Karriereerfolg im hohen Alter

»Spricht jemand Ostpreußisch?« − Hans Kahlert tat es und ist jetzt mit 80 Jahren der Star in Büttenwarder

06.06.14
Hans Kahlert alias Onkel Krischan (r.) plaudert mit Adsche (Peter Heinrich Brix) in der neuen „Büttenwarder“-Folge „Sinn“, die Pfingstsonntag um 19.30 Uhr ausgestrahlt wird. Bild: NDR/Nicolas Maack

Seit 2005 ist Onkel Krischan nicht mehr aus Büttenwarder wegzudenken. Seit damals verkörpert der in Riga geborene Hans Kahlert den schrulligen Alten in der NDR-Kultserie „Neues aus Büttenwarder“. Im Film spielt er einen 105-Jährigen. Im wahren Leben ist Kahlert gerade 80 geworden.
 
Treffpunkt St. Pauli-Landungsbrücken: Der Schauspieler Hans Kahlert ist an diesem sonnigen Frühlingsmorgen die Pünktlichkeit in Person. Und dazu noch ein sympathischer, ja warmherziger älterer Herr ohne jegliche Allüren. So wie der Onkel Krischan aus Büttenwarder ist er einfach der nette Nachbar von nebenan.
Computer oder gar Handy besitzt er nicht, das seien „Hexensachen“, erklärt er schelmisch blinzelnd. Und einen Manager hat er schon gar nicht.
Nein, ein Star sei er auch nicht, nur Schauspieler, behauptet er. Das sagt ein Mann, der beispielsweise schon mit Curd Jürgens, Pierre Brice oder der Legende des Hamburger Ohnsorg-Theaters, Heidi Kabel, zusammen aufgetreten ist und in mehr als 300 Rollen auf der Bühne und im Film spielte. Ein Mann, den Gustaf Gründgens als Don Quichotte im Hamburger Schauspielhaus sah und aus der Garderobe heraus engagierte und der unter dem früheren Prinzipal des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters, Friedrich Schütter, in Carlo Goldonis Komödie „Mirandolina“ auftrat.
Kahlert wurde in der lettischen Hauptstadt Riga am 16. Mai 1934 als Sohn eines Bilderrahmenfabrikanten geboren. Sein Vorfahre wiederum war der bekannte Kunstglaser Adolf Kahlert aus dem Hannoverschen, dessen gotische Fenster des Domes in Riga noch heute erhalten sind.
Durch den Hitler-Stalin-Pakt war die deutschstämmige Familie 1939 gezwungen, Lettland zu verlassen und gelangte über Stralsund nach Posen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Kahlert hat zu Posen und der deutschen Nationalhymne ein heute immer noch sehr schwieriges Verhältnis, denn als kleiner Bengel musste er beim Erklingen des Deutsch­landliedes − wie alle anderen − den rechten Arm zum sogenannten „Deutschen Gruß“ erheben, konnte das aber nicht lange durchhalten und bekam dann von seiner Lehrerin eins mit dem Rohrstock auf die ausgestreckten Finger. „Ich kann die Nationalhymne bis heute nicht hören“, sagt er, „diese Schläge haben einfach saumäßig wehgetan.“
Im Januar 1945 stand der Krieg unmittelbar vor der Haustür, und Familie Kahlert samt Großmutter flüchtete über Cottbus nach Dresden, verließ diese Stadt jedoch rechtzeitig zwei Tage vor der großen Bombardierung auf den Puffern von überfüllten Güterwaggons sitzend und gelangte schließlich nach Lengenfeld im Vogtland.
„Das Gedröhne und Geknatter der Maschinengewehre von den Tieffliegern, die alles beschossen, was sich bewegte, vergisst du nie“, erzählt Kahlert.
Dann war der Krieg aus, und im Herbst 1945 türmte Kahlert mit seinem jüngeren Bruder und den Eltern zu Fuß nach Friedland in den Westen. Nach der Entlausung ging es von dort in ein Dorf bei Hannover zum Urgroßvater.
1955 bis 1957 besuchte Kahlert ohne Wissen der Eltern eine private Schauspielschule und arbeitete „nebenbei“, um seine Ausbildung zu finanzieren, in einer Fabrik. Nach einigen Absagen erhielt er dann ein Engagement für die Sommerspiele in Dinkelsbühl in „Nathan der Weise“, verdiente 160 D-Mark, war nicht sozialversichert und musste mit den anderen Schauspielern auch noch die Kulissen selber bauen. Von solch einer selbstgebastelten Teppichrohr-Palme wurde dann der Nathan auch noch während einer Vorstellung fast erschlagen. Wurstpakete einer Schlachtersfrau hielten die Jung-Mimen über Wasser und bei Kräften.
Ob in „Frau Luna“ von Paul Linke oder in der Operette „Im Weißen Rössl“ − „das Publikum lachte immer bei mir“, erinnert sich der Schauspieler, der fortan für die „schrullige Rollen“ besetzt wurde. Und das hat sich bis heute nicht geändert. 1960 lernte Kahlert in Hannover seine Frau kennen, die er liebevoll „meine Leidgeprüfte“ nennt. 1961 zog man gemeinsam mit einem kleinen Sohn nach Hamburg, wo die Familie heute noch wohnt.
Es folgten Engagements am Deutschen Schauspielhaus. Im Fernsehfilm „Der schwarze Freitag“ stand Kahlert mit Curd Jürgens vor der Kamera. Vom Theater in Recklinghausen ging es wieder nach Hamburg in Gerda Gmelins Zimmertheater, wo er in der „Fledermaus“ auftrat.
1969 suchte die Elan-Film aus München für die Besetzung der Neuverfilmung der „Reise nach Tilsit“ Schauspieler mit einer speziellen Fähigkeit. Produktionsleiter Röder fragte alle Agenturen: „Spricht hier jemand Ostpreußisch“? Kahlert sprach das ostdeutsche Platt und drehte unter der Regie von Günter Gräwert mit den bekannten Schauspielern Ruth-Maria Kubitschek, Karl Michael Vogler, Gustav Knuth und Paul Dahlke in Friedrichstadt an der Eider. Seine Rolle: ein ostpreußischer Hutverkäufer.
Es folgten Besetzungen in Fernsehkrimis wie „Tatort“ und „Großstadtrevier“, Engagements mit Gunther Philipp im Kleinen Theater im Park in Bad Godesberg und am neuen Theater in Hannover, aber auch 13 Jahre Karl-May-Festspiele in Elspe als „Kantor Hampel“. Pierre Brice holte ihn schließlich zu den Bad Segeberger Festspielen.
„Viele waren Frittenengagements“, gibt Kahlert zu. Zu wenig Gage um zu leben, es reichte eben gerade für eine Tüte Pommes
Frites vor der Vorstellung. Nix Champagner oder Austern. Er sei eben kein Star, wiederholt er.
Wahrlich durch Zufall kam dann das Angebot des NDR, anfangs für nur eine Folge „Neues aus Büttenwarder“. Man suchte – natürlich wieder einmal − einen kauzigen Alten für die Rolle des über 100-jährigen Onkels Krischan, dem dessen Neffe Adsche Tönnsen (Peter Heinrich Brix) ständig an die Rente will.
Aus einer Folge wurden viele,  und bis heute ist „Neues aus Büttenwarder“ die Kultserie des NDR schlechthin geworden.
Mehr als das – Onkel Krischan alias Kahlert ist selbst eine Kultfigur! „Nebenbei“ steht der Schauspielersenior immer noch auf der Bühne, kürzlich in Hamburg im Altonaer Theater in „Pampa Blues“ – und selbstredend als dementer Alter.
Wie es weitergeht? „Keine Ahnung“, antwortet Kahlert. Wir aber wissen, dass er immer für eine Überraschung gut ist. Nur so viel sei schon verraten: Kahlert wird tanzen! Mehr davon demnächst in Büttenwarder ...
Michael Buschow, Gilla Schmitz


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