Im Nebel

Warum die Vernunft erst hervorgeprügelt werden muss, wieso Rechnen unmoralisch ist, und was uns Venezuela voraus hat / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

01.04.17

Auf die wirklich interessanten Fragen kriegen wir ja sowieso keine Antwort. Etwa auf diese hier: Sind die Menschen im Kern eigentlich vernünftig oder sind wir allesamt Knalltüten, die bloß zufällig mal was richtig machen?
Für beides gibt’s Hinweise. Der Volksmund, sonst so treffsicher und klar, lässt uns hier allerdings im Regen stehen: „Aus Schaden wird man klug“, heißt es dort. Und was sagt das? Klugheit kommt von Vernunft, also sind wir irgendwie auch vernünftig. Nur dass wir erst mal ordentlich durchgeprügelt werden müssen, bis sich jene Vernunft gegen die Knalltüte in uns durchsetzt.
Wie so etwas in der Praxis abläuft, können wir am anderen Ende des Atlantiks besichtigen. Die Bürger Venezuelas haben ihre Tracht Prügel nämlich ausgiebig bezogen. 1998 hatten sie erstmals den Marxisten Hugo Chávez zum Präsidenten gewählt, und danach immer wieder, bis er 2013 starb. Seitdem sitzt Chávez’ Parteifreund Nicolás Maduro auf dem Sessel.
Die Erfolgsbilanz der langen roten Herrschaft kann sich sehen lassen. Von Nahrungsmitteln bis zu Toilettenpapier ist schon seit Jahren alles knapp oder gar nicht mehr zu haben. Nun kam eine Meldung, die die Grenze von der Wirklichkeit zur Satire zu überschreiten scheint: Venezuela, dem Land mit den größten Erdölreserven der Welt, mehr als Saudi-Arabien oder die Emirate, geht das Benzin aus! Wie „ntv“ berichtet, gibt es seit Tagen an nur noch 90 von insgesamt 290 Tankstellen der Hauptstadt Caracas Treibstoff zu kaufen, dort bilden sich lange Schlangen.
Wie es so weit kommen konnte, ist schnell erzählt: Nach der Machtübernahme besetzte Chávez gut dotierte Posten nicht mehr nach Befähigung, sondern danach, ob der Kandidat ein verdienter Genosse war oder zur weitläufigen Verwandtschaft des Präsidenten zählte. So gelangte eine Niete nach der anderen an die Spitze der Staatsbetriebe, so auch an die der staatlichen Ölgesellschaft.
Eine Weile ging das (wegen der Leistungen der Vorgänger) noch gut, dann jedoch sackte eins nach dem anderen in sich zusammen. Heute ist das Ende der Fahnenstange erreicht.
Mittlerweile haben die Venezolaner die Lust verloren am roten Desaster. Zu den jüngsten Parlamentswahlen im Dezember 2015 war der Schadensschmerz heftig genug geworden, dass er die Klugheit der Wähler aufwecken konnte: Sie haben die Sozialisten in die Opposition gejagt. Nur leider ist der Präsident noch da, und der regiert nun mit einer Art von Notverordnungen übers Parlament hinweg, wodurch die Schussfahrt vorerst weitergeht.
Wie kam das Land bloß auf den roten Abweg? Vor 1998 hatte Venezuela zwar auch schon heftige Krisen durchlitten, dennoch galt es als eines der wirtschaftlich stärksten Länder des Kontinents mit einer überdurchschnittlich großen Mittelschicht.
Aber es ging eben nicht „gerecht“ genug zu, darin waren sich die Sozialisten mit der Mehrheit der Wähler 1998 einig. Nach dem roten Machtantritt wurde durchgegriffen: Staatliche Kaufhallen boten fortan stark subventionierte Lebensmittel an, toll für die Armen, die sich ab sofort viel mehr leisten konnten!
Nicht so toll für die Bauern, die einer nach dem anderen aufgeben mussten, weil sie mit ihren Marktständen gegen die Dumping-Preise der Kaufhallen nicht ankamen. So ging das weiter von Produktionszweig zu Produktionszweig, bis irgendwann so gut wie gar nichts mehr hergestellt wurde in Venezuela. Die Weltöffentlichkeit lachte 2013 herzlich über die Klopapier-Krise in dem sozialistischen Land.
Na ja, immerhin haben’s die Venezolaner begriffen und werden den Maduro sicher auch noch vom Hals bekommen. Danach können sie sich dann ganz langsam aus der selbstgebuddelten Grube herausarbeiten.
Auf dem Weg nach oben könnte ihnen ein Volk begegnen, das gerade in der entgegengesetzten Richtung unterwegs ist: die Deutschen. Die haben erst ihre hervorragende Währung ohne Not weggegeben, dann ihre weltweit beneidete Stromversorgung per „Energiewende“ auf Flatterstrom runtergewirtschaftet und beteiligen sich eifrigst an der Hatz auf die glänzendste Autoindustrie, die die Menschheit je sah − ihre eigene. Gleichzeitig fahren sie ihr Bildungssystem an die Wand, das auch mal Weltspitze war, „gendern“ sich um den Verstand, lassen ihre Infrastruktur verkommen und laden sich nebenbei noch Millionen minderqualifizierte, religionsdurchglühte Versorgungsfälle aus dem Morgenland auf. Das muss doch kaputt zu kriegen sein, dieses Land!
Mal sehen, wann bei uns der Schadensschmerz hinreichend gewachsen ist, um die Klugheit hervorzupressen. Danach können auch wir uns wieder nach oben graben. Das wird schon: Schließlich sind wir Deutsche ja bekannt für unseren Fleiß, unsere Tüchtigkeit und unseren Sachverstand.
Vorerst nützt uns unser Sachverstand wenig, denn gegen ihn haben wir ein Betäubungsmittel entdeckt, das ihn vollständig einnebelt: den Moralismus. Wie das Mittel wirkt, führt uns der Ökonom Lars Feld vor, immerhin Mitglied des Sachverständigenrats, auch unter „Die fünf Weisen“ bekannt.
Feld widerspricht energisch der Behauptung, die Asylsucher („Flüchtlinge“) überlasteten die finanziellen Möglichkeiten Deutschlands. 2017 würden die Leute uns nur zehn Milliarden Euro kosten, sagt er. Interessant: 2016 haben Bund und Länder so in etwa das Vierfache ausgegeben, wobei indirekte Belastungen wie Gerichts- oder Polizeikosten nicht mitgerechnet sind.
Egal: Deutschland könne das „angesichts eines Haushaltsüberschusses von 24 Milliarden Euro durchaus verkraften“, sagt Feld. Woher „Deutschland“ diesen Überschuss hat, sagt er lieber nicht. Er stammt nämlich direkt aus den Ersparnissen, den Renten- und Lebensversicherungen der einfachen Mittelschicht, die per Zins- und Geldpolitik häppchenweise enteignet wird zugunsten der Staatskasse, die deshalb so einiges „verkraften“ kann.
„Um ehrlich zu sein: Man kann sich da in der Flüchtlingsfrage weder arm noch reich rechnen“, versucht Feld abzulenken. Ach ja? Andere können das durchaus, die Rechnung ist ganz einfach: Zuwanderer machen ein Land reicher, wenn ihr Ausbildungsniveau höher liegt als das der Einheimischen, und sie machen ein Land ärmer, wenn ihr Niveau unter dem der Alteingesessenen zu finden ist. Das durchschnittliche Ausbildungsniveau der Asylsucher aus dem Orient und Afrika ist im Vergleich zum deutschen Mittelwert unterirdisch. Fragen?
Nicht an den renommierten Wirtschaftswissenschaftler, denn der hat nach dem zuletzt zitierten Satz lieber das besagte Betäubungsmittel eingeworfen und predigt: „Die Aufnahme von Flüchtlingen ist vor allem eine Frage der Humanität und der gesell­schaftlichen Akzeptanz − nicht der Staatsfinanzen.“
Auf Deutsch: Feld könnte sehr wohl „rechnen“, er will aber nicht, weil ihm das nicht „humanitär“ erscheint. Da nützt einem der ganze „Sachverstand“ gar nichts mehr, wenn man unwillig ist, sich dieses Verstandes auch zu bedienen. Schade um den klugen Kopf. Lars Feld gilt als glasklarer Wirtschaftsliberaler − das waren mal die Männer, an denen der Vorwurf der „sozialen Kälte“ einfach abperlte, weil sie ihn für Kitsch hielten. Wer ihn nun reden hört, begreift langsam, warum es um die Partei der Grünen immer schlechter steht. Man bedarf ihrer gar nicht mehr, seit selbst Leute wie Professor Feld die grüne Weltverbesserungslyrik so tief eingeatmet haben, dass man sie gar nicht unterscheiden kann.
Es kann noch lustig werden in Deutschland. Wem der Blödsinn zu bunt wird, der kann ja auswandern. Wie wär’s mit Venezuela? Dort drüben dürfen Sie die Zeit nach dem bösen Erwachen schon heute genießen. Die ist zwar hart, aber dafür denken die Leute wenigstens wieder geradeaus.


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Kommentare

harena dordegan:
5.04.2017, 13:47 Uhr

Was Venezuela angeht, muss man zur Knappheit auch die surrealistisch niedrigen Preise erwähnen. Benzin für 1 Cent pro Liter ist in den "kapitalistischen" Ländern noch viel knapper als in Venezuela.

Im Sozialismus legt die Politik die Preise willkürlich fest, und zwar unabhängig von den Kosten, ausschließlich nach politischen Gesichtspunkten der "Sozialen Gerechtigkeit". Die Sozialisten verstehen sich eben nur aufs Verteilen, nicht aufs Produzieren. Das ist bei uns nicht viel anders.


James Ostenmoordorf:
1.04.2017, 21:48 Uhr

So wird das nichts mit der Wiederaufrichtung von Ost- und Westpreußen

In Venezuela geht’s doch nicht um „Freiheit statt Sozialismus“, sondern um den nächsten Ölraubzug der USA per Farbenrevolution. Ob das dann dort so angenehm sein wird weiß ich nicht, da würde ich Ungarn oder auch die Mongolei vorziehen. EU und Euro sind von den USA durchgesetzte Instrumente um Deutschland auszuplündern und Europa über Deutschland zu kontrollieren: gutes Beispiel, zeigt die völlige Abhängigkeit der politischen Klasse der BRD. Ebenso, dass keine der etablierten BRD-Parteien VW zu Hilfe kommt, das von den Amis bis aufs Messer bekriegt wird. Von der Flutung, ebenfalls von Washington angeordnet, nicht zu reden. Die BRD ist ein Failed State, wie Bassam Tibi hier neulich festgestellt hat. Es dauert nicht mehr lange, bitte anschnallen.


Günter Schaumburg:
1.04.2017, 20:42 Uhr

Möchte in diesem Zusammenhang das Büchlein
"Das Migrationsproblem" von Rolf Peter Sieferle em-
pfehlen. Wenn man so Manches nicht begriffen hat, nach
dem Lesen der fesselnden Zeilen ist man deutlich klü-
ger. No borders, no nations, no welfare!


Th. Nehrenheim:
1.04.2017, 14:07 Uhr

"Mal sehen, wann bei uns der Schadensschmerz hinreichend gewachsen ist, um die Klugheit hervorzupressen. Danach können auch wir uns wieder nach oben graben. Das wird schon: Schließlich sind wir Deutsche ja bekannt für unseren Fleiß, unsere Tüchtigkeit und unseren Sachverstand."

"Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind."

Ich frage mich, ob ich vielleicht hysterisch bin, denn ich kann nicht mehr daran glauben, dass sich die Deutschen aus dem Niedergang wieder herausarbeiten können. Schauen Sie sich städtische Kindergärten an: Da gibt es unter 20 Kindern noch ein bis drei deutsche Kinder; der Rest sind "Öl-Augen". Sicher, die lernen dort Deutsch, aber sie sind keine Deutschen, sie haben eine andere Mentalität, und sie werden als junge Leute feststellen, dass ihnen diese deutsche Gesellschaft nichts als Konsumismus und Weicheier-Gehabe als Ideale bietet. Das ist aber nichts Erbauliches, Stärkendes. Da ist der Koran schon viel stärker und hat stringentere Ideale. Und weil junge Leute klare Linien brauchen und suchen, wird ein guter Teil von ihnen zu sehr gläuben Moslems werden, die durchaus bereit sind, für den Islam überall ins Feld zu ziehen. Die Gesellschaft wird das viel Kraft kosten. Die inneren Zwiste und Verteilungskämpfe werden sie beschäftigen und wichtige Probleme ungelöst lassen. Sie wird sich quer durchspalten, und nichts wird mehr so sein wie vordem.

Doch die ethnische Ausdünnung, die hier dafür sorgen wird, dass wir eben nicht mehr als Deutsche da sein werden, um uns mit Ideen und Fleiß aus den Tiefs herauszuarbeiten, die ist gewollt von linken ideologischen Vordenkern, wie Joschka Fischer, der in seinem Buch "Risiko Deutschland" schon vor über 20 Jahren in - ja tatsächlich - "rassistischer" Weise gefordert hat, dass Deutschland ethnisch ausgedünnt werden müsse, damit es sich nicht immer wieder an die Spitze arbeiten könne. Da stand es geschrieben, was die wahren ideologischen Gründe der Grünen sind.

So warten wir auf ein Wunder?


Gisbert Dollenstein:
1.04.2017, 12:35 Uhr

Ja, es ist tatächlich genauso, wie bekanntermaßen Franz Josef Strauß weiland bemerkte, das nämlich, würden die Sozialisten die Macht in der Wüste übernehmen, bald der Sand knapp würde.
Damals hat man darüber herzlich gelacht und hielt es für reaktionäre Polemik, ich auch. Aber spätestens nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde klar, das es sich nicht um Polemik, sondern um eine Art naturwissenschaftliche, weil beweisbare, Feststellung handelte.


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