Macht zu die Tür, die Tore macht dicht

Bischöfe fordern Kirchenschließung und Gemeindezusammenlegung – Gläubige wehren sich

08.01.12
Mitglieder der St.-Barbara-Gemeinde besetzen ihre Kirche: Die Gemeindemitglieder wollen die geplante Schließung von drei Kirchen und die Zusammenlegung von mehreren Gemeinden verhindern. Bild: pa

Zu einem bisher einzigartigen Kirchenprotest griffen katholische Christen in Duisburg. Wegen der geplanten Schließung ihrer Kirche im Jahr 2015 besetzten sie am Nikolaustag ihr eigenes Gotteshaus. Zu wenig Gläubige und zu viele Gebäude – vor diesem Problem stehen auch die evangelischen Landeskirchen.

Seit der damalige Bischof Felix Genn im Jahr 2006 das „Ende der Volkskirche“ in seinem Ruhrbistum verkündete, brodelt es im Revier. Der Plan des Bischofs, die Finanzmittel für 96 Kirchen, jede vierte im Bistum, zu streichen, stieß aber anfangs auf wenig aktiven Protest. Die über 300 Gemeinden sollten zu rund 40 Großbezirken fusioniert werden. Doch seit Genn Bischof in Münster geworden ist, hat sein vor zwei Jahren eingesetzter Nachfolger, Franz-Josef Overbeck, nun den Ärger mit zunehmend frustrierten Gläubigen, die an ihren Gotteshäusern hängen.
Überall im Land, auch bei evangelischen Schließungsvorhaben, regt sich meist dann erst Widerstand, wenn die Schließungsvorhaben konkret werden. Für die engagierten Angehörigen der betroffenen Gemeinden ist die „Profanierung“ einer Kirche meistens schmerzhaft und mit Enttäuschungen verbunden. Die Kirchenmitglieder verbinden mit den Gebäuden oftmals wichtige biografische Ereignisse wie Taufe, Erstkommunion, Konfirmation oder eine  Eheschließung. Treue Gottesdienstbesucher verlieren ihre fußläufig erreichbare Kirche.
Aus der Perspektive der jeweiligen Kirchenleitungen sieht die Sache freilich anders aus. Die Einnahmen aus Kirchensteuern sprudeln nicht mehr so reich wie noch in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, wo viele neue Kirchen gebaut wurden. Die katholische Kirche in Deutschland besitzt heute rund 24500 Gebäude, wovon höchstens drei Prozent geschlossen werden sollen, wie die katholische Bischofskonferenz mitteilte. Das wären rund 700 Kirchen. Betroffen sind vor allen Gegenden, in denen sich die Bevölkerungsstruktur durch Geburtenrückgang oder Migrationsbewegungen stark verändert hat. Auch der zurückgehende Gottesdienstbesuch der Gläubigen und Kirchenaustritte spielen eine Rolle.
Diese Faktoren kommen im
Duisburger Norden, wo seit 2008 die größte Moschee Deutschlands steht, wie in einem Brennglas zusammen. Die Gemeindemitglieder der von der Schließung bedrohten St.-Barbara-Kirche sehen sich einer mehrheitlich muslimischen Stadtteilbevölkerung gegenüber. Besonders bedrohlich erschien den Gläubigen, dass auch zwei weitere benachbarte Kirchengebäude geschlossen werden sollen, sodass in Zukunft weite Anfahrtswege für den Besuch der Heiligen Messe in Kauf genommen werden müssten.
Das Bistum Essen hat nun angekündigt, die Argumente der Kritiker zu prüfen. Bischof Overbeck will Anfang dieses Monats die Pfarrgemeinde besuchen und die Gläubigen anhören. Ob die für 2015 geplante Schließung tatsächlich durchgeführt wird, dürfte auch von den finanziellen Mitteln abhängen. In anderen Gegenden konnten Kirchenschließungen dann verhindert werden, wenn engagierte Gläubige einen Förderverein gründeten und so einen Beitrag für die hohen Betriebskosten des Kirchengebäudes aufbrachten. Doch diese Möglichkeit scheint es im
Duisburger Norden kaum zu geben. Die Schar der Gottesdienstbesucher ist klein und zudem arm. Wie diese Gruppe in einer Gegend von hoher Arbeitslosigkeit Mittel in Höhe einiger zehntausend Euro jährlich aufbringen soll, ist ein Rätsel.
Vor ähnlichen Problemen stehen auch evangelische Landeskirchen. Hier sorgte der millionenfache Auszug von Gemeindegliedern für einen empfindlichen Aderlass bei den Kirchenfinanzen. Den Sonntagsgottesdienst besuchen im Durchschnitt nur noch vier Prozent von 24 Millionen Kirchenmitgliedern. Die innerkirchlichen Reformversuche der letzten Jahrzehnte blieben weitgehend wirkungslos. Nun stehen heute hohe Renovierungskosten an, besonders für die in den letzten Jahrzehnten gebauten „Betonkirchen“. Können diese Kosten nicht aufgebracht werden, müssen die Gebäude umgewidmet, abgerissen oder verkauft werden. In der Evangelischen Kirche im Rheinland gab es seit 1985 über 30 Kirchenschließungen, davon 22 allein im Jahr 2004. In der Nordelbischen Kirche
musste unter der Ägide der Hamburger Landesbischöfin Maria Jepsen mehr als zehn Kirchen aufgegeben werden.
Diesen kirchlichen Problemen Deutschlands widmete Papst Benedikt in seiner Ansprache beim Weih-nachtsempfang für die Kurie am 22. Dezember einen besonderen Abschnitt. Im Rückblick auf seinen Deutschland-Besuch im September stellte er fest, dass „Skepsis und Unglaube“ wachsen würden.  Darüber, was man machen müsse, damit die Trendwende gelinge, gäbe es „nicht endende Dispute“. Der Kern der Kirchenkrise in Europa sei keine finanzielle, sondern eine „Krise des Glaubens“. Es gelte eine Antwort darauf zu finden, wie der Glaube eine „tiefe und reale Kraft von der Begegnung mit Jesus Christus her“ finden könne. Sonst würden alle Reformversuche „wirkungslos“ bleiben.  Hinrich E. Bues


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Kommentare

Wilhelm Eisenblätter:
10.01.2012, 12:47 Uhr

Denkbar ist noch mehr Kirchen-rückbau, wenn der Islam wahrhaftig zu Deutschland gehören sollte und christliche Gemeinden noch weiter sinnlos Geld für den Bau neuer Moscheen spenden würden.


hugo preuße:
8.01.2012, 18:31 Uhr

Macht doch nichts!
Stephen Hawking wird bald den Anti-Gottesbeweis, die Antitheodizee in eine Formel pressen.
Damit wäre allen geholfen und die Kirchensteuer fiele weg!
Dass dies dem Guido W. nicht eingefallen ist! Eine reale Steuersenkung eben!


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