Literarisch erfolgreicher Bruchpilot

Vor 75 Jahren stürzte der Autor des »Kleinen Prinzen« ab – Wurde Antoine de Saint-Exupéry von einem Deutschen abgeschossen?

02.08.19
Fühlte sich auf dem Pilotensitz ebenso wohl wie am Schreibtisch: Antoine de Saint-Exupéry Bild: Imago Images/ZUMAKeystone

Mit seiner märchenhaften Erzählung „Der kleinen Prinz“ wurde er ein weltberühmter Schriftsteller, mit seinem tödlichen Absturz als Pilot vor 75 Jahren zum Mythos: Antoine de Saint-Exupéry.

Der Franzose war jedoch viel mehr als der Autor von solchen unsterblichen Sätzen wie „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen“. Als Schriftsteller hat er neben dem märchenhaft-philosophischen „Kleinen Prinzen“ noch viele andere Titel verfasst – sofern ihm als Piloten der Luftstreitkräfte dafür Zeit blieb.
Der am 29. Juni 1900 in Lyon geborene Sohn eines Grafen wuchs behütet auf den Gütern seiner Familie in Südfrankreich auf und flog mit zwölf Jahren zum ersten Mal in einem Flugzeug. Der Pilot und Konstrukteur Ga­briel Salvez-Wroblewski glaubte seiner Lüge, er habe die Erlaubnis der Mutter dazu. Die Fliegerei schien ihn schon als Kind fasziniert zu haben, doch der junge Antoine hegte den Wunsch, Marineoffizier zu werden, aber ohne Erfolg. Auch sein begonnenes Architekturstudium schloss er nicht ab.
Zwischen 1921 und 1923 wurde er während seines Wehrdienstes zum Flugzeugmechaniker ausgebildet, die Ausbildung zum Piloten erfolgte jedoch nicht über das Militär, sondern über private Flugstunden – ihm fehlten die geforderten Vorbereitungskurse. Schon als junger Mann ging er immer eigene Wege, und zwar nicht immer die geradesten.
Die Laufbahn als Berufspilot beim Militär verhinderte seine zukünftige Schwiegermutter, die diese Beschäftigung als viel zu riskant einstufte. Zu der Hochzeit kam es nicht, so flog „Saint-Ex“, wie man ihn in der Flugstaffel nannte, nur zum Privatvergnügen.
1923 nutzte er sein Können als Pilot zum ersten Mal als Verdienstmöglichkeit, indem er kurze Rundflüge über Paris anbot. Während dieser Zeit knüpfte er die ersten Kontakte zu Pariser Li­teraten. Kurz darauf schrieb Saint-Exupéry seine erste Novelle „L’Aviateur“ (Der Flieger). Bei einer Luftfahrtgesellschaft angestellt, flog er weit über die französische Grenze hinweg Post aus.
Für gut ein Jahr leitete er einen einsamen Flugplatz südlich von Marokko gelegen. Während dieser Zeit musste er gleich 14-mal Kollegen aus der Wüste retten und erhielt dafür den Chevalier de Légion d’Honneur, den höchsten Orden Frankreichs für Zivilisten, und schrieb seinen Roman „Courrier Sud“ (Südkurier), eine Geschichte über einen Piloten, der bei einem Postflug nach Dakar ums Leben kommt.
Saint-Exupérys Weg führte schließlich zu einer Fortbildung zum Navigator nach Argentinien. Dort führte er gefährliche Nachtflüge pflichtgemäß aus, was er sogleich in seinem Roman „Vol de nuit“ (Nachtflug) verarbeitet hat. Dieses Werk brachte für den Piloten den Durchbruch als Autor.
Nach der Hochzeit mit Consuelo Suncin Sandoval arbeitete er als Streckenpilot in Westafrika, wo er Wasserflugzeuge testete – und beinahe ums Leben kam. Der Glückspilz überlebte auch einen Absturz 1935 in der ägyptischen Wüste und wurde nach einem Fünftagesmarsch durch die Wüste zusammen mit seinem Mechaniker ohne genügend Trinkwasser von einer Karawane gerettet.
Das war nicht sein letzter Absturz. In Guatemala erlitt er bei einem Unglück im Jahr 1938 schwere Verletzungen und nutze die Genesungszeit, um „Terre des hommes“ (Erde der Menschen oder Wind, Sand und Sterne) zu verfassen.
1939 wurde er nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eingezogen. Zunächst bildete er Piloten aus, dann flog er selbst bei einem Aufklärungsgeschwader. Da­bei blieb Saint-Exupéry als Autor nicht untätig. Sämtliche Erlebnisse verarbeitete er in Texten wie „Pilote de guerre“ (Kriegsflieger) oder eben 1943 in der kleinen Erzählung „Le petit prince“ (Der kleine Prinz), die dem Autor Weltruhm einbrachte. Kurz darauf wurde er als Pilot ausgemustert, weil er die Altersgrenze überschritten hatte und durch diverse Verletzungen nicht mehr voll flugfähig war. Der eigentliche Grund war vielleicht eine weitere Bruchlandung in Algerien. Aufgrund seiner Bekanntheit wurde er jedoch für einige Aufklärungsflüge reaktiviert, die er von Sardinien und von Korsika aus startete.
Was seinen Fliegermythos auslöste, war wohl nicht nur seine Berühmtheit als Autor, sondern sein letzter Flug im Zuge der Reaktivierung. Der schreibende Pilot war ein wahres Stehaufmännchen, das sich scheinbar von jeder Bruchlandung wieder erholte. Nur von seiner letzten nicht. Seit dem 31. Juli 1944 gilt Antoine de Saint-Exupéry im Meer vor Marseille als verschollen. Damit waren Gerüchten Tür und Tor geöffnet.
War es ein Selbstmord, weil seine Fliegerzeit zu Ende ging? Wurde er abgeschossen, und wenn ja, von wem? Konnte er das schnelle und anspruchsvolle Flugzeug nicht bedienen? Die Lockheed F-5 war ein schnelles und hochfliegendes Aufklärungsflugzeug, Saint-Exupéry, der zu­vor meist Doppeldecker geflogen war, fühlte sich in den modernen Cockpits dieser schnellen und anspruchsvollen Jagdflugzeuge eher unwohl. Oder gab es einen technischen Defekt?
Im Jahr 2000 wurde die Maschine entdeckt. Luc Vanrell, ein französischer Taucher, und der Vereinsgründer zur Suche vermisster Flugzeuge, Lino von Gartzen, orteten Teile der Maschine in der Nähe der Île de Riuo auf dem Grund des Mittelmeeres. Drei Jahre später wurde sie geborgen und 2004 identifiziert als Aufklärungsflugzeug des berühmten Schriftstellers. Da die Fundstelle weiter westlich von seiner eigentlichen Route lag, wird da­von ausgegangen, dass er eigenmächtig Aufklärungsfotos von Marseille machen wollte, um seine Fliegerzeit doch noch zu verlängern. Aber auch das sind nur Spekulationen.
Recherchen Vanrells und von Gratzens zufolge soll der deutsche Jagdflieger Horst Rippert, später Sportberichterstatter beim ZDF, für seinen Abschuss verantwortlich zeichnen. Rippert gab 2008 an: „Wenn ich gewusst hätte, dass das Saint-Exupéry war, hätte ich niemals geschossen, niemals.“ Die Scham über den Abschuss war vielleicht der Grund dafür, weshalb Rippert, ein bekennender Leser der Werke Saint-Exupérys, in früheren Jahren den Abschuss leugnete.
Durch die lange Aufklärungslücke zwischen 1944 und 2008 sind die Spekulationen und damit der Mythos um den fliegenden Literaten nie versiegt. Kein Wunder also, dass sich viele Autoren an dem Mythos, der sich um Saint-Exupéry rankte, stofflich bedienten. Außerdem wurden nach ihm Flughäfen und Straßen benannt, selbst auf einem bis 2002 gültigen 50-Franc-Schein war sein Antlitz abgedruckt.
    Christiane Rinser-Schrut


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