»Jedes Land muss seine Fehler selbst machen«

Vor 30 Jahren beendete die UdSSR ihre Besetzung Afghanistans

25.02.19
Vor 30 Jahren an der afghanisch-sowjetischen Grenze: Generalleutnant Boris Gromow wird von seinem 14-jährigen Sohn Maxim auf der Brücke über den Amudarja begrüßt Bild: pa

Vor 30 Jahren beendete die Sowjetunion ihr militärisches Abenteuer in Afghanistan, nachdem sie dort eine ähnliche Niederlage kassiert hatte wie die USA in Vietnam. Aus diesem Fiasko ließen sich einige Lehren für den We­sten ziehen, der heute am Hindukusch Krieg führt – auch und gerade, was Ausstiegsstrategien betrifft.

Am 15. Februar 1989 war es soweit. Bei strahlendem Sonnenschein rollten ein Geländewagen und 50 Panzerfahrzeuge des „Begrenzten Kontingents der sowjetischen Truppen in Afghanistan“ (OKCBA) über die „Brücke der Freundschaft“, die bei Hairatan den Amudarja überspannt und die Grenze zwischen dem afghanischen Distrikt Masar-i-Sharif und der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik bildete. In der Mitte der Brücke stieg der Held der Sowjetunion und Kommandeur der 40. Armee, Generalleutnant Boris Gromow, aus dem Geländewagen und spazierte anschließend zu Fuß auf die sowjetische Seite. Damit verließ der letzte Angehörige des OKCBA Afghanistan.
Zehn Jahre zuvor hatte die UdSSR ihre Truppen an den Hindukusch entsandt, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Zum einen galt es, den afghanischen Ministerpräsidenten Hafizullah Amin loszuwerden, der seinen Amtsvorgänger, die willfährige Sowjetmarionette Nur Muhammad Taraki, hatte ermorden lassen und sich seither dem Westen anzunähern schien. Letzteres hatte im Kreml die Befürchtung geweckt, er könne den Amerikanern gestatten, Mittelstreckenraketen in Afghanistan zu stationieren. Zum anderen wollte Moskau verhindern, dass der radikale Islam der Regimegegner am Hindukusch nach Sowjetisch-Zentralasien überschwappte. Schließlich war erst kurz zuvor eine islamische Revolution im benachbarten Iran erfolgreich gewesen.
Allerdings erwies sich die Intervention bald als Fiasko. Die UdSSR stand nun außenpolitisch fast vollkommen isoliert da. Darüber hinaus fiel ihr Blutzoll von Monat zu Monat höher aus. Insgesamt starben knapp 15000 Angehörige des OKCBA während des Krieges in Afghanistan und weitere 54000 erlitten Verwundungen. Noch schlimmer traf es die Menschen in dem okkupierten Land. Die Zahl der Opfer unter ihnen wird auf bis zu zwei Millionen geschätzt. Dazu kommen rund sieben Millionen Flüchtlinge und ein wirtschaftlicher Schaden in Höhe von umgerechnet knapp sechs Milliarden US-Dollar. Ebenso musste die Sowjetunion Kriegskosten in Höhe von mindestens 7,5 Milliarden Rubel stemmen.
Trotz dieses Aufwandes erreichte der Kreml keines seiner strategischen Ziele. Weder wurden die Brutstätten des radikalen Islam an der Südflanke Russlands eliminiert, noch konnten sich die Vasallen Moskaus auf Dauer in Kabul an der Macht halten. Schuld hieran trug nicht zuletzt der Kollaps der Sowjetunion, der auch aus dem Afghanistan-Abenteuer resultierte und schließlich zur Unabhängigkeit der mittelasiatischen Sowjetrepubliken mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung führte. Durch diese Unabhängigkeit geht aus Republiken wie Usbekistan mittlerweile eine größere Gefahr durch Terrorgruppen für die Sicherheit Russlands aus als sie vor der Invasion am Hindukusch bestanden hat.
Während des zehnjährigen Krieges in Afghanistan ist aus sowjetischer Sicht vieles falsch gelaufen. Zwar gelang es relativ schnell, die wichtigsten Städte und Straßen zu kontrollieren, aber der Rest des Landes gehörte faktisch der Allianz aus den verschiedensten radikal-islamischen Milizen, welche die Zivilbevölkerung hinter sich hatten. Das geriet vor allem dann zum Problem, als die Rote Armee nicht mehr ungehindert mit ihren Mi-24-Kampfhubschraubern patrouillieren konnte, weil die Aufständischen vom US-Geheimdienst CIA infrarotgelenkte Luftabwehr-Raketen vom Typ FIM-92 „Stinger“ (Stachel) erhielten. Hohe Verluste erlitten die Invasoren außer durch den Verlust der Luftherrschaft wegen des zögerlichen Truppeneinsatzes. Letztlich standen nie mehr als etwa 140000 Sowjetsoldaten gleichzeitig im Kriegseinsatz in Afghanistan. Zum Vergleich: Im Vietnamkrieg waren zeitweise mehr als 540000 US-Soldaten im Einsatz zuzüglich Verbündete aus Südkorea, Thailand, Australien, den Philippinen und Neuseeland. Da der afghanische Krieg von den meisten Bürgern der UdSSR abgelehnt wurde, erschien es nicht opportun, mehr Militär nach Afghanistan zu schicken. Wie in der Gesellschaft war der Krieg auch in der Armee unbeliebt. So explodierte der Alkohol- und Drogenkonsum unter den Soldaten, was die Moral der Truppe genauso untergrub wie die vielen Toten am Hindukusch.
Ähnlich wie den USA bei der Vietnamisierung des Vietnamkriegs gelang es der UdSSR bei der Afghanistanisierung des Afghanistankrieges nicht, ein stabiles Regime zu hinterlassen. Während Südvietnams Regime sich ohne US-Präsenz jedoch nur zwei Jahre hielt, waren es beim afghanischen nach dem Sowjetabzug immerhin noch sieben. 1996 übernahmen die Taliban die Macht und massakrierten den Präsidenten von Moskaus Gnaden.
Statt aus der Geschichte, aus den Erfahrungen der Sowjetunion in Afghanistan zu lernen, ist im US-amerikanischen Afghanistankrieg wieder genau das Gleiche passiert: Man unterschätzte den Widerstandswillen der radikalen Moslems, schickte aus innenpolitischen Erwägungen zu wenig Soldaten ins Land und hegte Illusionen, was die Loyalität der afghanischen Regierungstruppen sowie die Durchsetzungsfähigkeit der künstlich geschaffenen Zentralmacht in Kabul betraf.
Für die Zukunft deutet sich bereits an, dass der irgendwann wohl anstehende Abzug der von den USA geführten Koalitionstruppen ähnliche Folgen zeitigen wird wie weiland der des OKCBA. Wenn kein ausländisches Militär mehr am Hindukusch steht, droht ein neuerlicher Bürgerkrieg beziehungsweise Sieg der radikalen Moslems. Der jetzige afghanische Präsident Mohammad Aschraf Ghani, ein promovierter Kultur­anthropologe, und seine Vize, der usbekische Warlord Abdul Raschid Dostum, der in der Vergangenheit permanent die Seiten wechselte, werden dieses wohl kaum verhindern. Somit dürften sich wohl die Worte von Fjodor Lukanow, des Herausgebers der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“ bewahrheiten, der mit Blick auf die fehlenden Ausstiegsstrategien der Sowjetunion und der USA sagte: „Die Geschichte zeigt: Jedes Land muss seine Fehler selbst machen.“    
    Wolfgang Kaufmann


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