Lauter, lauter!

Ärgernis Akustik – Schrille Klänge in Hamburgs Elbphilharmonie

30.01.19
Eine sensible Dame: Großer Saal der Hamburger Elbphilharmonie Bild: Monika Rittershaus

Nein, da würden sie niemals hineingehen. Als die Elbphilharmonie noch in ihrer viel zu langen und viel zu teuren Bauphase war, schworen sich sogar klassikaffine Hanseaten, ihren neuen Konzertsaal am Hafen zu boykottieren. Die Zeiten, als man den Bau wegen der ins Uferlose angestiegenen Baukosten auf fast eine Milliarde Euro und der um sieben Jahre verschobenen Eröffnung als Ärgernis betrachtete, scheinen vorbei zu sein. Aus „Elphi“-Hassern wurden „Elphi“-Schwärmer.
Das legen jedenfalls Zahlen nahe, die Hamburgs Senat jetzt veröffentlicht hat. Demnach wird es sowohl für den Betrieb wie für die Bespielung des Hauses nicht die erwarteten Verluste geben. Im Gegenteil: Weil der große Saal ständig ausverkauft ist, schloss man die Saison 2017/18 statt des erwarteten Minus von 817000 Euro mit einem Plus von 90000 Euro ab. Und weil das auf einem alten Kaispeicher errichtete Ge­bäude selbst ein architektonischer Star ist, haben seit der Eröffnung im Januar 2017 rund 8,5 Millionen Menschen die Plaza besucht, von der aus man im achten Stockwerk per Rundgang um das Gebäude den Blick auf Hamburg und seinen Hafen genießen kann. Über den Kartenvorverkauf nahm die Stadt allein für diese Besichtigung 2,3 Millionen Euro ein.
Kaum kamen diese Zahlen heraus, kam es wenige Tage später zu einem Eklat während eines Konzerts. Als der Startenor Jonas Kaufmann eine leise Stelle in Mahlers „Lied von der Erde“ sang, nahmen einige Konzertbesucher einen ge­räuschvollen Wechsel auf freie Plätze in den ersten Reihen vor, um besser hören zu können. Daraufhin kam Protest aus dem Zuhörerblock hinter dem Orchester: „Hier hört man auch nichts.“
Hätte noch gefehlt, dass jemand „lauter“ schreit. Eigentlich sollte die Raumakustik im Großen Saal, in dem man rund um das Orchester sitzt, unschlagbar sein. Doch nicht nur bei Liederabenden zeigt sie Schwächen. In leisen Konzertstellen hört man jedes Rascheln, jedes Hüsteln und jedes Hin- und Herrücken auf dem Sitz. Der Saal besitzt eine sterile Studioatmo­sphäre, die ideal für Tonaufnahmen ohne störendes Publikum ist.
Nach dem Eklat beim Konzert deutete Kaufmann an, dass er zukünftig lieber in Hamburgs altem Konzertsaal, der Laeisz­halle, singen würde. Wer das Pech hat, in dem über 100 Jahre alten Saal in einem der Seitenränge zu sitzen, muss sich zwar die Köpfe verrenken, kommt dafür aber in den Ge­nuss eines warmen klanglichen Charmes, welcher der unterkühlten Elbphilharmonie fehlt.
Nach Konzerten im neuen Saal gehen viele ernüchtert und manche sogar vorzeitig aus dem Haus. So sind mitten bei einem Jazzkonzert im November ganze Massen geflüchtet. Neben der Akustik sind sogenannte Saaltouristen, die per Bus aus fernen Winkeln der Republik anreisen, das nächste Ärgernis. Wer über ein Busunternehmen ein Kompletpacket mit Unterkunft und Ticket bucht, nur um die Elphi zu sehen, hat mitunter das Pech, mit Jazz statt Klassik befüttert zu werden. So bleiben häufig nach der Pause viele Plätze leer, weil sich die auswärtigen Besucher lieber die Stadt ansehen wollen.
Während die Hotellerie von diesen Gästen profitiert, schauen die Hamburger, die so lange auf ihren teuren Saal gewartet haben, häufig dumm aus der Wäsche. Wenn sie sich um eine Eintrittskarte bemühen, geht es meist nur per Losverfahren. Nur einige wenige mit Losglück dürfen rein.    Harald Tews


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