Lindner will die Arbeiter zur FDP locken

16.01.20

Die FDP hat es nicht leicht: Im Reichstag fällt sie zwischen AfD und Grünen kaum auf. Und aufgrund der Schwäche der Union fehlt ihr eine realistische Machtoption, nachdem der Partei- und Fraktionsvorsitzende Christian Lindner die Teilnahme an einem Jamaika-Bündnis abgelehnt hatte.
So war der Ober-Liberale froh, dass er anlässlich des traditionellen Dreikönigstreffens einen personellen Joker ziehen konnte. Florian Gerster, ehemaliger Bundestagsabgeordneter, einst Sozialminister in Rheinland-Pfalz und bis vor Kurzem SPD-Mitglied, ist zur FDP übergetreten. Mit diesem Neuzugang, der seiner ehemaligen Partei bescheinigte, „auf dem Weg zu einer Sekte zu sein“, will Lindner die FDP als moderne Arbeiterpartei positionieren.
Mit ihrem Linkskurs wende sich die SPD gegen Facharbeiter und Angestellte, für die Leistungsgerechtigkeit und Aufstiegschancen wichtige Werte sind. Die „neue“ SPD lasse die arbeitende Mitte im Regen stehen, kreise zu sehr um die Ränder der Gesellschaft. Die Heimatlosen sollen der FDP nun zu neuer Größe verhelfen. „Damit enttäuschte SPD-Wähler nicht zur AfD wechseln, werden wir vor dem nächsten Tag der Arbeit vor die Werkstore gehen, um die Arbeiter zu überzeugen“, sagte Lindner. Auch kleinere Gewerbetreibende hätten ein Interesse an weniger staatlicher Gängelung, und in Zeiten der Klima-Debatte würden sich gerade Klein-Verdiener Gedanken machen, ob sie sich in Zukunft ein Auto leisten können.
Der Spagat Lindners ist gewagt. Nachvollziehbar scheint, dass er die Ex-SPD-Anhänger auf dem Weg zur AfD abfangen will. Demgegenüber stehen aber auch die Jungen Liberalen, die auf „Klimaschutz“ setzen, um mit den Grünen zu konkurrieren. Generalsekretärin Linda Teuteberg ist bemüht, einen Linksruck der Partei zu verhindern und kritisierte SPD, Linkspartei und Grüne wegen ihrer Forderungen nach Enteignungen und scharfen staatlichen Regulierungen des Wohnungsmarkts. „Wir erleben eine ernste Kampfansage an die soziale Marktwirtschaft.“
Auffallend ist die dünne Debattenkultur in der Partei. Die Wunden, die sich die FDP während ihrer letzten Regierungsbeteiligung selbst zufügte, als sie sich öffentlich zerlegte und schließlich 2013 aus dem Bundestag flog, sind noch tief. So bleibt es Exoten, wie dem Publizisten Rainer Zitelmann, ehemaliger Wortführer der Nationalliberalen und heute erfolgreicher Buchautor zum Thema Kapitalismus, vorbehalten, eine Lanze für den liberalen Markenkern zu brechen. Die FDP müsse die Partei derer sein, die einzahlen und nicht derer, die ausgezahlt bekommen. Peter Entinger


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