Kassels Mona Lisa

Alle sind verliebt in Saskia – Das berühmte Porträt Rembrandts von seiner Frau verzückt eine ganze Region

24.05.19
Muse und Ehefrau: Saskia Uylenburgh in dem zwischen 1634 und 1642 entstandenen Rembrandt-Gemälde Bild: Gemäldegalerie Alte Meister/Ute Bunzel

Mit der Ausstellung „Kassel ... verliebt in Saskia. Liebe und Ehe in Rembrandts Zeit“ dreht sich im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe alles um ein dort beheimatetes Rembrandt-Porträt seiner Frau.

Kassels im Schloss Wilhelmshöhe beheimatete Gemäldegalerie Alte Meister hütet ein ganz besonderes Schätzchen: Das von Rembrandt van Rijn gemalte Bildnis seiner Ehefrau Saskia Uylenburgh. Justus Lange, der die Alten Meister betreut, stellt Kassels Saskia auf eine Stufe mit Leonardos „Mona Lisa“. Das Meisterwerk ist im 350. Todesjahr Rembrandts Mittelpunkt einer mit erstklassiger Kunst aufwartenden kulturhistorischen Ausstellung. Knapp 200 Exponate sind zu sehen. Sie erzählen die Geschichte von Rembrandt und Saskia, die in Betrachtungen über die Liebe und Ehe im Goldenen Zeitalter der Niederlande eingebettet ist.
Der Müllersohn Rembrandt (1606–1669) und die verwaiste Bürgermeistertochter Saskia Uylenburgh (1612–1642) waren in Hinblick auf den Standesunterschied ein ungewöhnliches Paar. Die reiche Erbin lernte den aufstrebenden Maler in Amsterdam durch ihren Cousin Hendrick Uylenburgh kennen, der Rembrandts Kunsthändler war. Sie verlobten sich 1633 und heirateten ein Jahr später, nachdem die juristisch für mündig erklärte Saskia die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen erlangt hatte.
Doch auch weiterhin hatten Saskias Verwandte ein wachsames Auge auf ihren Umgang mit dem Erbe. Sie warfen ihr vor, es mit Rembrandt zu verschwenden. Der erfolgreiche Maler begründete vor Gericht das Luxusleben mit dem Hinweis, dass sie beide „überaus reich begütert sind“.
War es eine Liebesheirat, die Rembrandt und Saskia zusam­menführte? Das wissen wir nicht. Aber es wird gern behauptet. Ausstellungskuratorin Stefanie Rehm bezeichnet das treffend als „Wunschdenken“ der Nachwelt. In Rembrandts Zeit waren Ehen zuallererst ein Bündnis mit dem nüchternen Ziel, den eigenen Besitz zu mehren und an den Nachwuchs weiterzugeben. Liebe war keine Voraussetzung für die Heirat und keine Bedingung für die Eheführung, sondern eine erhoffte Begleiterscheinung. Sie wurde bei der Brautwerbung und Hochzeit mit silbernen Kästchen und anderen Geschenken beschworen, die mit Turteltauben und weiteren Liebessymbolen verziert sind.
Eindrucksvolles Beispiel ist das von zwei Liebespfeilen durchbohrte „Hochzeitsherz“ (1699) aus Silber. Eine erotische Szene ziert die Vorderseite, die Rückseite zeigt das Ergebnis: Eine Frau sitzt an der Kinderwiege. Ein bemaltes Hochzeitsschild (1642) stellt die zur Besiegelung des Ehebündnisses einander gereichte rechte Hand eines Mannes und einer Frau in den Mittelpunkt. Die zwei darunter abgebildeten flammenden Herzen versinnbildli­chen die Liebe, die beiden Schwäne eheliche Treue.
Ehen galten lebenslänglich. Falls es doch mal zu einer der äußerst seltenen Scheidungen kam, etwa wegen häuslicher Gewalt, so war damit nicht das Ende der Ehe ausgesprochen, sondern „nur“ die Scheidung von Tisch und Bett. Daher mahnt der in ein Seidenband zum Aufhängen der Brautkrone gewebte Spruch: „Nichts als der Tod kann euch scheiden, macht eure Herzen also zu einem; oh eheliches Band, eine alles unter dir.“
Gemälde und Radierungen veranschaulichen die große Wertschätzung, die Rembrandt für seine Saskia hegte. Aber nur ein Bild zeigt sie gemeinsam. Auf der Radierung „Selbstbildnis mit Saskia“ (1636) präsentiert sich Rembrandt im Vordergrund, während sich seine Gattin als Modell und Muse im Hintergrund hält. Hierin kann man durchaus die Bildbotschaft „Liebe bringt Kunst hervor“ erkennen.
Auch Saskias und Rembrandts Sohn Titus kommt zu Bildehren. Er war das einzige ihrer vier Kinder, das ins Erwachsenenalter kam. Saskia gebar Titus ein Jahr vor ihrem Tod. Entgegen damaliger Sitte hat Witwer Rembrandt nicht wieder geheiratet. Dafür hatte Saskia durch ihr Testament gesorgt. Zum Universalerben setzte sie nämlich Titus ein. Nur unter der Bedingung, nie wieder eine Ehe einzugehen, durfte Rembrandt das Vermögen von Titus verwalten. Seine Tochter Cornelia kam daher unehelich zur Welt.
Erst nach dem Tod seiner Gattin 1642 verlieh Rembrandt dem Kasseler Meisterwerk „Porträt der Saskia im Profil in reichem Gewand“ die endgültige Gestalt. Begonnen hatte er das mit allergrößter malerischer Sorgfalt ausgeführte Bildnis zur Verlobungszeit 1633. Hell erstrahlt Saskias Antlitz im Profil vor dunklem Hintergrund. Die mit Perlen und Gold kostbar geschmückte Dame trägt ein Fantasiekostüm. Das golden bestickte weiße Hemd, das rote Samtgewand mit weiten Ärmeln aus Seidenstoff und der Pelzumhang erinnern an „altdeutsche“ Kleidung, wie sie etwa auf Bildern Cranachs und Holbeins auftritt. Die weiße Straußenfeder auf dem roten Tellerbarett ist ein Symbol der Vergänglichkeit. Rembrandt hat sie ebenso wie den zum Zeichen ewiger Erinnerung in Saskias Hände gelegten Rosmarinzweig nach dem Hinscheiden seiner Gattin ins Bild gemalt.
Zum Schluss feiert die Schau Saskias Nachleben. Etwa mit Zitaten von Kunsthistorikern. Auf einer der Texttafeln lesen wir Wilhelm von Bodes 1897 verkündete Einschätzung: „Kaum ein zweites Bild Rembrandts ist mit solcher Liebe gemalt. Es ist nicht nur unter den frühen Bildern, sondern unter allen Werken des Künstlers eines seiner schönsten.“
Zur Verblüffung der Besucher erwacht Saskia sogar zu neuem Leben. Dafür sorgt ein per Computerprogramm animiertes Leuchtbild. Während die von Rembrandt gemalte Saskia uns keines Blickes würdigt, wendet sich die des Leuchtbildes den Besuchern zu und lächelt zaghaft.    Veit-Mario Thiede

Bis 11. August im Schloss Wilhelmshöhe, Schlosspark 1, Kassel, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, Eintritt: 6 Euro. www.museum-kassel.de


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