Im Reich des Ungeheuren

11.12.19

Über Beethoven ist wohl schon alles gesagt. Bei der Flut der Publikationen, die zum Beethoven-Jahr 2020 – der Komponist wurde vor 250 Jahren geboren – zu erwarten ist, wird daher sicher nichts bahnbrechend Neues darunter sein. Auch über Karl-Heinz Otts Leitfaden durch Beethovens neun Sinfonien in „Rausch und Stille“ kann man nicht behaupten, er würde sich durch eine revolutionär andersartige Werkinterpretation von vergleichbaren Monografien abheben.
Was dieses Buch aber einzigartig macht, ist der kulturhistorische Kontext, den Ott hier präsentiert und mit dem er die Werkentstehung der Sinfonien erklärt. Dazu bringt der studierte Philosoph und Musikwissenschaftler sogar Geistesgrößen wie Rousseau, Kant, Lyotard oder Derrida ins Spiel. Doch keine Angst vor so viel Genie: Ott erzählt mit Witz und lockerer Zunge wie Beethoven sich über alle Konvention erhob, Rhythmik über Melodien setzte und mit Gesang wenig anzufangen wusste, von Ausnahmen wie der Oper „Fidelio“, der „Missa solemnis“ oder dem Finalsatz der neunten Sinfonie einmal abgesehen. „Gemütlich“, so hören wir bei Ott, „wirkt an ihm nichts.“
Und Ott glaubt zu wissen, woran das liegt. Weil die Auftraggeber in den Kirchen und Palästen ausblieben, mussten Komponisten wie Beethoven neue Wege gehen. Orchestermusik war nicht nur zur Begleitung der menschlichen Stimme da, sondern entwickelte ein Eigenleben. Ott erklärt es mit den Worten E.T.A. Hoffmanns: „Von Mozart und Haydn sagt Hofmann, sie bewegten sich noch in der Welt des Schönen und Heiteren, wogegen Beethoven den Weg weise in ,das Reich des Ungeheuren und Unermesslichen‘.“
Ausgehend von diesen ebenso kurzweiligen wie lehrhaften kulturhistorischen und -philosophischen Überlegungen geht Ott in die Erläuterungen der neun Sinfonien über, deren Hauptmotive notenkundige Leser mitlesen können. Ott ist hier vor Beschreibungsfreude gar nicht zu halten. Über den Beginn des zweiten Satzes der sechsten Sinfonie liest man: „Man vernimmt die Bewegungen des Bachs mit seinem Gurgeln, Plätschern und Murmeln, über ihm quinkelierende Geigen und tirilierende Holzbläser.“ Es kommt einem vor, als benutzt Ott Worte wie Orchesterinstrumente. Das klingt dann fast so gut wie bei Beethoven.
Das Buch macht einfach Spaß zu lesen. Und das Schöne daran: Nicht nur Musikexperten werden ihre Freude daran haben, sondern auch Laien, die Beethovens Sinfonien hier leicht und verständlich erklärt bekommen.

Harald Tews

Karl-Heinz Ott: „Rausch und Stille. Beethovens Sinfonien“, Hoffmann und Campe, Hamburg 2019, gebunden, 288 Seiten, 24 Euro


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