Infernalischer Gestank

Wieso die Euro-Krise wieder erwacht ist, wie sie uns den Raum vollbläht, und wie sich Mario Draghi bei allen anderen rächen will / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

27.01.15

Herrje, damit hatten wir gar nicht mehr gerechnet. Die Euro-Krise ist wieder aufgewacht! Wirklich tief geschlafen hatte sie ohnehin nicht, mehr so vor sich hin gedöst. Wer hingucken wollte, konnte die ganze Zeit sehen, wie sie sich räkelte in ihrer zweieinhalbjährigen Siesta vom Sommer 2012 bis eben gerade. Wenn wir sie wohlig schnurren hörten, fuhren Politiker und Zentralbanker immer schnell dazwischen und beruhigten uns: Das ist nichts, das ist bloß der Wind, den die Euro-Gegner machen.
Aber man kann ja nicht ewig im Bett bleiben. Eine erfrischende Dusche eiskalten Schweizer Gebirgswassers hat die Euro-Krise wieder hellwach gemacht. Um auf Touren zu kommen, nimmt sie diesen Sonntag noch einen starken griechischen Kaffee.
Das ist aber erst der Anfang. Im Salon warten französische und italienische Köche mit einem geradezu überbordenden Buffet aus allen Leckereien, die eine Krise benötigt, um zu titanischen Zerstörungskräften zu kommen. Und Küchenchef Mario Draghi schleppt immer noch mehr heran. Gut erholt wie sie ist, wird die Euro-Krise alle Teller ratzekahl leer essen.
Nun wissen wir, dass allzu viel und dazu schweres Essen unangenehme Nebenwirkungen zeitigt. Es sind diese peinlichen Darmwinde, die nach und nach den ganzen Raum erfüllen. Irgendwann werden nervöse Bankkunden, Investoren oder wer auch immer wissen wollen, woher bloß dieser infernalische Gestank kommt und zwecks Nachsuche einen Streichholz entzünden. Was dann passiert, ist aus dem Physikunterricht bekannt.
Aus eben jenem Unterricht wissen wir auch, dass man wagemutige Dilettanten nicht ohne gestrenge Aufsicht ins Labor lassen darf, wenn man vermeiden will, dass einem alles um die Ohren fliegt. Die fingern da nämlich gern mit allerlei hochexplosiven Substanzen herum, von deren Beschaffenheit und Gefährlichkeit sie keinen Schimmer haben.
Etliche Gemeinde-Kämmerer aus dem (ohnehin problembeladenen) Ruhrgebiet und zahllose Gemeinden in Frankreich haben sich vor Jahren ins Labor der Geldwirtschaft geschlichen und dort mit Schweizer Franken gespielt, um sich Kredite in jener Währung zu verschaffen. Das hielten sie für eine fabelhafte Idee: Beim Fränkli waren die Zinsen deutlich geringer als beim Euro.
Zudem hatten doch „alle ernstzunehmenden Experten“ versichert, dass der Euro eine granit­harte Währung sei. Denn nur gemeinsam sind wir stark, viel stärker jedenfalls, als es jeder für sich allein jemals werden könnte. Aus dieser bestechend einfachen Logik heraus war ja wohl klar, dass der Euro gegenüber diesem mick­rigen Hochlandtaler auf lange Sicht nur aufwerten konnte. Dann wür­­den auch noch die Schulden sinken, ganz von allein – die Welt ist ein Schlaraffenland, man muss nur zugreifen.
Leider kam es zunächst anders, als es sich die Stümper im Labor des Geldwesens nach Anraten ihrer „Fachleute“ auf den Spickzettel geschmiert hatten. Der Franken stieg.
Das machte aber auch nichts. Denn 2012 hat EZB-Präsident Mario Draghi festgestellt, dass er allmächtig ist, weil er auf dem Chefsessel der Notenbank sitzt. Und was für den gilt, müsste doch auch auf seinen Schweizer Kollegen zutreffen! Der hat vor drei Jahren beschlossen, dass der Euro fest und unverrückbar 1,20 Franken kostet, jetzt und immerdar. Schluss war’s mit der Franken-Aufwertung. Devisenmarkt? Angebot und Nachfrage? Alles Vergangenheit. Ab sofort wurde per staatliche Verordnung festgesetzt, was ein Franken in Euro kostet.
Um das sicherzustellen, musste der Schweizer allerdings immerzu Euros kaufen und dafür immense Mengen Franken in den Markt spülen. Zum Schluss hatte die kleine Schweiz Devisenreserven im Wert von mehr als 500 Milliarden Franken im Keller. Die bestanden aus lauter wackeligem Zeug wie Staatsanleihen aus den Euro-Ländern. Jetzt bog zu allem Überfluss Mario Draghi um die Ecke mit der Botschaft, für den Ankauf riesiger Berge schrottiger Anleihen noch mehr Euros rauszuhauen. Da hätten die Eidgenossen wieder mitziehen müssen, um den Franken unten zu halten.
Da blieb ihnen schließlich die Luft weg. Sollen doch die Deutschen für den ganzen Mist geradestehen! Die Schweizer sind lieber ins kalte Wasser gesprungen, als mit dem Tanker noch tiefer ins Packeis zu fahren, um dort von anderer Leute Schuldenbergen zerquetscht zu werden.
Sollen sie doch. Wir bleiben an Bord und geben uns alle Mühe, die Aussicht zu genießen. Im Übrigen belehren uns die Chefs auf der Brücke, dass alles wunderbar läuft, was man ja schon daran sehen könne, dass schon wieder jemand Neues aufs Schiff kommen will: Bulgarien hat bekannt gegeben, dass es möglichst bald in die Euro-Zone einheiraten möchte. Na also! Was ist schon eine Anbindung der Schweiz gegen die Mitgliedschaft eines Landes wie Bulgarien. Für Bulgaren ist Korruption bekanntlich ein Fremdwort (weil die Vokabel dort auch ohne Übersetzung jeder versteht).
Was Draghi mit der demnächst noch uferloseren Gelddruckerei eigentlich erreichen will, sagt er auch. Er wolle die Kreditnachfrage beleben, indem er das Geld noch billiger macht, also die Kreditzinsen noch weiter drückt.  Dafür müsse eben mehr Geld auf den Tisch. Aber sind die Zinsen nicht schon im negativen Bereich, wo der Kreditnehmer sozusagen Zinsen vom Kreditgeber bekommt? Das gilt natürlich nicht für Sie und mich, aber für die großen Banken. Und die Banken sollen dermaßen mit Geld vollgestopft werden, dass sie gar nicht anders können, als mit Billigkrediten nur so um sich zu schmeißen, woraufhin dann die Wirtschaft loslegt.
So der Plan. Bislang hat der nur leider nicht funktioniert, und es spricht wenig dafür, dass eine Therapie, die seit Jahren scheitert, nun plötzlich anschlägt, weil man die Dosis erhöht. Schlechte Medizin bleibt schlechte Medizin, auch wenn man das Dreifache davon verabreicht.
Folgenlos ist die Dosis-Erhöhung dennoch nicht, sie macht den Maladen erst richtig krank. Kranke Währung heißt: Inflation.
Die ist jedoch nur für die  schlecht, die was gespart haben. Die Verschuldeten finden Inflation klasse, so etwa die Staaten und verschuldeten Banken. Mit anderen Worten: Pfeif auf die „Konjunkturbelebung“, von der redet der Draghi bloß, um uns abzulenken.
Wenn die Inflation kräftig Fahrt aufnimmt, sind die Regierungen und Banken ihre Schulden los und wir unsere Ersparnisse, privaten Renten und Lebensversicherungen. Zur Erinnerung: Im November 1918 war das Deutsche Reich mit 160 Milliarden Mark beim eigenen Volk per Kriegsanleihen verschuldet. Genau fünf Jahre später waren die noch 16 Pfennige wert. So geht das!
Aber so schlimm wird es ja gar nicht, verspricht der EZB-Chef  und belustigt sich ein ums andere Mal über die hysterischen Deutschen mit ihrem Fimmel wegen 1923. Da hat er sicher recht, denn so schlimm muss es ja auch gar nicht werden. Mit läppischen acht Prozent jährlicher Geldentwertung halbiert sich das Vermögen in nur zehn Jahren.
Auf knapp acht Prozent war die Inflation sogar mit der D-Mark schon mal, in den 70er Jahren nämlich, kontert Draghi gern. Das war doch eine schöne Zeit, sollen die Deutschen denken und sich entspannt zurücklehnen.
Schlau, der Mann, er lässt nämlich ein klitzekleines Detail weg: die Zinsen. Die waren damals viel höher und glichen das meiste wieder aus. Heute hält Draghi die Zinsen im Keller.
In einem Interview gesteht der EZB-Chef übrigens dieser Tage, dass er in jenen 70ern bei der (viel höheren) italienischen Inflation das gesamte väterliche Erbe verloren habe. Aha! Möglicherweise will er sich also nur an denen rächen, denen das noch nicht passiert ist: Wenn ich alles verloren habe, sollen die anderen auch baden gehen. Diese Neid-Logik würde jedenfalls perfekt in unsere Zeit passen.


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Kommentare

geiernotizen .de:
28.01.2015, 13:40 Uhr

Grandioses Metaphernfeuerwerk; leider bleibt einem das Lachen mal wieder im Halse stecken.
Für über eine Billion Wasser in den Wein schütten, das ist schon eine reife Leistung. Hat schon mal jemand berechnet, wieviele Hände Herr Draghi nach Einführung der Scharia in Europa einbüßen wird?


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