Wahrung der Unabhängigkeit ist man bei Bosch gegangen. Auch das Unternehmen war in den 1920er Jahren zeitweise an der Börse notiert. Nach schlechten Erfahrungen an den Finanzmärkten fand Robert Bosch eine Lösung, die weltweit als einzigartig gilt. Als GmbH gehört das Unternehmen zu großen Teilen einer Stiftung, der keine Stimmrechte eingeräumt wurden. Die Machtzentrale des Unternehmens ist die Robert Bosch Industrietreuhand KG, die lediglich 0,01 Prozent der Anteile am Unternehmen hält. Zweck der Minibeteiligung ist es, finanzielle Eigeninteressen der zehn Treuhand-Gesellschafter auszuschließen.
Das Konzept hat sich als erfolgreich erwiesen, Bosch gilt als einziger großer Konzern weltweit, der weder Übernahmeversuche noch die Macht von Aktionären oder von aktivistischen Investoren fürchten muss.    Norman Hanert


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Kommentare

James Ostenmoordorf:
8.08.2018, 20:19 Uhr

@Dietmar Fürste
Weshalb gegen Volkswagen auch die US-"Justiz" vorgeht

Per selektiv angewandtem "Recht", mit einer Diesel-Abgas-Komödie (gegen US-Autobauer natürlich nicht), und sie VW-Manager doch tatsächlich der "Verschwörung" anklagt. Pointe: Die CIA hat nach dem Mord an Kennedy eigens die Vokabel "Verschwörungstheorie" in die Welt gesetzt, um uns zu sagen, dass es keine Verschwörungen gibt, doch nicht im US-Imperium (Satire aus).
Das Plattmachen und Zerschlagen von Deutschland AG (Mord an Alfred Herrhausen) und DDR-Wirtschaft (Mord an Detlev Rohwedder) begann 1989. Das ist jetzt die Endphase. Der Wiederaufbau nach dem Krieg wird ein hartes Stück Arbeit und vermutlich dauern.


Dietmar Fürste:
2.08.2018, 07:52 Uhr

Dank an die PAZ und Hr. Hanert für diesen aufschlussreichen Artikel!

Einmal mehr scheinen die Gefahren der Fremdeinwirkung auf Deutsche Wirtschafts-Schwergewichte durch ausländische Beteiligungen sowohl durch deren Führungskräfte, als auch durch die Regierung Schröder mit ihrer Politik der Deregulierung unterschätzt worden zu sein.

Inwieweit die Regierung Merkel solche Entwicklungen überhaupt zur Kenntnis nimmt und über Schutzmaßnahmen nachdenkt, ist angesichts ihrer ständigen Ablehnung jeglichen Protektionismus' jedenfalls nicht zu bemerken. Sie scheint im Gegenteil die Schröder'sche Linie fortzuschreiben und weiterhin ausländischen Investoren Teppiche auszurollen...

Das Stiftungsmodell BOSCH findet sich seit langem übrigens auch bei der ZEISS-Stftung, in deren alleinigem Eigentum sich die ZEISS-Werke befinden.
Bemerkenswert bei diesen Stiftungem ist neben ihrer Schutzfunktion für das eigene Unternehmen aber auch die soziale Komponente, die solche Stiftungen mit den Leistungen für ihre Werksangehörigen schon über lange Zeit geleistet haben:

Letzteres reichte z.B. von einer soliden betrieblichen Altervorsorge, bis zum Bau von vielen Werkswohnungen, in Jena z.B. dem 'Volkshaus' und der Kinderklinik. Jedenfalls solange, bis durch die russische Besatzung nach dem Weltkrieg - ebenso wie aus der WISMUT - eine SDAG (Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft) gemacht wurde, die nach Gründung der DDR in einen VEB (Volkseigenen Betrieb) übergeleitet wurden

Woraufhin die Jenaer Stiftung einen unglücklichen, jahrelangen Streit mit der bundesdeutschen Stiftung um die Nutzung des bekannten ZEISS-Warenzeichens führen mußte. Es hat nach der Wiedervereinigung vieler Anstrengungen und viel guten Willens bedurft, wieder zum eigentlichen Stiftungsanliegen von Ernst Abbé und Carl Zeiss zu finden.

Das alles beweist aber jedenfalls die Stärke und Überlebensfähigkeit gut gegründeter Stiftungen, welche in Gegenwart angloamerikanischer und chinesischer "Heuschrecken" nicht einfach als antiquiert abgetan, sondern von der Politik zum Wohl unseres Wirtschaftsstandortes befördert werden sollte.
Auch das Modell einer fest verankerten Beteiligung eines Bundeslandes kann ähnliche Sicherheiten bewirken, wie das Beispiel VOLKSWAGEN zeigt.


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