Holder Tropfen aus Ostpreußen

Die hochmittelalterliche Warmzeit ermöglichte den Weinanbau sogar im Deutschordensstaat

31.12.18
Gehört für viele Weihnachten zum Festmahl dazu: Ein schönes Gläschen Wein Bild: action press

Für viele gehört zu Weihnachten eine Weihnachtsgans und dazu ein schönes Glas Wein. Den holden Rebensaft bringt man eher mit dem Süden in Verbindung, doch war Ostpreußen einst sogar ein Weinanbaugebiet. Dieses ist umso bemerkenswerter angesichts der aktuellen Versuche, dem Menschen für die unterstellte Erderwärmung die Schuld zu geben.

In den wärmeren Gefilden des Heiligen Landes hatten die Angehörigen des 1198 in Jerusalem als Ritterorden gegründeten Deutschen Ordens den Wein kennen- und schätzen gelernt. Und so wollten sie wie am Mittelmeer auch an der Ostsee nicht auf ihn verzichten. Hierbei kam ihnen zugute, dass das Klima von Mitte des 11. bis Mitte des 13. Jahrhunderts insgesamt milder war und die Durchschnittstemperatur um ein bis zwei Grad höher lag als heute. Diese sogenannte hochmittelalterliche Warmzeit begünstigte den Weinbau in Nord-, Ost- und Mitteleuropa.
Schon vor der Ankunft des Ordens hatte sich der Weinbau entlang der Oder von Schlesien über Brandenburg und Mecklenburg bis nach Pommern ausgebreitet, wo er 1130 erstmals Erwähnung findet. So ist etwa bekannt, dass Bischof Otto von Bamberg im Jahre 1128 mit einem Fass voller Reben nach Pommern kam, um sie dort anzupflanzen. In West- und Ostpreußen sind Weinberge seit 1138 dokumentiert, und in der Amtszeit des Hochmeisters Winrich von Kniprode (1351–1382) erfolgte sogar eine Ausdehnung des Weinbaus bis nach Tilsit und Memel, wo er 1370 belegt ist. Winrich von Kniprode, unter dem der Ordensstaat seine höchste Blüte erlebte, ließ Winzer aus Süddeutschland und Italien kommen, und so entstanden Weinberge bei Thorn, Kulm, Elbing und Osterode, bei Rastenburg, Leunenburg und Rhein und bald darauf auch bei Tapiau und Königsberg sowie eben bei Tilsit und Memel. Plötzlich erfuhr das bekannte Lied „Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben“ in Ostpreußen die Abwandlung „An Rhein, an Rhein, da wachsen unsre Reben“, bezogen auf das Städtchen Rhein südlich von Rastenburg. Wegen des herberen Klimas benötigte der Wein in Ostpreußen allerdings eine intensivere Pflege als im Süden, und er dürfte auch etwas saurer geschmeckt haben. Zugleich ist jedoch nachzulesen, dass bei großen Festgelagen auf der Marienburg „mit Vorliebe der edle Rastenburger“ ausgeschenkt wurde, der wohl besonders gemundet haben muss. Umgekehrt wurde etwa bei Kulm Wein produziert, der „wegen seiner minderen Qualität vor allem dem Personal vorbehalten blieb“. Außerdem begann die Weinlese im Osten früher als anderswo, denn die Überlieferung besagt, dass die Trauben normalerweise Anfang Oktober abgeerntet waren, und 1379 soll die Lese sogar schon „an Jakobi“ (25. Juli) stattgefunden haben.
Über jenes Jahr, das als ein außerordentlich fruchtbares galt, haben wir überhaupt sehr ausführliche Informationen. So belief sich der Ertrag aller Weinberge des Deutschen Ordens damals auf 608 Tonnen. Ein Teil davon wurde an die Komture sowie an Personen verschenkt, die sich um den Staat verdient gemacht hatten, das übrige wurde eingekeltert. Dazu heißt es in der Literatur: „Wenn der Most acht Tage in den Fässern gelegen hatte, so fing er erst an, sich recht zu reinigen, und dies dauerte gewöhnlich drei Wochen. Dann war ein solcher Dunst in den Kellern, dass man betäubt davon wurde. Dieser Dunst stieg 1379 sogar bis in die Gemächer des Hochmeisters im Schlosse zu Marienburg, so dass er befehlen musste, die Oeffnungen an den Kellern mit Strohwischen zu verstopfen.“
Und weiter erfahren wir aus Johann Nikolaus Beckers 1798 in Berlin erschienenem Werk „Versuch einer Geschichte der Hochmeister in Preußen“: „Wenn das erste und letzte Faß gefüllt wurde, so kam eine frohe Gesellschaft von Rittern zusammen, und feierte ein Fest, das man Füllungsfest nannte. Die Gesellschaft versammelte sich an dem Orte, wo das Faß stand, und erwartete unter beständigem Trinken das Vollwerden. Wenn nun der Kellermeister diese frohe Nachricht kund machte, so erhoben Alle zugleich ein fröhliches Evoe und tranken auf das Wohl des Hochmeisters. Dann gings zum Tanze, wobei gewöhnlich Bockspfeifer aufspielten, und Abends nach vollendeter Arbeit auch die schönen Winzerinnen erschienen und um eine Traube tanzten. Eben dies geschah, wenn das letzte Faß gefüllt wurde.“ Anschließend gab der Hochmeister zwei Tonnen Wein und acht Tonnen Bier zum Trinken frei, während er selbst sich mit den Komturen und Rittern versammelte und man den Herbst feierte. Zu Kriegszeiten herrschte an diesem Tag Waffenruhe. Der Großkomtur und der Marschall durften für ihren eigenen Bedarf soviel Wein aus dem Burgkeller entnehmen wie sie wollten, Pfarrer und Schullehrer erhielten jedes Jahr einen Pfingst- und einen Martinstrunk.
Als im Jahre 1363 Herzog Rudolph von Bayern zu Besuch auf der Marienburg weilte, „mußte der Mundschenk beim Beschlusse der Tafel einen großen goldenen Becher mit Wein aus den Thorner Bergen füllen, den zuerst der Herzog, dann der Hochmeister und die übrigen Ritter auf gut Kriegsglück leerten. Da sagte Rudolph: ‚Langt mir noch einmal den Becher her, der Trank ist echtes Oel, davon einem die Schnauze anklebt.‘ Der Mundschenk füllte den Becher und der Herzog leerte ihn auf das Andenken Ludwigs des Baiern, wobei alle Ritter ein hohes Friedensgeschrei erhoben, und ebenfalls die Becher zu Ludwigs Ehre anstießen.“
Kaum hatte der Deutsche Orden im 14. Jahrhundert seine Macht in Ostpreußen gefestigt, setzte in Europa abermals eine Klimaveränderung ein, die sich seit spätestens 1350 bemerkbar gemacht hatte und danach allmählich stärker zu verspüren war. Diese als „kleine Eiszeit“ bekanntgewordene Epoche dauerte von etwa 1400 bis 1850, wobei die Auswirkungen mal mehr, mal weniger heftig waren. Es wurde kontinuierlich kälter, und diesem Umstand fiel auch der Weinbau in den nördlicheren und östlicheren Gefilden des Kontinents letztlich zum Opfer. Im Ordensstaat kam er in Kulm bereits 1440 zum Erliegen, 1473 erfroren die letzten Weinstöcke bei Osterode, und es musste vermehrt Wein importiert werden, der nun vor allem für Abendmahlsgottesdienste knapp wurde. Der Historiker und Hofgerichtsrat zu Königsberg Lucas David (1503–1583) erwähnt in seinem zehnbändigen Werk „Preußische Chronik“, an dem er bis zu seinem Tode schrieb und das die Geschichte des Preußenlandes von der Urzeit bis zum Jahr der Schlacht bei Tannenberg (1410) beschreibt, dass es noch zu seinen Lebzeiten Weinbau bei Elbing gegeben habe. Doch spätestens mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) ein Jahrhundert später war es auch damit vorbei, und seither gelten Brandenburg (Werder an der Havel) sowie Mecklenburg (Stargarder Land) und Vorpommern (Usedom) als die nordöstlichsten Weinanbaugebiete Europas. Aber wer weiß: Da uns die Meteorologen eine erneute Klimaerwärmung angekündigt haben, werden in absehbarer Zeit vielleicht auch in Ostpreußen wieder Weinstöcke gedeihen.    
    Wolfgang Reith


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