Links reden, rechts leben

Die Gesamtschule – ein politisches Ziel, das aber nur für die Kinder der anderen gelten soll

12.05.10
Stolz auf ihren Sohn Jan: Damit der 17-Jährige eine gute Ausbildung erhält, geht er aufs Gymnasium. ©pa

Sie predigen Wasser und trinken Wein: Viele linke Politiker leben privat lieber so wie der „rechte“ Klassenfeind. Das gilt auch für die Schulpolitik und den Umgang mit den eigenen Kindern.

Sonntagabend, 19 Uhr: Das rot-rot-grüne Lager feiert die Abwahl der schwarz-gelben Landesregierung. Freilich ohne zu ahnen, wer von ihnen künftig in Nordrhein-Westfalen mitregieren kann, darf oder will. Hochrechnungen und Ergebnisse sind knapp, die Mehrheitsverhältnisse ebenso undurchsichtig wie das Verhältnis der drei linken Parteien untereinander.
In einem allerdings sind sich SPD, Grüne und Linke einig: Wenn überhaupt landespolitische Themen bei dieser Wahl eine Rolle gespielt haben, dann die Schulpolitik. Sie wollen das dreigliedrige Schulsystem demontieren, wollen Hauptschule, Realschule und Gymnasium ersetzen durch die Gesamtschule – sozialistische Gleichmacherei schon im Klassenzimmer, wie konservative Kritiker es sehen.
Der Montag danach: Morgens um sieben ist die Welt in Unordnung. Die Kinder der roten und grünen Wahlkämpfer treten den Schulweg an, der Alltag hat sie wieder. Und der sieht ganz anders aus als die tollen Sonntagsreden von der ach so großartigen Chancengleichheit für alle. Denn nur für die Kinder aller anderen gilt das hehre Ziel. Die eigenen Kinder schickt man lieber auf genau jene Schulen, die man eigentlich ja abschaffen will.
Zum Beispiel die NRW-Landesvorsitzende der Grünen, Daniela Schneckenburger. „Wir Grüne wollen die Talente nicht länger brachliegen lassen, sondern eine einheitliche Schule für alle Kinder“, tönte sie noch am Sonntagabend in alle Mikrofone und Kameras. Sie kennt sich da bestens aus, hat schließlich als Lehrerin an einer Gesamtschule gewirkt. Vielleicht gerade deshalb schickt sie am Montagmorgen ihre beiden Kinder aufs Gymnasium.
Oder Katharina Schwabedissen, Vorstandssprecherin des Linken-Landesverbands: Die kämpferische Krankenschwester, die sich gern auch mal auf die Rotfront-Ikone Rosa Luxemburg beruft, kann es sich leisten, ihre beiden Söhne auf eine Privatschule zu schicken – was vielleicht als subtiler Beitrag zum antikapitalistischen Klassen(zimmer)kampf gemeint ist.
Auch Hannelore Kraft, die Spitzenkandidatin der nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten, weiß zwischen öffentlichem und privatem Schulweg zu unterscheiden. Aus dem Wahlkampf nimmt sie in die nun anstehenden Sondierungsgespräche die Warnung mit, „immer mehr junge Menschen an den Hauptschulen der Perspektivlosigkeit zu überlassen“. Ihre öffentliche Schlußfolgerung aus dieser in der Sache durchaus berechtigten Erkenntnis: Das traditionelle dreigliedrige Schulsystem muss weg, die Einheits-Gesamtschule für alle muss her. Und ihre private Konsequenz: Der Sohn geht aufs Gymnasium. Nicht auf irgendeins, sondern auf eine als eher elitär geltende zweisprachige Schule, an der er seine als Austauschschüler in Amerika erworbenen Englischkenntnisse vertiefen soll.
Den von den rot-rot-grünen Vorturnerinnen geprägten Trend bestätigte eine Umfrage der Tageszeitung „Die Welt“. Danach bevorzugen fünf von sechs Vorstandsmitgliedern der SPD-Landtagsfraktion für die eigenen Kinder das konventionelle Gymnasium; nur einer lässt eines seiner drei Kinder die Gesamtschule erproben. So mutig ist laut „Welt“ unter den Parteivorständen der Linken und der Grünen sowie auf den vorderen Plätzen der Landeslisten kein einziger: Ausnahmslos geben sie sich alle in der Schulpolitik nach außen progressiv, daheim aber zutiefst konservativ. Lediglich der bisherige Fraktionsvorsitzende der CDU, Helmut Stahl, ließ seine beiden Kinder auf der politisch von ihm bekämpften Gesamtschule fürs Leben lernen – was den inzwischen erwachsenen jungen Leuten offenbar nicht geschadet, möglichweise aber zur Verwirrung der Wähler beigetragen hat.
Progressiv politisieren, konservativ agieren (oder manchmal eben auch umgekehrt), das entspricht dem altbewährten Motto „Links reden, rechts leben“. Paradebeispiel dafür ist der Noch-Vorsitzende der Linken und vormalige SPD-Chef Oskar Lafontaine. Der sinnenfrohe „Napoleon von der Saar“ verstand es schon immer, persönlich das Gegenteil seiner Predigten von der sozialen Gerechtigkeit zu leben. Einst ließ er sich, im hohen Alter von unter 50, zusätzlich zu Ministerpräsidentengehalt und Abgeordnetendiäten eine Pension als ehemaliger Oberbürgermeister zahlen; die zu Unrecht überwiesenen „peanuts“ in Höhe von 230000 D-Mark auf seinem Konto waren ihm – ganz sozial gerecht – gar nicht aufgefallen. Ein Versäumnis, dass weder seine damaligen noch seine heutigen Parteifreunde störte.
Oder Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Mitglied der Grünen: Vor zwei Jahren ließ er die Lufthansa bestreiken, was freilich nicht flächendeckend gelang. So konnte Bsirske zwischenzeitlich von den Strapazen des Arbeitskampfes ausspannen – im sonnigen Los Angeles, per Erste-Klasse-Freiflug mit der Lufthansa (zufällig ist der Streikführer auch deren Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender). Erst nachträglich, als die Sache aufgeflogen war, zahlte er die über 10000 Euro teuren Tickets.
„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“, hatte schon der Kommunist Bertolt Brecht erkannt. Daran hielt sich auch die langjährige sozialdemokratische Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, wie Grünen-Sprecher Jürgen Trittin ursprünglich dem Kommunistischen Bund entstammend. Ihre für den Steuerzahler etwas teure Art des Urlaubens fiel erst auf, als sie sich in Spanien den Dienstwagen klauen ließ. Abgestraft wurde sie dafür nicht von den Genossen, sondern vom Wähler.     
 

Hans-Jürgen Mahlitz


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