Im Boot mit Leutze

Ein deutscher Maler schuf das künstlerische Nationalheiligtum der USA

20.07.18
Der Rhein stand Modell: „Washington Crossing the Delaware“ Bild: The Metropolitan Museum of Art

Das Gemälde „Washington Crossing the Delaware“ gilt als das bekannteste Gemälde der USA. Es hängt im „Metropolitan Museum of Art“ in New York. In den Amtsräumen des US-Präsidenten hängt nur eine Kopie. Das 3,78 mal 6,47 Meter große Bild zeigt ein Schlüsselereignis der amerikanischen Geschichte, als in der Nacht vom 25. zum 26. Dezember 1776 die eigentlich schon besiegte Rebellenarmee im Morgengrauen über den noch vereisten Fluss Delaware setzte, um einen überraschenden Gegenangriff zu starten, der dann auch erfolgreich war. Damit begann der Siegeszug der Rebellen gegen Englands Kolonialtruppen. Das Gemälde über diesen Vorgang wurde zur Ikone, zum Nationalheiligtum der USA.
Das Werk schuf allerdings ein deutscher Maler: Emanuel Gottlieb Leutze. Doch während dieser Künstler in den USA zu den Be­rühmtheiten gerechnet wird und mit seiner Historienmalerei auch über seinen Tod vor 150 Jahren hinaus eine große Nachwirkung erreichte, ist er in Deutschland nur Kunstliebhabern ein Begriff.
Leutze wurde am 24. Mai 1816 in Gmünd, dem heutigen Schwäbisch-Gmünd, geboren, wuchs aber in den USA auf, wohin die Eltern nach dem Wiener Kongress emigrierten. Da der Vater früh starb, hielt nun der Sohn die Familie mit Porträtmalereien finanziell über Wasser. Diese imponierten einigen vermögenden Bildkäufern. Sie finanzierten Leutze ein Kunststudium in Europa. So kam er 1841 nach Düsseldorf, wo er vom renommierten Historienmaler Carl Fried­rich geprägt wurde und sein erstes großes Werk, „Kolumbus vor dem Rat von Salamanca“, schuf.
Leutze heiratete eine Düsseldorferin und träumte von Historienbildern, die die Geschichte von der Reformation über die englische Revolution bis zur amerikanischen Unabhängigkeit darstellten. Dabei hatte er analog zu seinem Vater auch Hoffnungen auf Veränderungen in Deutschland. Während der Revolution 1848 gründete er mit Gesinnungsfreunden den Künstlerverein „Malkasten“. Aber der revolutionäre Traum zerplatzte rasch.
Parallel reifte bei ihm der Plan, den deutschen Revolutionären in scheinbar aussichtsloser Situation mit einem Bild, das George Wa­shington bei der Überquerung des Flusses Delaware darstellt, neue Hoffnung zu geben. Leutze wählte die Flusslandschaft des Rheins bei Kaiserswerth als Vorbild für seine Darstellung der Überquerung des Flusses Dela­ware mit mehreren Booten durch Washington mit seinen Getreuen. Das war in einigen Details historisch nicht ganz korrekt, zumal für den Kopf Washingtons die Porträtbüste des französischen Bildhauers Jean-Antoine Houdon herhalten musste. Das Sternenbanner hält auf dem Bild der spätere Präsident James Monroe. Für die anderen Figuren mussten meist Düsseldorf-Besucher aus den USA Modell stehen. Leutze wollte kraftvolle Amerikaner abbilden, keine duck­mäusigen deutschen Landsleute. Die Düsseldorfer Künstlerfreunde waren begeistert.
Doch der ersten Bildfassung war kein Glück beschieden. Zunächst brach in Leutzes Atelier ein Brand aus, der das Bild beschädigte. Es gelangte nach der Restaurierung in den Besitz der Bremer Kunsthalle und wurde 1942 während eines Bombenangriffs vernichtet. Glücklicherweise hatte Leutze vor dem Verkauf der Erstfassung nach Bremen noch ein zweites Bild geschaffen. Damit reiste er 1851 in die USA, wo es zur Sensation gedieh, für 10000 Dollar an einen New Yorker Millionär verkauft und erst 1897 vom Metropolitan Museum erworben wurde.
Ab 1859 arbeitete Leutze auf Dauer in den USA. Er schuf eine Kopie des berühmten Washington-Bildes für das Weiße Haus, war nun ein Star unter den Künstlern und erzielte für seine Bilder Höchstpreise. Den Höhepunkt bildete das Bild „Westward the Course of Empire Takes Its Way“, ein Auftragswerk, das die Ausdehnung des jungen amerikanischen Staates nach Westen zeigen sollte, zum Monumentalschinken gedieh und ihm 20000 Dollar eintrug. Damals ein Vermögen. Das Werk hängt heute im Treppenaufgang des Repräsentantenhauses.
Auf dem Gipfel seines Ruhms stehend starb Leutze am 18. Juli 1868 in Washington nach einem Spaziergang an einem Gehirnschlag.    Martin Stolzenau


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