»Jetzt ist der Moment gekommen«

Sanktionen? Ikea und andere westliche Unternehmen investieren vermehrt in Russland

20.12.16
Symbol für das Potenzial des russischen Marktes: Ikea-Filiale in Moskau Foto: action press

In den deutschen Staatsmedien wird durchgehend gesagt, die Sanktionen gegen Russland zwängen das Land in die Knie, der Russland-Beauftragte von Ikea, Walter Kadnar, dagegen sagt: „Jetzt ist der Moment gekommen, um zu investieren. Ich glaube fest an das große Potenzial des russischen Marktes auf lange Sicht.“ Und Kadnar steht nicht allein.

Dem Vernehmen nach will das schwedische Unternehmen in den nächsten fünf Jahren rund 1,6 Milliarden Euro in dem Land investieren – nicht aus politischen, sondern wirtschaftlichen Erwägungen. Ikea ist kein Sonderfall. Die französische Baumarktkette Leroy Merlin will die Anzahl ihrer Filialen in Russland ebenfalls in fünf Jahren verdoppeln. Der Pharma-Riese Pfizer – obschon in den USA zuhause – baut derzeit eine neue Fabrik in Russland. Drei Beispiele von vielen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sind die ausländischen Direktinves-titionen in Russland auf 8,3 Milliarden US-Dollar gestiegen, gegenüber 5,9 Milliarden im gesamten vergangenen Jahr.
Ein besonderes Augenmerk fällt vor allem auf die russischen Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, dem natürlichen Partner im Westen. Nachdem die deutsche Wirtschaft in den Jahren 2014 und 2015 einen Rückgang der Exporte nach Russland in Höhe von 7,5 Milliarden Euro mit der Folge von Insolvenzen und dem Verlust von wahrscheinlich 60000 Arbeitsplätzen hat hinnehmen müssen, scheint sich nun das Blatt zu wenden. Michael Harms, der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, erläutert: „Die aktuellen Zahlen lassen hoffen, dass der deutsch-russische Handel nach zwei verlustreichen Jahren die Talsohle durchschritten hat. Setzt sich die derzeitige Entwicklung fort, könnte für das Gesamtjahr 2016 noch ein leichtes Export-Plus erreichbar sein.“
Doch die deutschen Firmen verlassen sich nicht allein auf den Export, sondern machen es so wie die internationale Konkurrenz: Sie investieren direkt in Russland. So summierten sich bereits im ersten Quartal dieses Jahres die Russland-Investitionen deutscher Firmen auf 1,1 Milliarden Euro. Im ganzen Jahr 2015 waren es im Vergleich bescheidene 1,78 Milliarden. Einer der Vorreiter ist der Landmaschinenhersteller Claas, der 120 Millionen Euro in ein neues Werk im südrussischen Krasnodar gesteckt hat. Die Firma Bionorica, Hersteller von Naturarzneimitteln, baut für 30 Millionen in Woronesch, der Lebensmittelkonzern DMK ist dabei, mit einem russischen Konkurrenten zu fusionieren. „Ziel unserer Hersteller ist es“, so Jaroslaw Lossovolik von der Eurasischen Entwicklungsbank, „Allianzen mit ausländischen Unternehmen zu schmieden.“
Die Regierung in Moskau tut das Ihrige, um diese Entwicklung zu fördern. Investoren genießen sehr vorteilhafte Bedingungen. Wer in Russland mindestens zehn Millionen Euro investiert, einen für Russland neuen Produktionszweig betreibt und zehn Jahre im Land bleibt, erhält einen Sonderinvestitionsvertrag. Dieser umfasst Steuerermäßigungen, teilweise bis zum Steuererlass, einen Bestandsschutz der Steuersätze und beschleunigte Abschreibungen. Claas hat einen solchen Vertrag bereits in der Tasche. Zudem machen der Rubelkurs und die niedrigen Löhne Russlandinvestitionen attraktiv.
Die von der EU auf Druck der USA verhängten Sanktionen gegen Russland laufen also nicht nur ins Leere, sie haben sogar einen gegenteiligen Effekt. Sie haben Russland gezwungen, seine Wirtschaft, die zuvor stark vom Energiesektor abhängig war, zu diversifizieren. Heute beträgt das Einkommen aus Öl und Gas nur noch ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Dafür hat sich das produzierende und verarbeitende Gewerbe erheblich ausgebreitet und bildet bereits eine neue Mittelschicht. Erste Produkte, die in Russland hergestellt wurden, gehen in den Export. Traditionell ist das schon bei Geländewagen der Fall, aber neuerdings hat es der südkoreanische Technologiekonzern Samsung übernommen, in Russland hergestellte Waschmaschinen in 20 europäische Länder zu exportieren. Dies fällt zeitlich mit einer langsamen, aber deutlichen Erholung der Konjunktur zusammen.
Ein entscheidender Einfluss aber ist von der Wahl Donald Trumps zum nächsten US-Präsidenten zu erwarten. Er hat sehr rasch zu erkennen gegeben, dass er von den Russlandsanktionen nicht viel hält und damit eine völlig irrationale Reaktion ausgelöst, und zwar bei den Europäern. Diese bemühen sich nun, möglichst schnell eine Verlängerung der Sanktionen zu erreichen, obwohl sie selbst die Leidtragenden davon sind. Ein hoher EU-Diplomat ließ das „Wall Street Journal“ wissen: „Die Wahl des Herrn Trump erschwert die geplante Sanktionsverlängerung gegen Russland. Diesbezüglich gibt es einen großen Bedarf an Diskussion.“
Allerdings gibt es auch innerhalb der EU einige Realisten ohne Schaum vor dem Mund. Dazu gehört der österreichische Kanzler Christian Kern. Er erklärte gegenüber dem „Kurier“: „Russland ist ein wichtiger Wirtschaftspartner, mit dem uns zudem viel verbindet und dem Österreich historisch auch zu Dank verpflichtet ist. Wirtschaftlich wäre es wichtig, dass diese Sanktionen fallen.“ Diese Meinung teilt ein Großteil seiner Landsleute, die überdies überwiegend die Auffassung vertreten, dass die Politik der EU gegenüber Russland nichts tauge.     Florian Stumfall


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Kommentare

kostas Aslanidis:
30.12.2016, 12:58 Uhr

Die deutsche (EU) Politik ist nur noch Strohdumm, schaden sich selber und vor allem das Volk und klopfen sich auf die Schulter. Aber ist sehr beliebt wie es scheint. Fuer dieses syndrom gibt es noch keinen Namen.


Andreas Müller:
20.12.2016, 15:37 Uhr

Deutschland sollte schon allein wegen der unterdrückten, verweigernden Souveränität und als "Brückenland" selbst tätig werden, um enge, STABILE freundliche wirtschaftliche, als auch politische Beziehungen zu Russland pflegen, um nicht ständig von den Amerikanern/wallstreet er-/ausge-presst und gegängelt zu werden.
Mit Trump würde sich erstmalig seit 45 so eine Gelegenheit bieten, im Westen wie Osten gleichermaßen souveräne Beziehungen zu pflegen.
Problem.
Merkel und ihre bunten Helfershelfer MUSS definitiv wech.


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