Klassenfahrt inklusive Fluchthilfe

Kurz vor Weihnachten 1984 schmuggelten Marburger Schülerinnen auf der Rückfahrt von einer Klassenfahrt in die DDR einen Mitteldeutschen in ihrem Reisebus durch die Grenzanlagen

23.12.19
Drei Jahrzehnte nach der an der Wartburg begonnen Flucht gab es zwischen Fluchthelferin und Flüchtling ein freudiges Wiedersehen: Barbara Kahlke und Bernd Bergmann vor Kahlkes ehemaligem Gymnasium Steinmühle in Marburg. Foto: ddp images

Vor dreieinhalb Jahrzehnten, kurz vor Weihnachten 1984, erleben die 17-Jährigen Tina Kirsch­ner und Barbara Kahlke schönfärberische, sozialistische Propaganda und deren Gegensatz zum grauen Alltag der DDR.
In Erfurt wird ein schlack­siger Einheimischer um die 20 auf das Marburger Nummernschild am Bus der Ausflügler aufmerksam. Es ist Bernd Bergmann. Er stammt aus der Heimatstadt der Besucher und fragt die Mädchen, ob sie seinen Freund dort kennen.
Neugierig verabreden sich Tina und einige Klassenkameradinnen mit Bernd in einem Café. Dort erzählt er von seinen vergeblichen Anträgen, seinen Kumpel im Westen besuchen zu dürfen. Nun gelte er als Störenfried, habe seine Stelle verloren und werde von der Stasi drangsaliert. Die Schülerinnen sind empört. Ihnen erscheint die DDR als Freiluft-Gefängnis. Man verabredet sich erneut in einer lauten Kellerbar, wo man freier sprechen könnte.
Wieder im Bus sagte eine der Schülerinnen wie zum Spaß: „Wie wäre es, wenn wir ihn mitnehmen?“ Ein Hohlraum hinter dem klappbaren Rücksitz könnte einen Mann verbergen. In der Kellerbar berichten die Verschwörerinnen Bernd von dem Versteck. Am nächsten Tag erkundigen sie sich bei der Reiseleitung nach den Formalitäten am Übergang Wartha-Herleshausen nach Hessen. Die dortigen Kontrollen im kleinen Grenzverkehr gelten als mäßig. Darauf telegraphieren sie Bernd vom nächsten Postamt aus einen Weihnachtsgruß, das verabredete Signal. Vorsichtshalber verbrennen sie den Notizzettel mit seiner Anschrift.
Am letzten Vormittag  bittet Tina den Busfahrer beim Besuch der Wartburg in Eisenach die hintere Tür für „frische Luft“ zu öffnen. Eine Kameradin verwickelt den Mann in einen Plausch. Unterdessen führen andere Bernd ins Busheck. Einige stellen den Gang gegen Einblicke zu. Der lange Mann faltet seine zwei Meter in den Hohlraum. Die Helferinnen häufen ihre Mäntel über ihn.
Ein paar besetzen die Rückbank. Barbara schluckt eine Beruhigungspille. Als sie sich der Grenze nähern, stimmen die Ausflügler Lieder der US-Rock-Sängerin Tina Turner an. So versuchen sie, ihre Nerven im Griff zu behalten. Vor der Schranke zum Westen steigt ein uniformierter DDR-Grenzer ein, um die Ausweise zu prüfen. Er geht geradewegs zu Barbara auf der Rückbank, einen Meter vor Bernd.
Draußen beklopfen Polizisten die Außenwände des Fahrzeugs. Sie fahnden nach versteckten Hohlräumen. Barbara ringt ihre Angst nieder. Der Kontrolleur gibt den Ausweis zurück. Er steigt aus. Die Tür schließt. Sie queren die Grenze.
20 Minuten darauf greift eine zum Mikrophon: „Unser Gast in der heutigen Schau ist Bernd Bergmann aus der DDR.“ Sie holen den blinden Passagier aus dem Versteck. Blut läuft an seinem Kinn herunter. Er hat sich auf die Lippen gebissen, als die Grenzbeamten draußen pochten. Großer Jubel tröstet ihn. Die Mädchen fühlen sich als Helden.
Die Reiseleiter lassen Bernd an einem Polizeirevier aussteigen. Dort kann er die Formalitäten seiner Ausreise erledigen. Die Bundesregierung behandelte DDR-Bewohner wie eigene Staatsangehörige. Er war frei.
An der Steinmühle, dem heimischen Gymnasium in einem Vorort von Marburg an der Lahn, breitete sich Entsetzen aus. Man machte den Fluchthelferinnen klar, in welche Gefahr sie sich, die Klasse und die Lehrer gebracht hatten. Wie wohlmeinend auch immer die Absichten waren, „Schlepperei“ nach sozialistischer Lesart war mit Gefängnis bis zu acht Jahren bedroht. Aus dem Archiv für Stasi-Unterlagen ging später hervor, wie dicht die Ausflügler daran waren. Spitzel der Staatssicherheit hatten stets ein Auge auf sie. Doch das Husarenstück war ihnen offenbar entgangen.
Marburger Zeitungen berichteten von einem „Schüler-Drama“. Das DDR-freundliche Reisebüro, das den Ausflug organisiert hatte, geriet in bei seinen politischen Freunden in Misskredit. Westdeutsche Behörden rieten Lehrer Jürgen Beier, einem der Begleiter des Ausflugs, von künftigen Besuchen der DDR ab. Auch sollte er die Transitstrecken für Fahrzeuge meiden, wenn er Freunde in West-Berlin besuchte. In den Stasi-Akten wurde Beier als Bandenführer eines Rings von Fluchthelfern geführt, wie sich später zeigte. Ein anderer Kollege war künftig von seiner Schwester hinter dem Eisernen Vorhang abgeschnitten. Birgit, Bernds Freundin in Erfurt, und deren Familie, sahen sich harten Verhören der Stasi ausgesetzt. Sie verlor ihre Stelle als Lehrerin.
Der Druck der aufgewühlten Umgebung setzte Tina zu. Sie verließ das Gymnasium zwei Jahre vor dem Abitur. Heute lebt sie als Innenarchitektin auf Bali. Sie hat ihren Kindern von ihrem Abenteuer erzählt und ist immer noch stolz darauf. Barbara hielt durch, studierte Medizin und lebt als Malerin in Bargteheide nordöstlich von Hamburg. Beide bedauern die Misshelligkeiten für die Lehrer, aber bereuen nichts. Bernd und Birgit sind wieder vereint und verheiratet. Sie erhielt zwei Jahre nach seiner Flucht die Genehmigung zur Ausreise.

Volker Wittmann


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!