Klaus-Rüdiger Mai plädiert für eine neue Mission des Christentums

01.08.18

Sola fide – allein durch den Glauben kommt der Mensch zu Gott, nicht durch noch so gut gemeinte Werke“. So hat es Martin Luther formuliert, dies war der Kern seines Auflehnens gegen die katholische Kirche. Auch heute müsse zuallererst der Glaube das Handeln der Kirche bestimmen, so sagt es der Kulturkritiker Klaus-Rüdiger Mai in seiner Streitschrift „Geht der Kirche der Glaube aus?“ zur Lage des Christentums, vorrangig der evangelischen Kirchen in Deutschland. Diesen hält er vor, sich mehr und mehr als politische Institution zu gebärden und in Denken und Handeln der Politik nachzueifern. Gehe das so weiter, bleibe letztlich nur eine „Hauptabteilung Kirche im Kanzleramt“.
Mais Buch hat alles, was eine Streitschrift ausmacht: Für die einen wird sie starker Tobak sein, andere werden sagen, genauso ist es. Sein Ziel, sagt er, sei es, der Selbstvergottung des Menschen und der damit einhergehenden Selbstsäkularisierung der Kirche zu wehren, ausgehend von der Befürchtung, der Kirche gehe der Glaube aus. Bindend für die Kirche sei „nicht mehr der Heilige Geist, sondern der Zeitgeist“. Kirche mache sich über Gebühr mit den Herrschenden gemein, übernehme deren Herrschaftsmechanismen, entfremde sich den Gläubigen und missachte ihre eigentlichen Aufgaben, die da seien Gottesdienst, Bibelstudium, Seelsorge, Diakonie, Bildung und Mission.
Mai belässt es nicht beim Aufdecken kirchlicher Desiderata, sondern weitet seine Polemik aus zu einer allgemeinen Kritik an Politik und Gesellschaft in Deutschland. Er konstatiert ein vor allem „rot-grün“ gefärbtes, selbstsüchtiges „neues Establishment“ in Politik und Medien, das gegen die Interessen der Mehrheit handele. Mit Blick auf die Politik offener Grenzen und damit verstärkter Zuwanderung, der ein gefühlsduseliger „Wohlfühlprotestantismus“ nur allzu bereitwillig akklamiere,  konstatiert er eine wachsende Unsicherheit vieler Menschen, ob der Sozialstaat einen ungebremsten Zustrom von Asylanten aushalten könne. Mai plädiert für eine Abkehr mit der Feststellung: „Sozialstaat braucht Nationalstaat.“
Der Autor sagt von sich, dass er „als Lutheraner“ wie jeder andere Verantwortung für seine Kirche trage und darum mit Schmerz die sich häufenden Kirchenaustritte registriere. „Der Mensch benötigt Gott“, schreibt er, Glaube erfahre man in der Kommunikation mit Gott. Ohne den Glauben und damit ohne Gott sei kein menschliches Zusammenleben möglich. Wie gesagt, eine Streitschrift par excellence, der man vor allem in der EKD-Kanzlei und in den Landeskirchen aufmerksame Leser wünscht. Dass man nicht allen mitunter sehr steiblen Thesen zustimmen kann, ist evident.
Grundsätzlich ist zu fragen, ob man mit solchen Büchern Menschen überhaupt noch ansprechen kann, denen christliche Glaubensüberzeugungen per se fremd sind – die Zahl dieser Menschen wächst bekanntlich ständig. Problematisch erscheint darum vor allem das Ende des Buches, in dem vehement für eine neue Mission des Christentums geworben wird. Mai verteidigt dies mit Bezug auf das Jesuswort „Gehet hin und lehret alle Völker“.
In der heutigen Welt, so sieht es selbst der Papst, muss es doch um ein verträgliches Miteinander der Religionen gehen. Propagierung religiöser Überzeugungen birgt gefährlichen Sprengstoff. Mission, so Mai dann allerdings auch, müsse durch überzeugende Zuwendung zum Mitmenschen geschehen. Dem kann man ja durchaus zustimmen.     Dirk Klose

Klaus-Rüdiger Mai: „Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018, broschiert, 190 Seiten, 15 Euro


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