»Krieg gegen den Terror« statt »Völkermord«?

Der Niederschlagung des Herero-Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika ging die Ermordung deutscher Zivilisten voraus

11.01.14
Hereros überfallen ein deutsches Lager: Darstellung aus der französischen Zeitung „Le Petit Journal“ des Jahres 1903. Bild: akg

Die Niederschlagung des Herero-Aufstandes vor 110 Jahren bedarf einer Kontextuierung. Dazu gehört auch die Thematisierung der Vorgeschichte. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die deutsche Intervention als eine Reaktion auf vorangegangene terroristische Angriffe von Hereros auf Zivilisten verstanden werden muss, einschließlich der damit gemeinhin verbundenen Kollateralschäden.

Angeblich kam es vor 110 Jahren im Nachgang zum Herero-Aufstand im Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika zu einem eiskalten Völkermord: Das deutsche Militär habe sämtliche Herero in die Wüste getrieben, wo um die 80000 von ihnen qualvoll verdurstet seien. Das jedenfalls vermelden die meisten Werke der einschlägigen Forschungsliteratur, in der zudem auch noch von „The Kaiser’s Holocaust“ oder einem „Weg von Windhuk nach Auschwitz“ die Rede ist. Allerdings basieren die Aussagen der Vertreter der Völkermord-These, darunter Medardus Brehl, Tilman Dedering, Christoph Marx, Henning Melber, Joachim Zeller und Jürgen Zimmerer, auf gefälschten britischen Dokumenten beziehungsweise Propagandawerken Horst Drechslers, eines DDR-Historikers ohne jedwede Landeskenntnis. Dahingegen lassen die echten Originalquellen die Ereignisse in einem deutlich anderen Licht erscheinen.
Die Herero waren seit jeher ein kriegerisches Volk, denn als Rinderhirten mussten sie oft um die raren Weideflächen für ihre Tiere kämpfen – so auch, als ihr Weg sie aus Zentralafrika ins heutige Namibia führte. Dort nämlich stießen die Nomaden um 1830 auf die Nama und später die Orlam, woraufhin sich blutige Stammeskriege entspannen, in denen der Wille zur Vernichtung des Gegners auch und gerade bei den Herero überdeutlich zutage trat. Um der Auslöschung zu entgehen, baten schließlich alle drei Stämme die Kolonialverwaltung von Deutsch-Südwestafrika um Schutzverträge, wodurch tatsächlich nach und nach ein wenn auch brüchiger Friede einzog. Allerdings betrieben die Herero weiter getarnt Aufrüstung, indem sie exzessiv Waffen und Munition kauften und dafür reichlich Vieh und Land in Zahlung gaben – so zum Beispiel 30 Rinder für ein Gewehr.
Allerdings profitierten davon beileibe nicht nur die Deutschen, wie häufig kolportiert wird. Der größte Teil der modernen Feuerwaffen in Hererohand stammte nämlich aus dem benachbarten Britisch-Betschuanaland (heute Botswana) beziehungsweise Südafrika. Dies resultierte einerseits aus dem hohen Fleischbedarf der Briten in der Kapkolonie, zum anderen steckte offenbar die Absicht dahinter, durch die Waffenverkäufe ein permanentes Unruhepotenzial in dem deutschen Schutzgebiet zu schaffen, denn natürlich bestand eine koloniale Konkurrenz zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich.
Vor diesem Hintergrund sind auch die geheimen Absprachen zwischen den Briten und dem Häuptling der Ovaherero, einem Clan der Herero mit Sitz in Otjinene, Samuel Maharero (1856–1929) zu sehen, der zum Initiator des Herero-Aufstandes werden sollte, der am 12. Januar 1904 mit dem Sturm auf Okahandja begann. Maharero erkaufte sich zunächst das Wohlwollen des Empire, indem er britische Farmer, von denen es in Deutsch-Südwestafrika immerhin an die 500 gab, verschonen ließ, obwohl diese genauso auf früherem He­re­ro­land saßen. Dahingegen mussten bis Ende Januar 108 deutsche Zivilisten, also auch Frauen und Kinder, ihr Leben lassen – teilweise vor den Augen ihrer schwer traumatisierten Angehörigen oder infolge grausamster Foltern, denen dann auch noch demonstrative Verstümmelungen der Leichen folgten, an denen die Herero-Frauen maßgeblich beteiligt waren. Man kann hier also mit Fug und Recht von nicht militärisch bedingten Tötungsaktionen sprechen, welche darauf abzielten, unter den restlichen Siedlern Angst und Schrecken zu verbreiten und sie zur Aufgabe ihrer Besitztümer zu nötigen, womit das Ganze eindeutig unter die heute gebräuchliche Definition von Terrorismus fällt.
Des Weiteren hatten Ma­ha­re­ros 4000 bis 4500 Krieger, denen übrigens nicht nur Deutsche zum Opfer gefallen waren, sondern ebenso eine unbekannte Anzahl von Angehörigen des schwarzen Volkes der Damara, auch keine Skrupel, ihre eigenen Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde zu benutzen, als sie sich im Sommer 1904 in Richtung des Waterbergs absetzten. Das bewahrte sie allerdings nicht vor der Niederlage in den Kämpfen am 11. und 12. August 1904, welche die Herero indes nur 42 Tote kostete.
Danach kam es laut gängiger, aber trotzdem grundfalscher Auffassung zum „Völkermord“ an den Herero: Die deutsche Schutztruppe habe einen Großteil des „besiegten“ Volkes in die wasserlose Omaheke-Wüste östlich des Waterbergs „gejagt“ und dort so lange „belagert“, bis an die 80000 Menschen verdurstet seien. Doch wie war es wirklich?
Zum einen kann niemand mit nüchternem Verstand behaupten, dass wenige hundert durch Krankheit geschwächte und schlecht versorgte Soldaten in der Lage gewesen sein sollten, den 250 Kilometer langen „Sperrbogen“ im Westen der 40000 Quadratkilometer großen Wüste über Monate hinweg „undurchlässig“ zu machen. Zum anderen war die Omaheke-Wüste auch keine „Todesfalle“, in welche die Herero gegen ihren Willen „gedrängt“ wurden. Wie der Publizist Walter Nuhn anhand von Dokumenten aus dem britischen Nationalarchiv nachweisen konnte, gingen Mahareros Anhänger diesen Weg ebenso bewusst wie freiwillig. Der Herero-Führer hatte sich nämlich schon vor der Schlacht am Waterberg an die britischen Behörden gewandt und um Asyl für den Fall nachgesucht, dass der Kampf gegen die Schutztruppe verloren gehe. Dem folgte ein weiterer Asylantrag im September, der dann im Folgemonat vom Colonial Office angenommen wurde. Mit Maherero erreichten über den Ngami-Trail, den die Herero seit alters her nutzten, weitere 1174 Aufständische den britischen Machtbereich. Und das waren bei weitem nicht die einzigen, die der Omaheke, die heute übrigens Kalahari genannt wird und eher eine sporadisch wasserführende Trockensavanne als eine Wüste darstellt, entkamen, denn 1930 zählten die Briten insgesamt 6000 Herero in Betschuanaland. Ebenso sei an die Kambazembi-Herero erinnert, die nach Norden und nicht nach Osten flohen und in Angola unterkamen. Desgleichen ist zu berücksichtigen, dass sich einige Häuptlinge schon vor der Schlacht am Waterberg mit ihrem Tross den deutschen Behörden stellten, so zum Beispiel Kanjeva aus Otjihaënena, Kaikaituo aus Omaruru und Zacharias aus Otjimbingwe.
Trotzdem hat es natürlich Tote unter den rund 30000 Herero gegeben, die am Ende tatsächlich in die Omaheke zogen. Allerdings sind diese keine Opfer deutschen Vernichtungswillens, sondern der Fehlkalkulation ihrer Häuptlinge. Letztere gingen nämlich davon aus, dass genügend Wasser vorhanden sei, weil in der Regenzeit reichlich Niederschlag gefallen war – das traf aber eben nicht für die Kalahari zu. Dazu rächte sich die Taktik der verbrannten Erde. Mit der Vergiftung der verbleibenden Brunnen und dem Legen von Buschfeuern hatten sich die Flüchtenden selbst ihren Rückweg aus der Wüste verbaut.
Die Krieger der Herero waren also mehrheitlich Terroristen, die mit einer fremden Macht paktierten und auf der Flucht in deren Herrschaftsbereich taktischen Irrtümern erlagen, was unter anderem zu nicht näher zu beziffernden Kollateralschäden unter den eigenen Zivilisten führte. 
Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Tanja Baumgarten:
15.01.2017, 00:56 Uhr

Natürlich sind nicht "die Deutschen" schuld, dass vier Fünftel aller Herero innerhalb weniger Jahren umkamen: Das waren wenige Einzelne: einige skrupellose Militärs des damaligen Kaiserreichs - und ein paar unbarmherzige Siedler, die die Lebensgrundlage der Herero jahrzehntelang systematisch untergraben hatten. Ihren Artikel empfinde ich nicht als mutige Richtigstellung, sondern als eine mutwillige Geschichtsklitterung, um die Politik eines vergangenen Staates von Schuld reinzuwaschen. Ja, es hat Kriegsgräuel durch die Herero gegeben, aber deutsche Soldaten haben anschließend Auge um Kopf, Zahn um Gebiss vergolten.
Der Kommentator Tom Orden oben bezeichnet deutsche Historiker und ihre Forschung als "Spinner und Meinungsmache". Diese Denkweise wird durch Ihren Artikel gefördert, indem falsch behauptet wird, es seien "80.000 Hereros zum Verdursten in die Wüste getrieben", um dann zu erklären, dass diese falsche Behauptung Stand der Forschung sei. Einige Details: Die Wasserstellen wurden meines Wissens von deutscher Seite blockiert und vergiftet; dass die Schutztruppe die Wüste umstellt haben soll, ist auch ein Hirngespinst. Von dem Omaheke-Massaker waren auch nur wenige tausend Herero betroffen. Der Großteil des Volkes kam erst in den Folgejahren um, weil überlebende, herumziehende Herero in Gefangenenlager gesteckt und dort konsequent vernachlässigt wurden.
Ich gebe Ihnen aber in einer Hinsicht recht: Es war ein sehr grausam geführter Krieg, und kein berechneter Völkermord, den man auf eine Linie mit dem späteren Holocaust stellen kann. Auch schon der Vergleich mit dem Armenien-Völkermord schlägt fehl.


Tom Orden:
22.01.2014, 12:22 Uhr

Sehr geehrter Herr Kaufmann,
Sie haben einen großartigen Artikel geschrieben; Danke dafür.
Dieses Thema ist aktueller denn je, da sich 1914/2014 der Beginn des 1 Weltkrieges jährt und man unser Land bestimmt wieder mal mit dummen, haltlosen Vorwürfen quälen wird!
Diese Vorwürfe werden vor allem von grün/linker Seite getätigt werden und ebendiese grün/linken Gauner kann nicht mal der "Orden der Patrioten" zur Vernunft bekehren, egal wie viele Flugblätter mit Beweisen und Argumenten wir vorlegen.
Aber es ist wichtig diesen Volksverleugnern zu zeigen, das ES EBEN DOCH ANDERS WAR und das wir die politisch korrekte Meinung dieser Spinner NICHT als die einzig wahre akzeptieren! Ihr Artikel Herr Kaufmann ist dabei sehr hilfreich, denn er zeigt uns wie es wirklich gewesen ist. Danke dafür.


Gernot Schmidt:
18.01.2014, 12:58 Uhr

Der hervorragende Artikel über den Hereroaufstand, zu dem man sich allenfalls noch Quellenangaben wünscht, bedarf noch einer Ergänzung hinsichtlich der "Schlacht am Waterberg". Sofern ich es richtig in Erinnerung habe, beschrieb Victor Franke, damals Hauptmann, das Gefecht als Desaster für die Deutschen. Es gab Scharmützel im unübersichtlichen Buschland, dem etliche Soldaten zum Opfer fielen. Der Plan war, dass drei Einheiten die Herero am südlichen Fuße des Waterbergs einkesseln sollten. Die von Westen und Süden anrückenden Soldaten mussten warten, bis der von Osten vorkämpfende Trupp endlich den Kessel geschlossen hatte. Allerdings war der Kessel leer, da sich die Hereros durch die Lücke, die durch das verspätete Eintreffen des dritten Trosses entstanden war, nach Osten in die Omaheke-Wüste abgesetzt hatten. Die deutschen Siegesbotschaften, die Berlin erreichten waren letztlich Propaganda zur Gesichtswahrung.


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