Keine Normalisierung

Bei der EZB nahm Draghi Nachfolgerin Legarde »Drecksarbeit« ab

15.10.19

Wenige Wochen vor dem Ende der Amtszeit von Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat deren Rat im September eine weitere Zinssenkung und die Wiederaufnahme von Anleihekäufen beschlossen. Parken Banken Geld bei der EZB, dann müssen sie dafür nun einen Strafzins von 0,5 Prozent zahlen. Zudem wird die EZB ab November wieder für monatlich 20 Milliarden Euro Wertpapiere ankaufen.
Mit dieser Entscheidung kann sich Robert Halver von der Baader Bank bestätigt fühlen. Halver hatte im Sommer die Vermutung geäußert, Mario Draghi würde seiner designierten Nachfolgerin Christine Lagarde „Drecksarbeit abnehmen“, damit die Französin zu Beginn ihrer Amtszeit stabilitätspolitisch nicht gleich „verbrannt“ sei.
Allerdings hat sich Lagarde im Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments inzwischen auch selbst sehr deutlich zur Fortsetzung der Geldpolitik Draghis bekannt: „Eine sehr expansive Politik ist für einen längeren Zeitraum gerechtfertigt“, so die 63-jährige gebürtige Pariserin.
Beobachter beschäftigen sich inzwischen immer öfter mit der Frage, ob die Politik des billigen Geldes unter Lagarde noch größere Dimensionen annimmt. Möglicherweise sogar bis hin zum Geldregen des sogenannten „Helikop-tergeldes“.
Dafür sprechen nicht nur die weiter gewachsenen Schuldenberg von Staaten und Unternehmen. So wird der Führungswechsel bei der EZB vor dem Hintergrund einer Abkühlung der Weltwirtschaft stattfinden. Dies macht weitere Geldspritzen der großen Zentralbanken sehr wahrscheinlich.
Zugleich werden die Begleitschäden der bisherigen Geldpolitik immer offensichtlicher. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat unlängst darauf hingewiesen, dass Investoren angesichts niedriger Zinsen wieder höhere Risiken eingehen. Von dieser Entwicklung profitieren nicht nur hochverschuldete Staaten, sondern auch angeschlagene Unternehmen, die sich durch billige Kredite weiter am Markt halten können.
Der BIZ-Chefökonom machte zudem auf die gewachsene Akzeptanz von Negativzinsen aufmerksam. Laut Berechnungen der BIZ weisen inzwischen weltweit Anleihen im Volumen von 17 Billionen US-Dollar beziehungsweise einem Fünftel der weltweiten Wirtschaftsleistung eine negative Verzinsung aus. Parallel zu dieser Entwicklung haben Zinsen weitgehend ihre Funktion eingebüßt, Risiken anzuzeigen. Deutlich wird dies etwa am Beispiel Italiens. Trotz hoher Staatsverschuldung konnte das Land unlängst eine zehnjährige Anleihe zu einem Jahreszins von lediglich 0,88 Prozent absetzen.    Norman Hanert


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