Im Strudel der Schweigespirale

Von wegen »frei«: Um uns nicht von der Gruppe zu isolieren, handeln wir oft gegen unsere eigene Überzeugung

08.05.19
Man hätte so viel zu sagen: Doch subtile Sprechverbote verkleben den Mund Bild: Imago

Wir halten uns für freie, vernünftige und selbstbestimmte Wesen. Doch die Wissenschaft hat längst auf vielfache Weise bewiesen, wie angepasst und autoritätshörig die meisten Menschen in Wahrheit oft handeln.

„Wenn ich wüsste, dass einer von euch morgen AfD wählt …“ Es war der Vorabend der jüngsten Bundestagswahl. Geäußert wurde der nicht zu Ende formulierte Satz von einer Frau mit einer ehrlich-naiven sozialen Ader, folgerichtig war sie unter anderem in der „Flüchtlingshilfe“ engagiert. Angesprochen war eine Runde von sieben weiteren Gästen eines Geburtstages. Nicht alle kannten sich gleich gut. Das Thema brannte zwar auf den Nägeln, aber niemand wollte eine Diskussion ris­kieren. Zudem war von Gastgeberseite gebeten worden, die Politik möglichst außen vor zu lassen.
Die Pointe der kleinen Episode besteht darin, dass jeder der sieben sein Kreuz bei der AfD gemacht hat. An besagtem Abend hat es aber jeder für sich behalten. Die Sprecherin hatte eine Richtung vorgegeben, über die Meinung der anderen war man sich nicht im Klaren, deutete deren Schweigen aber als Zustimmung. Den Mut, sich dem scheinbaren Konsens entgegenzustellen, brachte keiner auf.
Hier handelt es sich um ein idealtypisches Beispiel einer Schweigespirale. Dieses Modell wurde von der Demoskopin und Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann (1916−2010) ausgearbeitet. Sie beschreibt das Phänomen, dass eine selbstbewusst vorgetragene Minderheitenmeinung als Mehrheitsmeinung erscheint und akzeptiert wird, da sie unwidersprochen bleibt. Die Ursache liegt in der sozialen Natur des Menschen.
Noelle Neumann gab ihrem 1980 erstmals erschienenen Werk „Die Schweigespirale“ den Untertitel „Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut“. Die Furcht vor Sympathieentzug oder gar Isolation ist demnach oft stärker ausgeprägt als der Drang zum Bekenntnis der eigenen, abweichenden Meinung. Konformität ist nicht nur bequemer, sondern wird zumeist sogar noch belohnt.
Der Begriff der öffentlichen Meinung ist bis zu einer Veröffentlichung des französischen Essayisten Michel de Montaigne von 1588 zurückzuverfolgen. Vom „Gesetz der Reputation“, welchem man unterworfen sei, sprach der britische Philosoph John Locke im 17. Jahrhundert. Der französische politische Publizist Alexis de Tocqueville wies 200 Jahre später auf die „Unerbittlichkeit“ der öffentlichen Meinung hin, welche er als tyrannisch empfand. Noelle-Neumann betont, dass öffentliche Meinung „immer eine irrationale wertgeladene Komponente“ habe. Das Problem des moralischen Wertes bestehe darin, dass die abweichende Meinung nicht nur als „dumm“, sondern als „schlecht“ gelte. „Aus dem moralischen Element zieht öffentliche Meinung ihre Kraft, ihre Isolationsdrohung.“ Und die Angst davor lässt viele vor dem Bekenntnis zur eignen Überzeugung zurückschrecken. Man beugt sich nach außen einem Gesinnungsdiktat, welches man für sich selbst eigentlich gar nicht annimmt.
Die empirischen, inzwischen als klassisch geltenden Untersuchungen des in Warschau gebürtigen, in den USA tätigen Psychologen Solomon Asch (1907−1996) berücksichtigen den moralischen Aspekt zwar nicht, zeigen aber eindrucksvoll – oder erschreckend – das menschliche Streben nach Konformität. In Aschs Experimenten geschah dies eindeutig wider besseres Wissen.
Die Aufgabe für den Probanden war denkbar simpel. Gezeigt wurde ihm eine Linie. Aus drei anderen Linien sehr unterschiedlicher Länge sollte er der ersten diejenige zuordnen, welche am ehesten mit ihr übereinstimmte. Dies wurde mehrfach durchgeführt. Allerdings war der Proband Teil einer Gruppe anderer Probanden, die, im Unterschied zu ihm und ohne sein Wissen „Komplizen“ des Versuchsleiters waren. Die anderen Probanden wurden hinsichtlich der Linienübereinstimmung immer zuerst gefragt. Nach einer Weile fingen sie an, jeweils offensichtlich die falsche Linie zuzuordnen. Folge war, dass über ein Drittel der echten Probanden, nach anfänglicher Irritation, auch anfing, jeweils die falsche Antwort zu geben. Zu betonen ist, dass die Lösung so einfach war, dass ein tatsächlicher Irrtum nahezu ausgeschlossen werden kann. In einem vertiefenden Experiment wurde festgestellt, dass die Fehler nicht passierten, wenn der echte Proband zwar hörte, was die anderen sagten, seine eigene Entscheidung aber nicht vor diesen verkünden musste.
Weiterführend war das ebenfalls klassische psychologische Experiment von Stanley Milgram (1933−1984), dessen Arbeiten stark von Asch beeinflusst waren. Es ging nicht mehr um Konformität innerhalb einer Gruppe, sondern um den Gehorsam gegenüber Autoritäten beziehungsweise Personen, die als solche wahrgenommen wurden. Die Untersuchungen fanden Anfang der 1960er Jahre an der Yale-Universität statt. Dem Probanden wurde erklärt, er sei „Lehrer“, ein anderer Proband, dieser auch hier ohne Wissen des ersten „Komplizen“ des Versuchsleiters sei sein „Schüler“. Der „Schüler“ wurde festgebunden, an seinem Handgelenk wurde eine Elektrode befestigt. Dessen Aufgabe sei es nun, einmal genannte Begriffspaare wiederzuerkennen. Erfolge eine falsche Antwort, so falle es dem „Lehrer“ zu, als Strafe Elektroschocks zu verabreichen.
Vom Versuchsleiter erhielt der „Schüler“ in Gegenwart des „Lehrers“ die Auskunft: „Die Schocks können zwar äußerst schmerzhaft sein, aber sie werden keine dauerhaften Gewebeschäden verursachen.“ Der „Schüler“, der sich in einem anderen Raum als der „Lehrer“ befand, begann bald Fehler zu machen. Der „Lehrer“ erteilte mittels einer eindeutig beschrifteten Apparatur Elektroschocks, angefangen bei 15 Volt. Schrittweise wurde die Voltzahl gesteigert. Bei 75 Volt stöhnte der „Schüler“ laut, bei 120 klagte er über Schmerzen, bei 150 verlangte er die Beendigung des Experiments. Wandte sich der „Lehrer“ an den Versuchsleiter, so bedeutete dieser nachdrücklich, dass das Experiment fortzusetzen sei. Nach 330 Volt war von dem „Schüler“ gar nichts mehr zu hören. Der Versuchsleiter gab die Anweisung, das Ausbleiben einer Antwort als Fehler zu werten und entsprechend zu bestrafen. Das Ende der Skala war erst bei 450 Volt erreicht.
Natürlich schauspielerte der „Schüler“ während des Milgram-Experiments, er bekam keine Elektroschocks. Eigentliches Objekt der Untersuchung waren die „Lehrer“, welche annahmen, dass sie dem „Schüler“ tatsächlich Schmerzen in großem Ausmaß zufügten. Alle hatten sich freiwillig zur Verfügung gestellt, in Unkenntnis des Ablaufs des Experiments. Jederzeit wäre eine Verweigerung oder ein Abbruch möglich gewesen. Allein die verbalen Anweisungen des „autoritären“ Versuchsleiters standen dem entgegen.
Mehr als 60 Prozent der „Lehrer“ waren tatsächlich bereit, wenn auch wohl zum großen Teil besorgt um den „Schüler“ und mit sichtlichem Unwohlsein, Schocks von 450 Volt zu verabreichen. In einer Variante des Experiments erfolgte die Erteilung der Schocks nicht mehr per Apparatur an einen „Schüler“ im Nebenraum, vielmehr hatte der „Lehrer“ dessen Hand dafür jeweils auf eine Metallplatte zu pressen. 30 Prozent der „Lehrer“ taten dies bei einem vor Schmerzen schreienden „Schüler“.
Um sich gegenüber einer – vielleicht nur vermeintlichen – Mehrheitsmeinung nicht zu isolieren, hält man mit der eigenen Meinung hinter dem Berg. Um sich nicht aus der Gruppe auszuschließen, trifft man objektiv falsche Aussagen. Einer – vielleicht ebenfalls nur vermeintlichen – Autorität folgend, handelt man entgegen dem eigenen Empfinden. Das stets rationale Individuum ist Illusion. Nach Noelle-Neumann gehört es zur Mündigkeit des Menschen, „dass er sich seiner sozialen Natur bewusst wird, keine falschen Unabhängigkeitsgefühle hegt“. Dennoch mag das Wissen um auf den ersten Blick beschämende, auf den zweiten Blick jedoch lehrreiche Modelle und Experimente helfen, bei künftigen Entscheidungen, die meist kaum mehr erfordern als eine verbale Positionierung, etwas mehr Mut zu zeigen.    Erik Lommatzsch


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