Im Zentrum des sunnitischen Islam

Franziskus zu Gast in Abu Dhabi – Erstmals besuchte ein Papst offiziell die Arabische Halbinsel

18.02.19
Der muslimische Gastgeber begrüßt seinen christlichen Gast vor dem Eingang des Präsidentenpalastes in Abu Dhabi:

Papst Franziskus hat auf Einladung des Kronprinzen von Abu Dhabi vom 3. bis 5. Februar die Vereinigten Arabischen Emirate besucht. Christliches Leben findet dort bislang nur in engem, kultischem Rahmen ohne rechtliche Absicherung statt.

Vier Jahrzehnte nachdem mit Ayatollah Khomeinis Rückkehr in den Iran erstmals ein geistliches Oberhaupt des schiitischen Islam die politische Macht erobert hatte, besucht mit dem Papst zum ersten Mal das geistige Oberhaupt der Katholiken, das seine politische Macht verloren hat, die arabische Halbinsel, das Zentrum des sunnitischen Islam. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ist der Islam wie in fast allen Ländern der Region Staatsreligion.
Dennoch gibt es auf der arabischen Halbinsel eine sehr schnell wachsende christliche Gemeinschaft. Allein in Saudi-Arabien leben fast zwei Millionen Katholiken. Aber diese Gemeinden sind rechtlich nicht anerkannt. Die Lage ist in den einzelnen sechs Golfstaaten sehr unterschiedlich. Seit einigen Jahren dürfen in vielen dieser Staaten mit Ausnahme Saudi-Arabiens zwar Kirchen gebaut werden, aber das Christentum auf der arabischen Halbinsel ist ein verdecktes, ein auf den privaten Gebrauch reduziertes Gemeinwesen, das eher geduldet als gern gesehen ist.
Die Christen dort stammen als Gastarbeiter zumeist aus asiatischen Ländern wie Indien oder den Philippinen. Die ausländischen Arbeitnehmer genießen so gut wie keine Rechte, und ihr christliches Gemeindeleben ist an die Stadtränder verbannt und keineswegs in den Zentren der boomenden Metropolen anwesend. Einheimische und Arbeitsimmigranten leben stark getrennt, denn Integration ist nicht gewünscht, obwohl die Zuwanderer vielerorts bereits die absolute Mehrheit der Bevölkerung stellen.
Dass der Papst am letzten Tag seines Besuches auch noch die einheimischen Katholiken besuchen und mit ihnen einen Gottesdienst in einem Stadion feiern durfte, war wie der gestattete Kirchbau ein Zugeständnis, das der Initiative des Herrscherhauses geschuldet ist. Christliche Gastarbeiter, die eine Einlasskarte zur Teilnahme an dem Gottesdienst mit Papst Franziskus am 5. Februar hatten, durften einen Tag frei nehmen. Zu dieser Messe erwarteten die Organisatoren mehr als 130000 Gläubige.
Christen in den Golfländern haben keinen leichten Stand, sie leben in einer völligen Schutzlosigkeit und Abhängigkeit vom Wohlwollen der jeweiligen absoluten Herrscher. Der Papst wollte diese Christen stärken und aufbauen und ihnen damit ein Stück weit Würde geben, indem er sie besuchte.
Zuständig für die Katholiken in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist der aus der Schweiz stammende Kapuziner Paul Hinder. Seit 2005 amtiert er auf der Arabischen Halbinsel. Im März 2005 ernannte Papst Johannes Paul II. Hindner zum Apostolischen Vikar von Arabien. Seit einer Neuordnung der Kirchenstrukturen im März 2011 leitet er nur noch das Vikariat Südliches Arabien, das die Vereinigten Arabischen Emirate, den Oman und den Jemen umfasst. Er residiert in Abu Dhabi. Zuvor war er auch für Saudi-Arabien zuständig, doch Saudi-Arabien bildet seit 2011 mit Katar und Bahrein das Vikariat Nördliches Arabien.
Hinder hofft, dass in der Folge des Papstbesuchs in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Prozess der dort seit den 1960er Jahren stattfindenden Öffnung in Staat und Gesellschaft eine neue Stufe erreicht. Denn im Vergleich zur Zahl der Gläubigen existieren viel zu wenige Kirchen. Derzeit gibt es für anderthalb Millionen Katholiken nur neun Kirchen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind eine 1971 gegründete Föderation von sieben Emiraten. Ihr erster Präsident war der Emir von Abu Dhabi Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan. Während seiner Herrschaft wurden Kirchenbauten zugelassen und Regierungsland dafür zur Verfügung gestellt. In Reverenz für den Gründerscheich besuchte der Papst bei seiner Reise auch dessen Grab und die unter ihm errichtete Große Moschee. Unter dem seit 2004 herrschenden Nachfolger des Staatsgründers, Scheich Khalifa bin Zayid Al Nahayan, hat sich die rechtliche Situation der Gastarbeiter noch einmal verbessert. Dennoch liegt noch vieles im Argen. Es gibt im Emirat heute Kultusfreiheit, jedoch nicht Religionsfreiheit im westlichen Sinn.
Trotz eines Ministeriums der Toleranz in den Vereinigten Arabischen Emiraten gilt diese nur in eine Richtung. So ist ein Religionswechsel nur in Richtung des Islam möglich, nicht aber weg von diesem. Ob unter solchen Voraussetzungen ein echter Dialog stattfinden kann, bezweifeln viele, denn der setzt die Freiheit des Denkens und Handelns voraus.    
    Bodo Bost


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