Kaum einer ging leer aus

Die Teile II bis IV des Versailler Diktats veränderten Deutschlands Staats- und Militärgrenzen

08.07.19
Bild: pa

Durch die Versailler Grenzveränderungen verlor das Deutsche Reich nicht nur etwa 13 Prozent seines Territoriums mit rund einem Zehntel seiner Bevölkerung, sondern auch sein Weltkalimonopol, 80 Prozent seiner Eisen­erzvorkommen, 63 Prozent der Zinkerzlager, 28 Prozent seiner Steinkohleförderung, 40 Prozent seiner Hochöfen, etwa ein Fünftel seiner Kartoffel-, Roggen- und Getreideerzeugung sowie rund ein Zehntel der Weizen- und Hafererzeugung.

Die Teile II und III des Versailler Diktats betreffen die „Grenzen Deutschlands“ und beinhalten „Politische Bestimmungen über Europa“. An etwa die Hälfte seiner Nachbarn musste Deutschland Gebiete abtreten, darunter auch Nachbarn, gegen die es gar nicht Krieg geführt hatte. Das ließ den Verdacht aufkommen, dass es ein Ziel der Sieger war, möglichst viele Nachbarn Deutschlands mit deutschem Siedlungsgebiet zu versehen, auf dass auch sie an der Niederhaltung Deutschlands interessiert waren.
Die deutsche Bevölkerung in den betreffenden Gebieten sah sich in der Regel vor die Wahl gestellt, entweder das Vaterland zu verlieren, sprich die deutsche Staatsangehörigkeit gegen diejenige des neuen Besitzers der eigenen Heimat einzutauschen, oder aber die Heimat zu verlieren, sprich die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten und die Heimat Richtung der Teile Deutschlands zu verlassen, die dem Reich verblieben waren.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde bei der Ziehung der neuen Grenzen mal mehr und mal weniger berück­sichtigt.
An Belgien musste Deutschland das mehrheitlich von Deutschen bewohnte Eupen-Malmedy abtreten. In Artikel 38 heißt es zwar: „Während sechs Monaten nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags werden von der belgischen Behörde in Eupen und Malmedy Listen ausgelegt; die Einwohner dieser Gebiete sind berechtigt, darin schriftlich den Wunsch auszudrücken, daß diese Gebiete ganz oder teilweise unter deutscher Souveränität verbleiben“. Kaum einer traute sich jedoch noch, nachdem die ersten, die sich getraut hatten, vom belgischen Staat drangsaliert und diskriminiert worden waren. 80 Prozent der 60000 Einwohner waren deutschsprachig, doch nur 271 Stimmberechtigte votierten für Deutschland. So erhielt das multiethnische Königreich neben den Flamen und Wallonen mit der deutschen eine dritte Volksgruppe.
Die deutsch-luxemburgische Zollunion wurde beendet. Außerdem musste sich Deutschland mit einem Ende der Neutralität Luxemburgs wie Belgiens einverstanden erklären und damit auch mit einem Bündnis der Sieger mit den deutschen Nachbarn Luxemburg und Belgien.
Elsass-Lothringen musste Deutschland an Frankreich ohne Abstimmung abtreten. Das genügte Frankreich aber nicht.
Wie nach dem Zweiten zeigte sich Frankreich auch nach dem Ersten Weltkrieg am Gewinn des Saargebietes interessiert und erhielt dort zumindest Sonderrechte. Frankreich erhielt das Eigentum an allen Kohlegruben und durfte das Saargebiet für 15 Jahre in sein Zollgebiet integrieren. In diesem Zeitraum wurde das Gebiet vom Völkerbund verwaltet. Nach den 15 Jahren sollte die Bevölkerung abstimmen, ob alles beim Alten bleiben oder ob das Gebiet entweder zum Reich oder zu Frankreich kommen soll. Auf der Basis der Abstimmung sollte der Völkerbund dann entscheiden, welche Teile zu Deutschland, welche zu Frankreich und welche zum Völkerbund kommen. In den Teilen, die gegebenenfalls zu Deutschland zurück­kehren sollten, war das Reich verpflichtet, Frankreich die Kohlengruben abzukaufen.
Gerne hätte Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg seine Militärgrenze bis an den Rhein vorgeschoben, den es traditionell als seine natürliche Grenze betrachtet. Es kam zu einem Kompromiss mit den anderen Siegermächten. Analog zum Saargebiet kam es zu einer auf eineinhalb Jahrzehnte befristete Regelung.
Im Teil XIV über „Bürgschaften für die Durchführung“ heißt es: „Um die Ausführung des gegenwärtigen Vertrags durch Deutschland sicherzustellen, bleiben die deutschen Gebiete westlich des Rhein einschließlich der Brückenköpfe während eines Zeitraums von fünfzehn Jahren nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags durch die Truppen der alliierten und assoziierten Mächte besetzt.“
Ein klarer Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker war der Artikel 80 betreffs Österreich, das Anschlussverbot. Dort hieß es: „Deutschland erkennt die Unabhängigkeit Österreichs innerhalb der durch Vertrag zwischen diesem Staate und den alliierten und assoziierten Hauptmächten festzusetzenden Grenzen an und verpflichtet sich, sie unbedingt zu achten; es erkennt an, daß diese Unabhängigkeit unabänderlich ist, es sei denn, daß der Rat des Völkerbunds einer Abänderung zustimmt.“
Die neue Tschechoslowakei erhielt vom Reich das Hultschiner Ländchen.
Polen erhielt die meisten Gebiete von Deutschland, darunter den größten Teil der preußischen Provinzen Posen und Westpreußen. Von Ostpreußen erhielt Polen das Soldauer Gebiet, weil durch dieses Gebiet die Bahnverbindung von Warschau nach Danzig verlief. In einem Grenzstreifen Westpreußens zu Ostpreußen, dem sogenannten Abstimmungsgebiet Marienwerder, und im Süden Ostpreußens, dem sogenannten Abstimmungsgebiet Allenstein, sollte die Bevölkerung befragt werden. Das Votum ging eindeutig für das Reich aus. Das Abstimmungsgebiet Allenstein blieb bei Ostpreußen, und das Abstimmungsgebiet Marienwerder bildete den Kern des neuen ostpreußischen Regierungsbezirks Westpreußen.
Wie in den Abstimmungsgebieten Marienwerder und Allenstein sah Versailles auch in Oberschlesien eine Abstimmung vor. Auch hier stimmte eine Mehrheit für den Verbleib beim Reich. Allerdings betrug die Mehrheit hier nur sechs Zehntel, und die Polen probten den Aufstand. Der Aufstand scheiterte zwar an deutschem Widerstand, aber die Polen waren insofern erfolgreich, als die Sieger Oberschlesien teilten. Polen bekam das wirtschaftlich ungleich interessantere Ostoberschlesien, in dem bis dahin rund ein Viertel der deutschen Steinkohle gefördert worden war.
Da von litauischer Seite behauptet wurde, dass im Memelland mehrheitlich Litauisch gesprochen werde, und Litauen einen Hafen bekommen sollte, muss­te Deutschland auf das Memelgebiet verzichten, und es wurde vorerst vom Völkerbund verwaltet. 1923 wurden die französischen Besatzer von litauischem Militär vertrieben und das Gebiet anschließend von Litauen annektiert. 1939, noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, gab Litauen das Gebiet an Deutschland zurück, da Litauen die Reibereien mit dem Nachbarn Polen reichten.
Für Danzig wurde eine ähnliche Lösung wie für das Saargebiet beschlossen, nur ohne zeitliche Befristung. Danzig wurde Freie Stadt mit Völkerbundsverwaltung, und so wie das Saargebeit an das benachbarte Frankreich wurde Danzig an das benachbarte Polen wirtschaftlich angebunden.
Besonders erbost war man in Deutschland, dass selbst Dänemark, das gar nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, deutsches Territorium bekommen sollte. Tatsächlich lag die deutsch-dänische Staatsgrenze nördlich der Volkstumsgrenze, und die Bevölkerung sollte befragt werden. Allerdings wurde auch da getrickst. Die Abstimmungszone südlich der Staatsgrenze sollte in zwei Abschnitte unterteilt werden. Im nördlichen Abschnitt sollte das Wahlergebnis „nach der Mehrheit der in diesem gesamten Abschnitt abgegebenen Stimmen“ bestimmt werden. Die Südgrenze des nördlichen Abschnitts wurde nun so weit südlich der Volkstumsgrenze gezogen, dass noch mit einer dänischen Gesamtmehrheit zu rechnen war. Im südlichen Abschnitt hingegen, in dem eine deutsche Mehrheit zu erwarten war, wurde das Abstimmungsergebnis „gemeindeweise, und zwar nach der Stimmenmehrheit in jeder Gemeinde festgestellt“ in der Hoffnung, dass sich in der einen oder anderen Gemeinde vielleicht doch noch eine dänische Mehrheit fand. So war Deutschland nun auch bei der Grenzziehung gegenüber Dänemark übervorteilt.
Wenn die Siegermächte Russland auch den Separatfrieden von Brest-Litowsk übelnahmen, so heißt es doch im Artikel 116: „Die alliierten und assoziierten Mächte behalten sich ausdrück­lich die Rechte Rußlands vor, von Deutschland jede Wiederherstellung und Wiedergutmachung zu erhalten, die den Grundsätzen des gegenwärtigen Vertrags entspricht.“ Damit war die Geschäftsgrundlage für den späteren Vertrag von Rapallo geschaffen. Russland verzichtete auf seine Ansprüche aus dem Artikel 116 und Deutschland auf Entschädigung für im Zuge der Revolution verstaatlichtes deutsches Eigentum.
Im Teil IV des Versailler Diktats über „Deutsche Rechte und Interessen außerhalb Deutschlands“ musste das Reich auf alle Kolonien verzichten. Begründet wurde dies außerhalb des Vertragstextes mit angeblichen kolonialen Verfehlungen. Diese Kritik der Sieger musste den Deutschen umso verlogener erscheinen, als sie nicht von Kolonialvölkern, sondern von Kolonialmächten stammte und die deutschen Kolonien nicht etwa in die Unabhängigkeit entlassen, sondern vom Völkerbund größtenteils unter den Hauptsiegermächten aufgeteilt wurden.    
    Manuel Ruoff


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Hein ten Hof:
21.07.2019, 20:06 Uhr

Sehr interessanter Artikel, alles auf den Punkt gebracht wenn ich das so sagen darf.

Anzumerken sei noch, dass auch die Pfalz lange Zeit nach dem 1.WK besetzt (1918-1930) war und ausgeplündert wurde. Zu finden unter "regionalgeschichte.net".

Insbesondere machten sich dort die französischen Kolonial Truppen wohl äusserst beliebt, die Nachkommen dieser Truppen kommen heutzutage in den Tätigkeitsbereich ihrer Vorväter zurück.
Frankreich zieht es ansonsten magisch zum Rhein, seit eh und je, man hat Zeit und Politik ist langfristig angelegt.

Irgendjemand sagte mal bzgl. Schuldzuweisung bei. kriegerischen Auseinandersetzungen: Es kommt nicht darauf an wer den ersten Schuss abgegeben hat sondern was in der Zeit davor geschah.

Wenn man alleine bedenkt wieviele Milliarden an FF von Frankreich in den Jahren vor dem 1. WK nach Russland gingen um in dort die Bahnverbindungen aufzubauen, zwecks schnellerer Mobilisierung gegen Deutschland, usw. usf. Das muss doch einen Sinn gehabt haben, humanitäre vielleicht?

Dann gab es noch die BERLIN BAGHDAD BAHN.

Wer insgesamt darüber mehr lesen möchte kann im Netz nach einer Publikation suchen , Titel: "BEDINGUNSLOSER HASS", kann man sich gratis runterladen (bis jetzt noch) verfasst von einem englischen Marineoffizier, Grenfell. Angeblich wollte er ein zweites Buch verfassen, verunfallte jedoch nach der Ankündigung.

Wer bzgl. kriegerischen Auseinandersetzungen, Revolutionen o.ä. an Schlafwandler glaubt der glaubt sicher auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Bzgl. der Reparationen sei anzumerken, dass es ein Reparationskonto bei den Alliierten gab, wie bei ehrlichen Kaufleuten sollten sämtliche Zahlungen/Leistungen Deutschlands diesem Konto gutgeschrieben werden. Eigentlich(!), allenthalben kann man lesen, dass wohl einiges unter den Tisch fiel bei diesen Buchungen. Nicht jede Reparationsleistung wurde also angerechnet.


Siegfried Hermann:
11.07.2019, 12:42 Uhr

Superbeitrag!

Sollte in JEDEN Politik-Unterricht gehören.
Was noch fehlt:
-tausende geraubte Lokomotiven
- gigantische Reparationszahlungen in Naturalien
- Besetzung des Ruhrgebiets
- See-Hunger-Blockade der Briten bis 1920!!! Das nochmals vor allem alte Leute und Kinder das Leben gekostet hat
- Verbot von Panzerbau und Flugzeugen
- versuchte Bemächtigung der Hochseeflotte
- Reduzierung der Reichswehr und damit der Wehrhaftigkeit, dass selbst "die Schweiz hätte einmarschieren können"
Zu den Kolonien sollte noch gesagt werden, das 1913 die Roten Socken die Kolonien verschenken wollte, weil sie nur Goldmark in Millionen-Höhe kosteten und der Kaiser abwimmelte: Dann eben aus Prestige-Gründen.
KEIN afrikanischer/Orientaler "Flüchtling" kann sich deshalb heute auf pöse deutsche Kolonialgeschichte berufen und unverschämte Forderungen stellen. Es ist eher umgekehrt der Fall!

Die Währungsinflation 1923 hatte schlicht den Grund darin, dass die Siegermächte das Deutsche Volk ausplünderte wo sie nur konnten.

Und das kolportierte Märchen der heutigen Lügenpresse, "..man sei in den Krieg gestolpert.." stimmt auch vorne und hinten nicht, weil 1900 oder 1902 wars auf den Zionistischen Weltkongress die wirtschaftliche Zerstörung des Kaiserreiches beschlossen und fast 15 Jahre lang vom MI-6 akribisch vorbereitet wurde.
Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger wurde von deren "Bond"-Agenten organisiert, Attentäter angeheuert und logistisch unterstützt.
Das die "Marokko-Krise" Jahre zuvor nicht in einen Krieg gemündet ist, ist einzig und allein der Zurückhaltung des Kaisers zu verdanken.
Das ist die nackte Wahrheit und sollte jeden Deutschen Schüler auch so vermittelt werden!
Wir sind nichts und niemanden auch nur einen Pfennig schuldig!


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.