Im Abgrund eines Charakters

Wirbel um den Roman »Stella«: Die Jüdin, die im NS-Staat Juden jagte, überfordert manchen Zeitgenossen

06.03.19
Von der Gejagten zur Jägerin: Stella Goldschlag 1957 vor Gericht in West-Berlin Bild: pa

Es ist eine wahre Geschichte, die Takis Würgers Roman „Stella“ zugrundeliegt. Um sich und ihre Familie zu retten, verdingte sich eine junge Jüdin als „Greiferin“ für die Gestapo. Ein dunkler, irritierender Winkel der Geschichte, in den viele lieber nicht blicken wollen.

Wer Latein in der Schule hatte, wird sich vielleicht noch an das geflügelte Diktum „habent sua fata libelli“ erinnern. „Bücher haben ihre Schicksale“, das vollständige Zitat beginnt mit dem Vorsatz, „pro captu lectoris“, also je nachdem, „wie der Leser sie aufnimmt“. Und lesen sollte man Bücher, bevor man über sie spricht.
Über den Roman „Stella“ von Takis Würger ergoss sich unmittelbar nach seinem Erscheinen im Januar in den Feuilletons ein Schwall von Verunglimpfungen (siehe PAZ 8/2019). Setzt man dem die eigene Lektüre des Buches entgegen, so liegt der Verdacht nahe, dass das weitgehend vernichtende Urteil einen Reflex auf den Gegenstand der Handlung darstellt.
Weniger resultieren dürfte die Kritik aus einer eingehenden Beschäftigung mit einem Werk, welches ein reales Geschehen aus der Zeit der NS-Diktatur literarisch verarbeitet. Dabei ist es doch gar nicht so schwer. Der im Hanser-Verlag erschienene „Stella“-Roman ist nicht allzu umfangreich. Zudem kommt der Autor dem Leser durch kurze, fast protokollarisch wirkende Sätze weit entgegen. Was den Hintergrund angeht, so wird man durch die Nennung einer Vielzahl von historischen Ereignissen und Details schon fast „überorientiert“.
Takis Würger bedient sich frei der Lebensgeschichte der Stella Goldschlag. Die Modezeichnerin und Tochter des Komponisten Gerhard Goldschlag hatte der Gestapo als „Greiferin“ gedient, um sich und ihre jüdische Familie zu schützen. Sie spürte eine Vielzahl von versteckten Berliner Juden auf und verriet sie. Unter ihren potenziellen Opfern war sie mit der Zeit als Denunziantin bekannt, an deren Festnahme war sie auch tatkräftig selbst beteiligt.
Im Unterschied zu ihren Eltern überlebte Stella Goldschlag. Wegen Beihilfe zum Mord wurde sie 1946 von einem sowjetischen Gericht zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. 1994 nahm sie sich das Leben.
Die Haupthandlung des Romans spielt vorrangig im Berlin des Jahres 1942, ein Jahr vor dem real einsetzenden Wirken der Stella Goldschlag. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive des fiktiven Schweizers Fritz. Der ist gerade einmal 20 und materiell gut gestellt. Er bewohnt ein Nobel-Hotel und nimmt Zeichenunterricht. Dort lernt er das Aktmodell „Kristin“ kennen. „Kristin“, die auch in einem Nachtklub singt, weiß den zurückhaltenden Fritz für sich einzunehmen. Es entsteht schnell eine enge Liaison.
Als dritte Hauptfigur ist Tristan von Appen gegenwärtig, ein schneidiger SS-Obersturmbannführer, der für die Annehmlichkeiten des Lebens seine Ideologie hintan stellt und von Fritz gern mehr Nähe hätte, als dieser zu geben bereit ist.
Eines Tages verschwindet „Kristin“ und kehrt schwer misshandelt zurück. Fritz erfährt, dass es sich in Wahrheit um Stella Goldschlag handelt. Fortan ist sie als „Greiferin“ tätig, das Hauptmotiv ist der Schutz der Eltern. Fritz, der zu Anfang äußerst naiv ist und aus Kindertagen einen nahezu penetranten Hang zur „Wahrheit“ mitgebracht hat, versucht, das Wissen um Stellas Tätigkeit zu verdrängen. Mit der hässlichen Wirklichkeit tut er sich stets schwer: „Ich wollte nicht, dass mein Freund Tristan in der SS ist.“
Erfolglos versucht er, Stellas Eltern freizukaufen. Am Ende verlässt er sie. Unerträglich geworden ist ihm, neben der schwelenden Schuld und der Frage, ob man einen Menschen verraten dürfe, um einen anderen zu retten, vieles. Etwa der Mangel an eigener Courage. Er bringt es nicht fertig, sich an Stellas Peiniger zu rächen. Oder Stellas Verhalten gegenüber Tristan, der sie als „Israelitenpack“ beschimpft und darlegt, warum die Juden seiner Meinung nach zumindest verdrängt werden müssten, von dem sie sich dann aber doch wieder Auftritte verschaffen lässt.
Fritz resümiert: „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin mit der dünnen Stimme, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin.“ Sie selbst sagt: „Wir tun, was wir tun, weil wir es tun müssen.“ Für sich nimmt sie in Anspruch, dass sie keine Jüdin sei, Religion habe ihr und ihrer Familie kaum etwas bedeutet, erst Hitler habe sie „zur Jüdin gemacht“. Dort, wo man ihre Identität nicht kennt, redet sie lauthals antisemitische Propaganda mit. Zuweilen hat man den Eindruck, sie begeistere sich sogar dafür. Einfache Figuren bekommt der Leser nicht angeboten.
Warum es sich bei Würgers Roman um „Holocaust-Kitsch“ handeln soll, so der breite Presse-Tenor in der Beurteilung des Werkes, ist schwer nachvollziehbar. Das Problem liegt wohl eher im Unbehagen gegenüber der Figur der Stella – deren Handeln aus ihrer Perspektive als alternativlos dargestellt wird. Zugleich ist es im Wissen um die Konsequenzen ihrer Denunziationen in höchstem Maße verabscheuungswürdig.
Erstaunlich sind die Vorwürfe vor allem hinsichtlich anderer literarischer Werke, die sich ebenfalls etwas eigenwillig der Holocaust-Thematik annehmen. So erschien 2006 der Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ des irischen Schriftstellers John Boyne. Hier freundet sich der neunjährige Sohn eines SS-Offiziers, der in einem klar als Ausschwitz erkennbaren Vernichtungslager tätig ist, am Zaun mit einem Häftlingsjungen an. Später will er diesem im Lager helfen, seinen Vater zu suchen, beide Kinder sterben in einer Gaskammer.
Hoch gelobt wurde dieses Werk, mehrfach ausgezeichnet und in 46 Sprachen übersetzt. Neben der Kritik an der historischen Entstellung – die Kinder hätten sich niemals in der Weise begegnen können – wäre noch ein anderer Einwand zu erwarten gewesen. Nämlich, dass man bei „Der Junge im gestreiften Pyjama“ die Problematik der effekthascherischen und damit missbräuchlichen Verwendung dieses dunklen Kapitels der deutschen Geschichte wesentlich stärker hätte aufwerfen müssen.
Ein ebenfalls hoch gelobtes, allerdings gelungenes Wagnis einer Annäherung an eine adäquate literarische Schilderung des Holocaust ist die Arbeit von Art Spiegelmann. Der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden gestaltete die Erlebnisse seines Vaters in Form einer Bildgeschichte, der zweibändigen Graphic Novel „Maus“. Die Juden werden – dem Vorbild der Fabel folgend – als Mäuse dargestellt, ihre Peiniger als Katzen. Bemerkenswert ist, dass Spiegelmann sich nicht scheut, auch den gegenseitigen Verrat und die Egoismen seiner „Mäuse“ zu thematisieren, die hoffen, sich auf diese Weise selbst retten zu können – eine Parallele zu „Stella“.
Angedroht wurde dem Autor Takis Würger auch eine gerichtliche Auseinandersetzung. Eingestreut in sein Buch hat er mehr als ein Dutzend Aussagen gegen Stella Goldschlag vor dem sowjetischen Tribunal. Diese werden aus Originalakten zitiert. Für das ambivalente Bild, welches der Autor vor allem von seiner Titelfigur zu zeichnen bemüht ist, erweisen sich diese Stimmen von Zeugen oder Überlebenden über ihre „Greifer“-Tätigkeit als immenser Gewinn. Denn sie kontrastieren stark die im Luxus stattfindende Liebesgeschichte und die Erscheinung der gutaussehenden und gebildeten Frau. Die Ehre der verstorbenen Stella Goldschlag soll nun durch diese unkommentierte Quellenpräsentation verletzt sein.
1971 gab es in Deutschland schon einmal eine Entscheidung gegen einen Verlag zugunsten der Ehre eines Toten. In diesem Falle handelte es sich um den Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens und den Roman „Mephisto“ von Klaus Mann. Allerdings wurde auch festgestellt, dass mit dem Verblassen der Erinnerung die Persönlichkeitsrechte erlöschen. Im Falle von „Mephisto“, der Interessierten stets zugänglich war, hatte das zur Folge, dass der Roman knapp zehn Jahre nach dem Urteil und knapp 20 Jahre nach Gründgens’ Tod wieder gedruckt wurde.
Würgers „Stella“ ist neben anderem auch Nachhilfe-Lateinlehrerin. Daher weiß zumindest sie: „Habent sua fata libelli“.
    Erik Lommatzsch


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