Historiker wider den Zeitgeist

Debatten scheute er nicht – Vor 25 Jahren starb Golo Mann

15.04.19
Im März 1979 in seinem Haus in Zürich-Kilsberg, das er von seinem Vater übernahm: Der Historiker und Schriftsteller Golo Mann Bild: pa

Seine „Lieblingsgestalt in der Geschichte“ sei „Bismarck, trotz allem“. Der Historiker und Schriftsteller Golo Mann bekannte dies 1980 beim Ausfüllen des von Marcel Proust inspirierten und nach diesem benannten Fragebogen. Seine Antwort auf die Frage, „Was möchten Sie sein?“ lautete: „Jemand, der glücklicher ist als ich.“ Bereits früher hatte er geäußert, er wisse nicht, ob er „zu sehr viel Lebensfreude überhaupt bestimmt“ gewesen sei.

Golo Mann wurde am 27. März 1909 als drittes Kind des Literaten und nachmaligen Nobelpreisträgers Thomas Mann in München geboren. Eigentlich lauteten seine Vornamen Angelus Gottfried Thomas. Die Mutter notierte 1911: „Golo, wie er sich nennt, wird immer verständiger …“ Den selbstgeformten Vornamen sollte er ein Leben lang beibehalten. Das Verhältnis zum berühmten Vater war problematisch. So äußerte er einmal: „Jede zehn Minuten in seiner Gegenwart waren eine Grausamkeit.“ Trotz späterer Entspannung litt Golo Mann zeitlebens darunter, wenn er in erster Linie als Sohn von Thomas Mann und nicht aufgrund seines eigenen Wirkens wahrgenommen wurde. Nach dem Besuch der Internatsschule Schloss Salem und dem Studium wurde er in Heidelberg bei dem Philosophen Karl Jas­pers promoviert.
Der Familie folgend, verließ er 1933 Deutschland, lebte unter anderem in Frankreich und der Schweiz. Als er nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von der Schweiz aus nach Frankreich einreiste, wurde er interniert, obwohl seiner Familie bereits 1936 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war. Frei kam er, nachdem sein Vater und die US-Hilfsorganisation Emergency Rescue Committee  interveniert hatten. Die Ausreise gestaltete sich jedoch abenteuerlich. Schließlich gelangte er gemeinsam mit seinem Onkel Heinrich Mann und Franz Werfel sowie deren Ehefrauen über Spanien und Lissabon in die USA. Publizistisch war er dort, wie schon zuvor, zusammen mit seinem Bruder Klaus tätig. Er nahm die Staatsbürgerschaft der USA an und trat in deren Armee ein. Als deutscher Muttersprachler war er prädestiniert für die Mitarbeit an deutschsprachigen Programmen US-amerikanischer Militärsender. Für die American Broadcasting Station sprach er ebenso Kommentare wie für den Geheimsender 1212, der gegenüber seinen deutschen Hörern vorgab, ein deutscher Sender zu sein. Nach dem Krieg blieb Mann beim Rundfunk, beteiligte sich am Aufbau von Radio Frankfurt. Als Zurückkehrender habe er „Scham über die unsagbaren Greuel, welcher seine eigene Nation sich schuldig gemacht“ habe, empfunden, von „Kollektivschuld“ sprach er jedoch nicht. Bezüglich der Alliierten äußerte er 1946: „… wie mir die Taten dieses Siegergesindels zuwider sind, läßt sich mit Worten nicht ausdrücken.“
Mann lehrte von 1947 bis 1958 am kalifornischen Claremont Men’s College Geschichte. 1960 folgte er einem Ruf als Professor für Politische Wissenschaft an die Technische Hochschule Stuttgart. Ab 1965 war Mann freischaffend tätig. Er bezog das elterliche Haus in Kilchberg am Zürichsee. Zu den politischen Debatten der Zeit erhob er wiederholt seine Stimme. Stets umstritten, wurde er immer gehört.
Eine pessimistische, mitunter auch resignative Haltung gehörte zur Grundveranlagung Manns. Er war der Ansicht, wer wirklich gelitten habe, besitze ein Anrecht auf „Vergeltungsbedürfnisse“. Dies überliefert der Journalist und Historiker Joachim Fest in einem persönlich gehaltenen Essay. Fest formulierte auch, Mann habe „eine häufig ungehalten hervortretende Abneigung gegen alles Ideologiewesen und dessen Anwälte“ gehabt.
Charakteristisch für den Geschichtsschreiber war der Bezug zur Persönlichkeit. Seiner „Lieblingsgestalt“ Otto von Bismarck widmete Mann zwar keine große Biographie, wandte sich aber bereits in seinem ersten Buch einer nicht minder komplexen Figur zu – Friedrich von Gentz. Mann stellt in dem gleichnamigen Werk den Mitarbeiter Clemens von Metternichs, der sich nicht nur politisch, sondern vor allem auch publizistisch betätigt hat, als „Gegenspieler Napoleons“ und „Vordenker Europas“ vor. Das Buch hatte er bereits im US-amerikanischen Exil verfasst. Auf Deutsch erschien es erstmals 1947.
Als Hauptwerk und zugleich Meisterstück der Geschichtsschreibung gilt „Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann“. Seit der Schulzeit war Mann von der Gestalt des Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges fasziniert. Unterstrichen durch die Titelwahl der 1971 erschienenen, mehr als 1000-seitigen Darstellung, wandte sich Mann nachdrücklich gegen die „Theoriebedürftigkeit der Geschichte“. 1978 hielt er ein „Plädoyer für die historische Erzählung“, damals gänzlich gegen den Strom der „fortschrittlichen“, in soziologischen Modellen das Heil sehenden Geschichtswissenschaft. Der Biograf Urs Bitterli konstatiert, Mann sei im „akademischen Umfeld des deutschsprachigen Kulturbereichs … zum Außenseiter und gleichzeitig, kurios genug, zu einem der meistgelesenen deutschen Historiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ geworden. Letzteres betrifft neben dem „Wallenstein“ vor allem seine „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“, die 1958 erschien und wie seine anderen großen Werke bis heute lieferbar ist.
Über die führenden Vertreter der Frankfurter Schule, Max Horkheimer und Theodor Adorno, die Mann aus der Exilzeit bekannt waren, sagte er Ende der 1940er Jahre: „Diese beiden kann das Land jetzt nicht gebrauchen. Der Marxismus für feine Leute stürzt die Deutschen nur aus einer Verwirrung in eine andere.“ Gerächt haben sich „diese beiden“, sie verhinderten später Manns Berufung auf einen Frankfurter Lehrstuhl. „Heimlicher Antisemitismus“ wurde ihm unterstellt und Horkheimer war sich nicht zu schade, Manns Homosexualität als Nichteignungsgrund für die Professur anzuführen.
Mann, der 1932 noch in der „Sozialistischen Studentengruppe“ engagiert war und lange Willy Brandt und dessen Ostpolitik unterstützte, bis er die SPD in zu großer Nähe zum Kommunismus sah, nahm deutlich Stellung gegen die 68er-Bewegung. Genannt sei der Artikel: „Hört auf, Lenin zu spielen!“ Anlässlich der Entführung des später ermordeten Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) brachte er in einem „Welt“-Artikel im September 1977 die Möglichkeit der Hinrichtung von Terroristen ins Spiel.
Vehement setzte er sich für Franz Josef Strauß ein, als dieser 1980 das Amt des Bundeskanzlers anstrebte. Für Hans Filbinger brach er eine Lanze, als er dessen rechtfertigende Erinnerungen 1987 sehr positiv besprach.
Bezüglich der bevorstehenden deutschen Einheit war er zurück­haltend und – seiner Natur entsprechend – pessimistisch. „Sie werden wieder Unsinn machen“, schrieb er, und man würde „kein wirkliches Europa haben, wenn wir weiterhin Nationalstaaten hätten im Sinne der Vergangenheit“. Den Umbruch im Herbst 1989 hat Mann erwartungsgemäß begrüßt, und zwar so stark, dass sich der Lyrikliebhaber, der mehrere hundert Gedichte auswendig parat hatte, zu dem arg holprigen Vers „Sozialismus ade/Scheiden tut nicht sehr weh!“ hinreißen ließ.
Golo Mann, der einmal formulierte, alle Geschichte sei transparent, „nach dem Ewigmenschlichen hin“, ist am 7. April 1994 in Leverkusen, wo er in den letzten Monaten in der Familie seines Adoptivsohns gepflegt worden war, gestorben.        
    Erik Lommatzsch


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