Kampagne gegen Mutter Teresa

In Mazedonien hetzt die Türkei die Albaner gegen ihre christlichen Nationalhelden auf

03.09.18
Ausgangspunkt der Hetze: Botschaft der Türkei in Skopje Bild: Raso

Mit einer Reihe von Schmierereien an Mutter-Teresa-Denkmälern und Flugblattaktionen versucht die türkische Botschaft in Mazedonien unter den albanischen Mazedoniern die beiden sehr beliebten christlichen Nationalheiligen Mutter Teresa und Georg Kastriota, genannt „Skanderbeg“, vom Sockel zu holen.

Mutter Teresa, die Heilige der Armen von Kalkutta, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1979, genießt weltweit hohes Ansehen bei Menschen aller Religionen und Kirchen. Besonders verehrt wird sie aber von mazedonischen Albanern, denn die von einer katholischen Familie aus Nordalbanien abstammende Anjeze Gonxha Bojaxhiu wurde 1910 in der heutigen Hauptstadt von Mazedonien geboren.
Als Mutter Teresa für ihren beispiellosen Einsatz in Kalkutta den Friedensnobelpreis erhielt, waren die albanisch besiedelten Regionen in Mazedonien, dem Kosovo und Albanien noch unter kommunistischer Herrschaft. Kaum jemand interessierte sich damals für ihre albanische Abstammung. Das änderte sich nach der sogenannten Wende 1991, als die Länder nach dem Zerfall des Sowjetimperiums neue Symbolfiguren brauchten. Ihr Tod vor 21 Jahren, am 5. September 1997, ihre Seligsprechung am 19. Oktober 2003 und ihre Heiligsprechung am 4. September 2016 ergriffen alle Albaner, ganz gleich, wo sie lebten. Der Jahrestag ihrer Seligsprechung wurde in Albanien zum Nationalfeiertag erklärt, der Flughafen von Tirana erhielt ihren Namen. In Kosovos Hauptstadt Prischtina wurde 2010 eine Mutter-Teresa-Kathedrale errichtet. In ihrem Geburtsland Mazedonien erinnern das Mutter-Teresa-Denkmal und -Gedenkhaus in Skopje sowie Erinnerungsstätten in fast allen von Albanern bewohnten Orten an sie.
Doch gerade in ihrem Geburtsland Mazedonien gibt es jetzt vermehrt Anzeichen einer Kampagne gegen die „Mutter aller Albaner“. Seit diesem Frühjahr wird ihr Denkmal in Skopje immer wieder mit radikal-islamischen Parolen beschmiert. Nach einer Reinigung wird es dann jedes Mal wieder neu beschmutzt. Flugblätter am Mutter-Teresa-Haus forderten den Abriss des Gebäudes und ein Ende des Kultes um diese „Ungläubige“. „Nur eine muslimische Albanerin ist eine wahre Albanerin“, hieß es auf Plakaten.
Die Hintermänner dieser gegen Mutter Teresa gerichteten Kampagne hat die aus dem Kosovo stammende Enthüllungsjournalistin Arbana Xharra, die 2015 den „Internationalen Preis für mutige Frauen“ erhalten hat, nach langen Recherchen bei der Botschaft der Türkei und türkischen Auslandsschulen in Mazedonien ausfindig gemacht. Diese verteilten schon seit einigen Jahren unauffällig unter der Hand Propagandamaterial gegen die albanischen Christen, die nur etwa ein Viertel der Albaner ausmachen. Türkische Diplomaten und Lehrer aus Ankara propagieren demnach offen den Islam als einzig angestammte Religion der Albaner, obwohl diese historisch erst im Gefolge der osmanischen Eroberung mit dem Islam in Kontakt kamen. Als Ziel propagieren diese Kreise eine Reislamisierung und Reosmanisierung des Balkans unter albanischer Führung und türkischer Oberhoheit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird als der eigentliche politische Führer auch der Albaner ausgemacht. Auch die Hetze gegen Mutter Teresa soll als Spitze eines Eisbergs diesem Zweck dienen.
Wie stark der türkisch-islamische Einfluss in Skopje bereits geworden ist, erlebten die Enthüllungsjournalisten, als sie ihre Ergebnisse in mazedonischen Medien veröffentlichen wollten. Keine Zeitung, auch nicht die der slawisch-mazedonischen Bevölkerung, und kein Radiosender wagte sich an dieses heiße Eisen. Immerhin sitzen seit vergangenem Jahr vier albanischstämmige Minister in der mazedonischen Regierung. So wurde das Material der führenden griechischen Tageszeitung „Kathimerini“ zugespielt, die es schließlich diesen Juni auf ihrer Titelseite veröffentlichte.
Eine Mehrheit der Albaner in Mazedonien versteht sich bereits eher als Muslime denn als Albaner. Erdogan hat es geschafft, ihre nationale Identität hinter der religiösen verschwinden zu lassen, wie er es in der Türkei noch nicht geschafft hat, denn die türkischen Kurden verstehen sich immer noch nicht zuvörderst religiös, sondern vor allem ethnisch.
Neben Mutter Teresa wollen die Erdogan-Anhänger auf dem Balkan auch einem anderen Nationalheiligen Albaniens, Georg Kastriota, genannt „Skanderbeg“, vom Sockel stürzen. Der von 1405 bis 1468 lebende Fürst aus dem Adelsgeschlecht der Kastrioti hatte im 15. Jahrhundert erstmals einen Aufstand der damals noch christlichen Albaner gegen die osmanische Herrschaft angeführt und galt sogar noch in der kommunistischen Zeit als albanischer Nationalheld. Radikal-islamische Albaner in Mazedonien erkennen auch in Skanderbeg nicht mehr ihren Urvater.
Die Albaner im EU-Beitrittskandidaten Mazedonien scheinen immer mehr die Vorreiter von Erdogans „Osmanischer Wiedergeburt“ in Europa zu werden. Durch die Regierungsbeteiligung in Mazedonien sind sie zum Zünglein an der Waage geworden. Was sie 2001 mit Gewalt in einem kurzen Bürgerkrieg nicht geschafft haben, nämlich mehr Rechte für ihre Minderheit von 30 Prozent, haben sie jetzt auf demokratischem Weg erreicht. Seit Mai 2018 ist Albanisch die zweite offizielle Amtssprache in Mazedonien.     Bodo Bost


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