Kriegsbeute als Nostalgieobjekt

Eine deutsche Dampflok erhielt einen Ehrenplatz auf dem Königsberger Nordbahnhof

15.09.10
Herausgeputzt: In neuem Farbanstrich lockt die BR 52 alias TE Nr. 858 Besucher an. Bild: Tsch.

Auf dem Königsberger Nordbahnhof steht ein ungewöhnliches Exponat: Eine als Kriegsbeute erstandene Lokomotive der Baureihe 52, die bis in die 70er Jahre unter der sowjetischen Bezeichnung TE Nr. 858 im Einsatz war.

Lokomotiven der Serie TE (nach deutscher Klassifizierung BR 52) gab es in der Sowjetunion erstmals 1943 als Kriegsbeute. Über 2000 dieser deutschen Lokomotiven kamen in der Sowjetunion zum Einsatz. Es handelt sich um sogenannte „Kriegslokomotiven“, deren Konstruktion speziell auf die wirtschaftlichen Bedingungen des Krieges ausgerichtet waren: Materialknappheit, Nachschubtransport, die einfache Wartung unter schwierigen Bedingungen, Unempfindlichkeit gegen harte Witterungsbedingungen. Die Konstruktionslinie der Kriegsdampflokomotiven wurde Anfang 1942 eingesetzt. Die Produktionsabläufe wurden von Einzelfertigung auf eine Großserienproduktion umgestellt. Kriegslokomotiven sollten technisch so einfach wie möglich sein. Ihre Konstruktion war auf schnelle und kostengünstige Produktion in großen Stückzahlen ausgerichtet. Tatsächlich erwiesen sich die Lokomotiven der BR 52 als sehr zuverlässig. Obwohl ihre Nutzungsdauer ursprünglich nur auf fünf Jahre ausgelegt war, blieb diese Lok in der Sowjetunion bis Mitte der 70er Jahre in Betrieb.
Der Großteil der erbeuteten Lokomotiven musste bei der Umspurung auf das russische Breitspurnetz von 1520 mm verändert werden. Durch Aufschweißen entsprechender Verbreiterungen auf die Radnaben gelang dies problemlos. Die übrigen Loks mit Normalspurbreite von 1435 mm kamen im nördlichen Ostpreußen zum Einsatz. Die deutschen Loks erhielten nach der sowjetischen Klassifizierung die Bezeichnung TE. Die erbeutete Lok hatte in ihrem Charakter Ähnlichkeiten mit der russischen Lokserie E, die im zaristischen Russland und auch später in der Sowjetunion gebaut wurde. Heute gibt es weltweit noch 300 Loks des Typs TE. Als Denkmal sind sie jedoch nur in wenigen Städten zu sehen: in Wilna, Luninez in Weißrussland, im nördlichen Ostpreußen in Königsberg, Tilsit und Insterburg.
Die Lokomotive, die nun als Ausstellungsstück auf dem Königsberger Nordbahnhof zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1943. Anfang 1945 setzten die Sowjets sie zur Last- und Personenbeförderung Richtung Königsberg ein. Nach Einführung des Dieselantriebs Mitte der 70er Jahre geriet die TE 858 aufs Abstellgleis. Allerdings waren noch bis in die 1990er Jahre viele Loks als strategische Reserve abgestellt. Nun wollte man sie bald verschrotten. Die Leitung der Königsberger Eisenbahngesellschaft hatte aber andere Pläne. Sie wollte die Lok als Museumsstück auf dem Nordbahnhof behalten. Das Königsberger Exponat ist damit die sechste Lok aus der Serie TE Nr. 858, die auf ostpreußischem Gebiet als Museumsstück ausgestellt ist. Die ersten beiden wurden  2000 auf dem Platz des Königsberger Eisenbahnmuseums beim Südbahnhof platziert und weitere drei auf den Bahnhöfen von Insterburg und Tilsit.   

Jurij Tschernyschew


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